Landkreis Harburg

54 Pferde – und keine Reitgäste auf dem Hof

| Lesedauer: 7 Minuten
Rolf Zamponi und Marc Sandten (Fotos)
Marko Schreiber und Mareike Leers-Schreiber stehen mit dem Pony Randy in der leeren Reithalle. Die Aufenthalte für Kinder in den Ferien mussten sie in Folge der Coronakrise nun absagen.

Marko Schreiber und Mareike Leers-Schreiber stehen mit dem Pony Randy in der leeren Reithalle. Die Aufenthalte für Kinder in den Ferien mussten sie in Folge der Coronakrise nun absagen.

Foto: Mark Sandten / HA

Das Coronavirus hat den Hof des Ehepaars Schreiber lahmgelegt. Olympiasieger Andreas Dibowski hofft auf Start der Turniere im Juni.

Döhle. Das Kinderhotel war mal ein Bahnhof. Bis zu 40 junge Pferdefans wohnen hier meist für eine Woche in den Ferien, sitzen bis zu vier Mal am Tag im Sattel, spielen Ponyfußball in der Reithalle, lernen viel über Sport und Hobby und haben Spaß. Jetzt in den Osterferien müsste es laut und fröhlich zugehen, hier in Döhle ganz im Süden des Landkreises Harburg. Aber es ist still, weil niemand gekommen ist.

Seit dem 16. März ruht der Betrieb in MaMa’s Ausbildungsstall und dem angeschlossenen Hotel. Die Bundesregierung hat sich darauf festgelegt, dass Sporteinrichtungen zu schließen sind und touristische Beherbergungsbetriebe niemand mehr aufnehmen dürfen. Der Coronavirus hat alles gestoppt. „Das hat uns komplett getroffen“, sagt Mareike Leers-Schreiber, die zusammen mit ihrem Mann Marko den Hof aufgebaut hat.

In den Ställen stehen 36 Ponys und 18 Pferde

Das Ehepaar sitzt an diesem sonnigen Nachmittag neben der Außenreitanlage auf rustikalen Holzstühlen. Die beiden haben sich, natürlich, beim Reitunterricht auf dem Irenenhof am anderen Ortsende kennengelernt. Sie noch als Betriebswirtschaftsstudentin und er als in der DDR ausgebildeter Facharbeiter für Pferdezucht, der sich nach der Wende zum Pferdewirt mit Schwerpunkt Reiten weiterbilden ließ.

1998 machten sie sich zunächst nur mit einer für Pferde nutzbaren Wiese im nahen Naturpark Lüneburger Heide als Reitlehrer selbstständig. 2002 kauften sie das heute genutzte Grundstück dazu. 800.000 Euro stecken inzwischen in dem Hof. 36 Ponys und 18 Pferde stehen in den Ställen. Die Schreibers entwickelten ein Konzept, durch das sie den Betrieb in eine „sehr gesunde, wirtschaftliche Lage“ mit einem Jahresumsatz um 250.000 Euro führen konnten.

Reitunterricht und Hotel als Säulen des Betriebs

Ihre Arbeit beruht dabei auf zwei Säulen. Die erste ist der Reitunterricht für rund 200 Kinder, vor allem aus dem Landkreis Harburg und dem Hamburger Raum. Dafür zahlen die Eltern monatlich 55 Euro. „Das Geld haben wir für den März erhalten, obwohl eine Woche ausgefallen ist“, sagt Mareike Leers-Schreiber. „Aber wir wissen nicht, was im Mai passiert, wenn wir länger keinen Unterricht anbieten können.“

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Die zweite Unternehmenssäule ist das Hotel, das immer in den Schulferien seine Gäste aufnimmt. Gerade die Zeit zwischen Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten wird gern gebucht. Marko Schreiber schätzt, dass sie allein durch die Absage für die Ferien 15.000 Euro verloren haben. Die Kosten von 12.000 Euro im Monat für Futter, Versicherungen, Tierarzt, Schmied und Firmenkredite laufen ohnehin weiter.

Das Kerngeschäft sind Reiterferien

„Pferdebetriebe mit dem Kerngeschäft Reiterferien und angeschlossenem Pensions- oder Hotelbetrieb sind besonders betroffen“, bestätigt Erika Putensen, die Geschäftsführerin des Pferdesportverbandes Hannover. Vor allem, wenn man wie die Schreibers keine Einstellpferde auf dem Hof hat, für die derzeit im Schnitt 350 Euro pro Monat eingenommen werden.

Die Fixkosten der Betriebe und die Kosten für die eigenen Pferde, die versorgt und bewegt werden müssen, laufen weiter. „Die verlorenen Einnahmen lassen sich im Verlauf des Jahres nicht mehr kompensieren“, fürchtet Putensen.

Investitionen müssen verschoben werden

Die Schreibers haben nun zunächst einmal die Soforthilfe des Bundes beantragt. Bei Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten beträgt der Zuschuss 9000 Euro. „Wir würden wohl zurecht kommen, wenn wir im Mai wieder arbeiten können“, sagt Marko Schreiber. Zwingt der Coronavirus aber länger zur Untätigkeit, müssten Kredite her, die die Investitionen auf dem Hof rasch unterbrechen würden.

Jedes Jahr hat das Ehepaar bislang rund 20.000 Euro in den Hof gesteckt. Etwa für einen Radlader, der ausgerüstet mit Spezialgerät, das Ausmisten der Ställe erleichtert. Oder für Futterautomaten, die den Pferden acht Mal am Tag Kraftfutter zuteilen, so dass die Arbeit mit zusätzlich zwei 450-Euro-Kräften zu schaffen ist.

Der Hof hat locker Platz für Mindestabstände

Vor allem aber müsste der Ausbau der einst aus Hamburg ab- und in Döhle wieder aufgebauten Reithalle verschoben werden. „Gefördert durch die Dorfentwicklung und mit unserer Hausbank abgesprochen wollten wir 2021 das Dach sanieren, neue Pferdeboxen bauen und die Fassade des Hotels erneuern“, sagt Marko Schreiber.

Das alles hängt nun davon ab, ob die Bestimmungen für Corona gelockert werden können. „Wir sorgen dafür, dass Touristen in die Region kommen und dass Pferdehöfe neue Kunden bekommen, die zuvor bei uns gelernt haben“, argumentiert Mareike Leers-Schreiber.

Zudem sei auf dem Hof genügend Platz, um beim Training Mindestabstände locker einzuhalten. Wie sehr sich die jungen Kunden nach dem Hof sehnen, zeigen ihr Reaktionen auf You-Tube-Videos, die die beiden Hofchefs alle drei Tage einstellen. Es gibt Szenen vom Putzen, Satteln oder Springen. „Gerade von den Kindern kommt viel Zuspruch“, sagen die Schreibers. „Sie wünschen sich, ihre Lieblingsponys in Aktion zu sehen.“

Training bei Andreas Dibowski fällt derzeit aus

Ortswechsel. Es sind nur ein paar hundert Meter bis zum Irenenhof in Döhle, der seit 2010 einem der bekanntesten deutschen Reitsportler gehört. Vielseitigkeits-Olympiasieger Andreas Dibowski bittet auf seine überdachte Terrasse.

Auch er kann jetzt keine Reiter in Gruppen oder im Einzeltraining ausbilden, die polnische Nationalmannschaft musste einen geplanten Lehrgang absagen. Aber er kann sich darauf stützen, dass drei deutsche Profireiter mehr als 30 Pferde auf seinem 16 Hektar großen Hof untergestellt haben.

Turniersiege steigern den Wert von Spitzenpferden

Problematisch ist für den Pferdewirtschaftsmeister jetzt vor allem, dass keine Turniere stattfinden. Denn die sind für die Vermarktung von Spitzenpferden wichtig. „Der Wert der Tiere wird allein an ihren Turniererfolgen gemessen“, erklärt Dibowski. Daher hofft er nun, dass Wettkämpfe mit wenigen Zuschauern im Juni wieder starten. „Das ist allerdings sehr optimistisch gedacht.“

Auch die sportliche Zukunft des 54-Jahre alten Spitzensportlers hat das Coronavirus mit dem Verschieben der Olympischen Spiele in Tokio ausgebremst. Zwar gehört er zu den vier Vielseitigkeits-Reitern, die für die Spiele nominiert sind, muss sich aber nun noch ein Jahr länger sportlich beweisen.

„Wir haben jetzt mehr Zeit, um uns vorzubereiten“, sagt Dibowski, beim Fototermin mit seiner Hannoveraner Stute „FRH Corrida“, die ungeduldig vor sich hin trippelt. Aber selbst Fünf-Sterne-Pferde müssen jetzt geduldig sein.

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