Corona-Lockerungen

Die Läden öffnen wieder! Einzelhändler bereiten sich vor

Bernd Gaulke vom "Spielehörnchen" in Buchholz hat während der Schließung über einen Abholservice verkauft. Ab Montag dürfen bis zu zehn Kunden zeitgleich in das Geschäft.

Bernd Gaulke vom "Spielehörnchen" in Buchholz hat während der Schließung über einen Abholservice verkauft. Ab Montag dürfen bis zu zehn Kunden zeitgleich in das Geschäft.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Geschäftsinhaber haben kreative Ideen entwickelt, um für die eigenen Sicherheit und die der Kunden zu sorgen. Das Abendblatt hat sich umgehört

Montag geht es los. Dann dürfen Geschäfte bis zu einer Größe von 800 Quadratmetern wieder ihre Türen öffnen. Das sehen die geplanten Lockerungen in der Corona-Krise vor, die Kanzlerin und Ministerpräsidenten am Mittwoch beschlossen haben. Nicht nur viele Handelsketten, sondern auch inhabergeführte Läden bereiten sich auf den Neustart vor. „Die Händler stehen in den Startlöchern“, sagt Melanie-Gitte Lansmann vom Citymanagement Harburg e.V., dem 86 Mitglieder mit 380 angeschlossenen Unternehmen angehören.

„Viele freuen sich darauf, wieder öffnen zu dürfen. Doch es gibt auch Händler, die aus Sorge vor einer Ansteckung, ihr Geschäft weiterhin geschlossen lassen.“ Wie viele tatsächlich öffnen werden, hänge auch von den Vorgaben des Senats ab, auf die sich die Geschäfte bis Freitagnachmittag gedulden mussten. „Nicht jeder sei in der Lage innerhalb von zwei Tagen alle Sicherheitsvorkehrungen zu treffen“, so Lansmann. „Der Neustart braucht Besonnenheit.“

Während viele Handelsketten den Shutdown dafür genutzt haben, um Hygienemaßnahmen in den Filialen vorzubereiten (siehe Info), haben viele kleinere Händler erst unmittelbar nach Bekanntgabe am Donnerstag damit begonnen, sich auf die Wiedereröffnung vorzubereiten. Unter Auflagen allerdings, die bis dato noch gar nicht im Detail bekannt waren. Und mit vielen kreativen Ideen.

Erstmal bis hierhin und nicht weiter!

Einer davon ist Rainer Bliefernicht, Inhaber des Spielwarengeschäfts Spiel-Sport Grob. Am Donnerstag hat er aus dem Deko-Fundus das Pappschild mit dem großen „Stopp“ herausgesucht. Er ist froh, dass er es nicht längst entsorgt hat. Ab Montag wird es im Eingang des Traditionsladens in der Buxtehuder Innenstadt stehen und den Kunden anzeigen: Erstmal bis hierhin und nicht weiter! Zwei, höchstens drei Gruppen will der Inhaber zeitgleich in den Laden lassen.

Draußen auf dem Asphalt sorgen aufgemalte Smileys für den nötigen Abstand der Kunden. Für die Mitarbeiter hat Bliefernicht eine klare Ansage erteilt, die sie vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützen soll: „Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen!“ „Mehr an Schutzmaßnahmen werden wir nicht verlangen“, sagt der Einzelhändler, der froh ist, dass er sein Geschäft nach vielen Wochen Zwangspause endlich wieder öffnen darf.

Auch Marion Siemers von Alfi Schuh und die neun Mitarbeiter des Geschäfts in der Buxtehuder Innenstadt kann es kaum erwarten, wieder für die Kunden persönlich da zu sein. Die vergangenen Wochen hat sich das Geschäft mit dem Verkauf von Gutscheinen über Wasser gehalten. Die Filialleiterin und ihre acht Mitarbeiter waren auf Kurzarbeit, haben die Zeit genutzt, den Laden aufzuhübschen. Ab Montag gelten für den Verkauf im Schuhladen strikte Regeln für Kunden und Mitarbeiter.

„Wir werden nicht mehr als vier bis fünf Kunden zeitgleich hereinlassen“, sagt Marion Siemers. „Darüber hinaus werden wir mit Mund-Nasenschutz und Handschuhen arbeiten.“ Angst vor Ansteckung hat Marion Siemers keine. „Ich gehe davon aus, dass sich auch die Kunden an die Hygiene- und Abstandsregeln halten“, sagt sie. „Wenn jeder Rücksicht nimmt, werden alle von der Ladenöffnung profitieren.“

„Spuckscheibe, nennen wir das“

Kerstin Wein vom kleinen Deko- und Schmuckladen Kokopelli in der Buxtehuder Altstadt hat bereits Tische und Regale gerückt, um die beiden Gänge zwischen den Ausstellungsstücken deutlich zu verbreitern. „Wir planen hier ein

Einbahnstraßensystem“, sagt sie. „Maximal“ drei bis vier Kunden könnten dann gleichzeitig in das Geschäft kommen, man werde Desinfektionsmittel bereitstellen, eine große Plexiglasscheibe an der Kasse soll vor einer möglichen Tröpfcheninfektion schützen. „Spuckscheibe, nennen wir das“, sagt sie. Die Schließung hat sie offensichtlich gut überstanden. „Das waren ja auch keine Monate“, sagt die Geschäftsfrau, die schon seit 30 Jahren in Buxtehude ihren Laden hat, wo sie auch Gürtel aus eigener Produktion verkauft. Es gab eine Verständigung mit dem Vermieter, falls es zu Engpässen kommen sollte.

Doch die Miete kurzerhand einfach kürzen – so wie viele Große der Branche es gemacht haben – das wollte sie nicht. „Das wäre unfair gewesen“, sagt Kerstin Wein.

Bettina Meyer hingegen hatte das Gefühl, in ein „tiefes Loch zu fallen“, als auch sie ihren kleinen Buchladen in Neugraben schließen musste. Doch dann habe sie einen „unglaublichen“ Zuspruch von ihren Kunden erfahren, die weiter per online und Auslieferung Bücher kauften, sich Gutscheine ausstellen ließen. „Kunden haben sogar bei der Auslieferung geholfen“, sagt die Buchhändlerin, die sich nun ebenfalls auf eine Wiederöffnung am Montag vorbereitet.

Plexiglas wird auch hier den Kassenbereich schützen, Schilder sollen auf die Abstandregeln hinweisen und die Anzahl der Kunden werde sie begrenzen. Damit mancher Buchfreund dann nicht zu unbequem vor der Ladentür warten muss, will sich dort Stuhl und Tisch mit Literatur-Zeitschriften aufstellen. Bei aller zusätzlicher Arbeit und Umsatzeinbußen: für die Schließung habe sie „absolutes Verständnis gehabt“, sagt Bettina Meyer. „Auch mir ist das Virus unheimlich – und wenn die Zahlen zu stark wieder steigen, dann muss es wieder eine Pause geben.“

Kunden mussten an der Tür klingeln

Für Lars Röttger war die Corona-Schließung seit Mitte März zunächst ein herber Schlag: Erst vor einem Jahr hatte er sein Fahrradzentrum Neugraben eröffnet und setzte auf eine guten Saisonstart. Aber der konnte wenigstens die Werkstatt offenlassen. Kunden mussten aber an der Tür klingeln, damit immer nur einer hineinkonnte.

„Die Leute haben das respektiert“, sagt Röttger, der während der Schließung seine vier Mitarbeiter weiterbezahlen musste. „Mit der Hamburger Corona-Soforthilfe haben wir 14.000 Euro bekommen, das klappte prima und ich konnte alle weiter halten“, sagt Röttger, der nun ebenfalls mit Markierungen am Boden die Abstandregeln einhalten will. „Aber bei 350 Quadratmeter Verkaufsfläche wird das hier gut verteilen“, glaubt er.

Frank Laporte kann es kaum abwarten, am Montag endlich wieder im Laden zu stehen. Der Filialleiter von Paulsen Männermode in Neugraben hat die vergangenen Wochen in Kurzarbeit verbracht, während in den Regalen die neue Frühjahrs- und Sommerkollektion unangetastet blieb. „Wir haben sie kurz vor der Schließung noch erhalten – und natürlich auch bezahlen müssen“, sagt er. „Ohne Einnahmen ist das schwierig.“ Um so glücklicher ist Laporte, dass er Ware nun endlich an den Kunden weitergeben kann.

Besondere Vorkehrungen will er beim Verkauf nicht treffen. „Selbstverständlich muss der Sicherheitsabstand eingehalten werden“, sagt er. „Und ich würde mich auch freuen, wenn die Kunden einen Mundschutz tragen würden.“ Aber vorschreiben wolle er das nicht. Für Hygiene will er durch regelmäßiges Händewaschen und desinfizieren sorgen. Wartezonen vor der Ladentür wird er nicht einrichten. „Ich gehe davon aus, dass das Geschäft nur langsam anlaufen wird“, sagt er. „Denn viele Menschen haben in diesen Zeiten gar nicht die Muße, shoppen zu gehen.“

Immer nur ein Kunde in den Filialen

Normalerweise tobt in den beiden Kinderschuhgeschäften von Anke und André Heurich nachmittags das Leben. Kinder spielen auf dem Teppich, Mütter nutzen die Zeit für einen kleinen Plausch und die Verkäuferinnen überreden die kleinen Kunden zwischendurch zum Anprobieren des einen oder anderen Paar Schuhe.

„Das alles ist erstmal vorbei“, sagt die Inhaberin von Prinz und Prinzessin. Künftig darf sich immer nur ein Kunde in den Filialen in Meckelfeld und Buchholz aufhalten. Um Wartezeit und lange Schlangen zu verhindern, können sich diese telefonisch vorher anmelden und einen Termin verabreden. „Wir werden natürlich auch versuchen, für spontane Kunden da zu sein“, sagt Anke Heurich. Mit dem Schuhverkauf über Terminvergabe hat sie sich auch die vergangenen Wochen über Wasser gehalten.

Dafür hatte sie unmittelbar nach der Schließung einen Antrag für eine Ausnahmegenehmigung beim Landkreis Harburg gestellt. Um den Kontakt zu den Kunden auf das nötigste zu beschränken, sollen die Eltern den Kindern unter Anleitung der Verkäuferinnen die Füße messen und Schuhe anziehen. „Nur für das Abtasten des Fußes werden wir uns kurz nähern“, sagt Anke Heurich. „Aber nie länger als fünf Sekunden.“

Fast vier Wochen musste auch Mustafa Güney nun sein Teppichgeschäft am Kleinen Schippsee in Harburg geschlossen halten. „Würden wir jetzt nicht weitermachen, könnte ich meine Miete nicht mehr zahlen“, sagt er. Immer nur eine Familie wolle er zeitgleich hineinlassen, sagt Güney, der nun für Kunden, die dann draußen warten sollen, Stühle und Bänke aufbaut. „Da servieren wir dann Kaffee und Kuchen“, sagt er.

Breiter Tresen sorgt für Abstand

Klaus Mügge hat sein Geschäft für Bodenbeläge, Betten und Matratzen direkt an der B73 in Neu Wulmstorf - eigentlich ideal für Laufkundschaft. Vier Wochen musste auch er schließen – und konnte die Ausfälle mit Rücklagen ausgleichen. „Jetzt freuen wir uns aber auch wieder über die Kunden, die ab Montag kommen“, sagt er und hat direkt an der Straße ein Schild aufgebaut, um die Botschaft auch optisch breit zu verkünden.

Computer, PC-Zubehör und vor allem Service rund um die manchmal verflixten Rechner: Das ist das Geschäft von Arthur Hanert und seinem Laden „Alkon PC“ am Harburger Sand. Werkstattbetrieb und gerade die Dienstleistung für Arztpraxen konnte er auch während der Geschäftsschließungen

aufrechterhalten und damit auch manchem verzweifelten Home-Office-Beschäftigten helfen.

„Wir haben dann für unsere Mitarbeiter in der Werkstatt auf Schutz geachtet, so dass dort mit großem Abstand und möglichst nicht gleichzeitig im Raum gearbeitet wurde“, sagt er. Dennoch brach der Umsatz ein, weil der Handel ein wesentlicher Faktor des Geschäfts ist. Nun kann er ab Montag wiedereröffnen, will aber nur ein bis zwei Kunden gleichzeitig hineinlassen. Umbauten seien aber nicht nötig. „Unser breiter Verkaufstresen schafft Abstand genug.“

Bernd Gaulke vom Spielzeugladen Spielhörnchen in Buchholz ist dankbar für die schnelle und unbürokratische Unterstützung durch die Soforthilfe. 9000 Euro Bundesfördermittel hatte er zu Beginn der Schließung beantragt und innerhalb von einer Woche erhalten. „So konnte ich die Miete bezahlen“, sagt er. Auch das Polster aus dem Weihnachtsgeschäft hat ihn die vergangenen Wochen über Wasser gehalten. Darüber hinaus besorgte der Einzelhändler ein mobiles EC-Gerät und richtete einen Abholservice ein. „Kunden konnten bei mir bestellen und die Ware dann vor der Tür bezahlen und von dort kontaktlos mitnehmen“, sagt er. Den Abholservice will er auch weiterhin aufrechterhalten für die Kunden, die aus Sorge vor Ansteckung auch künftig noch keinen Laden betreten wollen.

Für alle anderen hat der Kaufmann genaue Schutzvorkehrungen getroffen. Im Eingang steht Desinfektionsmittel für die Hände. Auch Einkaufskörbe werden nach der Nutzung desinfiziert. An der Kasse schützt eine Plexiglasscheibe vor Tröpfcheninfektion. Auf dem Fußboden will er Wartezonen im Abstand von zwei Metern abkleben und mehr als zehn Personen gleichzeitig sollen sich nicht im 260 Quadratmeter großen Laden aufhalten. Auf seiner Facebookseite bittet er die Kunden darum, wenn möglich mit Maske zum Einkauf zu kommen. „Ich sehe der Öffnung mit gemischten Gefühlen entgegen“, sagt Bernd Gaulke.

„Einerseits freue ich mich, den Laden wieder aufzumachen. Andererseits bleibt die Sorge, dass die Infektionskurve dann wieder nach oben geht. Den Ernst der Lage dürfen wir bei aller Freude nicht aus den Augen verlieren.“