Coronavirus

Wie Gastronomen versuchen, die Pandemie zu überstehen

Im Bootshaus gibt Katrin Schröder Kuchen, Eis und Frittiertes zum Mitnehmen aus der Kioskklappe

Im Bootshaus gibt Katrin Schröder Kuchen, Eis und Frittiertes zum Mitnehmen aus der Kioskklappe

Foto: Lars Hansen / xl

Gastwirte in Stadt und Landkreis Harburg bieten Außer-Haus-Service an und versuchen, die besucherfreie Zeit kreativ zu bewältigen.

Die Gastronomie gehört zu den Branchen, die durch das Coronavirus besonders betroffen sind. Viele Gastwirte in Stadt und Landkreis Harburg bieten einen Außer-Haus-Service an, der für sie aber nicht mehr sein kann als ein Tropfen auf den heißen Stein. „Wir halten unsere Speisekarte aufrecht, damit die Leute gute Laune behalten. Dazu kann gutes Essen viel beitragen“, sagt Claudia Weiß, die mit ihrem Mann Ivo das Restaurant Zur Linde im Winsener Ortsteil Rottorf betreibt. „Wir haben unseren Sonntagsbraten für alle Tage freigegeben. Bei uns gibt es jetzt täglich einen frischen Braten.“

Ivo Weiß steht am Herd, seine Frau managt das Rest-Geschäft. „Für uns ist es eine Belohnung, die der Seele gut tut, wenn die Leute uns treu bleiben und sich nun das Essen abholen, anstatt es im Restaurant zu verspeisen“, sagt die Gastwirtin. Ihre beiden Service-Kräfte habe sie nach Hause schicken müssen. „Hoffentlich normalisiert sich die Lage bald wieder“, sagt sie.

Außer-Haus-Verkauf, um wenigstens einen Teil der Kosten decken zu können – diese Strategie verfolgt auch Waios Nakoudis, der mit seiner Frau Maria seit 1982 in Stelle das griechische Restaurant Athena betreibt. Oft waren seine mehrfach erweiterten Gasträume voll besetzt, jetzt herrscht gähnende Leere. „Immerhin wird unser Außer-Haus-Service sehr gut angenommen“, sagt Nakoudis. „Dennoch mache ich nur ein Siebtel des normalen Umsatzes und kann damit vielleicht ein Viertel der weiter anfallenden Kosten decken.“

Elf Mitarbeiter hat das Restaurant, darunter Familienmitglieder. „Ich habe allen gesagt, dass ich diesen Monat noch durchhalte, aber im nächsten Monat die Löhne nicht mehr komplett zahlen kann.“ Am Freitag hat er erfahren, dass er mit einem Zuschuss von 9000 Euro vom Bund und mit 5000 Euro vom Land rechnen kann. Das bereits beantragte Kurzarbeitergeld werde erst Ende Mai ausgezahlt, bedauert Nakoudis. Derzeit sind jeweils vier Mitarbeiter in wechselnde Besetzung im Einsatz: Zwei kochen, zwei liefern die Gerichte aus, falls gewünscht.

Rebecca Gieser-Neven und Thomas Gieser vom Lindenhof in Marxen hatten schon vor der Coronakrise Einbußen. Ihr Landhaus liegt an der Ortsdurchfahrt, die aufgrund von Bauarbeiten seit Ende Januar gesperrt ist. Von Norden kommende Gäste können den Lindenhof seitdem nur noch über Umwege erreichen. „An den Wochenenden war das kein großes Problem, aber zur Mittagszeit gab es starke Einbrüche. Unsere Mittagstische wurden gerade von älteren Gästen geschätzt, und die blieben weg. Sie sind auch aktuell schlechter anzusprechen, weil sie Facebook und WhatsApp selten nutzen und oft kein Internet haben, also auch nicht auf unserer Webseite vorbeischauen.“

So erfahren sie vielleicht nicht, dass der Lindenhof am Mittwoch seinen Abhol-Service startete. Von der Resonanz war das Paar positiv überrascht. Aber 50 bis 70 verkaufte Essen pro Tag reichen natürlich nicht aus, um den Betrieb über Wasser zu halten. Dazu seien die laufenden Kosten zu hoch, sagt Gieser-Neven: „Mein Mann und ich haben in den vergangenen 15 Jahren viel in den Lindenhof, zu dem auch ein kleines Hotel gehört, investiert.“ Sie wohnen dort auch und können die Bestellwünsche annähernd jederzeit erfüllen.

Auch das Restaurant Henry‘s im Hotel Zur Eiche in Buchholz und das Abthaus in Buxtehude kochen jetzt für Gäste, die die Gerichte abholen. Christian Kutz-Kromnow vom Abthaus gewährt Kunden, die wie er selbst unter der Coronoa-Krise leiden, drei Euro Rabatt auf jedes Essen. „Im Gegensatz zum professionellen Lieferservice bin ich relativ hochpreisig; meine Preise liegen knapp unter denen, die ich im Restaurant verlange“, sagt Kutz-Kromnow. „Bei einer vierköpfigen Familie kommen da schon mal 70, 80 Euro zusammen. Ich freue mich über jeden, der das akzeptiert.

Für Leute mit finanziellen Problemen ist der Rabatt eine Solidarität zwischen Leidenden.“ Eine Bedürftigkeitsprüfung gibt es nicht. Er selbst kocht jetzt unentgeltlich und hat für seine vier Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt. Die Geschichte des Abthauses reicht bis ins Jahr 1399 zurück. Er habe keine Angst, dass sie jetzt jäh endet, aber natürlich sei „die ganz große Frage, wie lange das Ganze jetzt dauert“, sagt Christian Kutz-Kromnow.

Andere Restaurants haben ihren Betrieb vorübergehend komplett eingestellt wie der Dorfkrug in Neu Wulmstorf, Lieblingsplatz in Helmstorf und Rossini in Hittfeld. Einige, etwa das Restaurant Lieblingsplatz, verkaufen Gutscheine, um sich über die Zeit zu retten.

Meyer‘s Linde in Rosengarten hat dagegen auf die Schnelle einen Hofladen eröffnet. „Wir haben schon länger Weckgläser mit Mahlzeiten, Dressings und Dips an unsere Gäste verkauft und wollten dieses Geschäft gern ausweiten. Nur kamen wir nie dazu, weil wir so viele Feiern hatten“, sagt Gastwirtin Silvia Ketelsen. „Jetzt haben wir uns darauf gestürzt und den Hofladen aufgemacht. Wir beziehen weiterhin Lebensmittel von unseren Lieferanten, zum Beispiel Milchprodukte vom Hof Dallmann und Freilandhähnchen von Matthias Hemme.“ Produkte vom Biohof Quellen in Tostedt sollen das Sortiment ergänzen. Langfristig wird der Betrieb zwei- bis dreigleisig fahren: „Die Feiern mit Live-Musik machen uns viel Spaß“, sagt Ketelsen. Die Restaurant-Karte werde etwas gestutzt und der Hofladen weiter ausgebaut.

An der Außenmühle in Harburg reicht Katrin Schröder Kuchen, Kroketten und anderen Kleinkram aus der Kioskluke des Restaurants Bootshaus. Handschuhe und Gesichtsmaske immer an der Frau. Das Fenster wird nur geöffnet, wenn ein Kunde davor steht. „Das was wir ohnehin immer aus dem Imbissfenster verkauft haben, verkaufen wir auch weiterhin und dazu einfache Gerichte, die wir aus unseren Lagerbeständen machen. Wir wollen nicht, dass die Sachen schlecht werden“, sagt sie. „Der Verkauf läuft bei diesem Wetter halbwegs gut, könnte aber besser sein. Mal gucken, was wir machen, wenn die Lagerware zu Ende geht.“

Als hätte sie es geahnt, hat sich Waltraud Hörlberger, ehemalige Chefin des „Goldenen Engel“ in der Schloßstraße, schon vor einigen just auf das spezialisiert, was jetzt noch erlaubt ist: Lieferdienst und Mitnahmespeisen. Aber auch ihren Betrieb, der nun in Rönneburg ansässig ist, trifft die Ausnahmesituation: Die großen Firmen- und Familienfeiern, von denen ein Caterer sonst lebt, finden gerade nicht statt. Sie hat das Geschäft auf zwei Leute reduziert – sich selbst und einen Koch – und bietet jetzt Mittagstisch zum Mitnehmen an. Jeden Tag ein anderes Gericht, dazu eine Suppe oder Salat. So entgeht sie der Falle, zu viel Aufwand für ihren Umsatz zu haben und kann doch Qualität produzieren.

„Das wird hier in der Umgebung sehr gut angenommen, sagt sie, während sie das Gericht des Tages – gebratener Lachs – zweimal auf Tellern anrichtet, mit Folie versiegelt und in eine Papiertüte tut, damit der Kunde, der es telefonisch vorbestellt hat, gleich mitnehmen kann. „Viele Rönneburger sind gerade im Home Office und froh, wenn sie mittags schnell etwas zu essen bekommen, ohne selbst noch kochen zu müssen.“

Eine telefonische Vorbestellung ist nicht unbedingt nötig, aber erwünscht. „Wir werden mit dem Mittagstisch nicht reich, aber wir bleiben in Bewegung und im Gespräch und es hilft, die Verluste zu verringern“, sagt Hörlberger.

Ziemlich zufrieden mit seinem Straßenverkauf ist Kultcurrywurstkoch Stefan Labann von der Bruzzelhütte an der Bremer Straße. „Wir haben die Hütte auf Coronaklappe umgestellt“, sagt er. Man kann hier alle Gerichte zum Mitnehmen kaufen, aber nur durch das Fenster. Damit die Leute Abstand halten haben wir hübsche Bilder mit bunter Kreide auf den Gehweg gemalt“ Den meisten Kunden ist das Wurst. Sie stehen lieber in einem großen Halbkreis mit viel Distanz zu einander um die Bude herum, bis sie aufgerufen werden. Am Imbiss essen dürfen sie nicht. „Die meisten setzen sich mit dem Essen in ihr Auto“, sagt Stefan Labann.

Unter den Lokalbetreibern, für die Mitnahme-Essen rechtlich oder ökonomisch nicht in Frage kommt, gibt es einige, die sich etwas einfallen lassen: Inselklausenwirt Andreas „Köni“ Könecke hat einen „Inselklausenretter“ auf seine Homepage gestellt: Für 20 Euro Spende gibt es 20 Prozent Rabatt auf die erste Bestellung nach der Krise. Christina Lürken, Mitinhaberin des „Old Dubliner“, überlegt, die Geselligkeit ihres Lokals zumindest virtuell anzubieten „Wir denken darüber nach, wie wir unser Publikum online bespaßen können. Zum Beispiel, indem wir unser monatliches Pub-Quiz ins Netz verlegen.“ „Marias Ballroom“ ist diesen Schritt schon gegangen: Unter Schutzvorkehrungen wird heute ab 16 Uhr aus dem leeren Saal des Clubs das „F*ck Corona Festival“ gestreamt.

Trotz ernster Lage die Hoffnung zu bewahren, gelingt auch dem Restaurant „Scharf“: Wirt und Team bieten ihren Stammgästen einen „Alleswirdgutschein“ an: Für 100 Euro Spende jetzt gibt es ein Verzehrguthaben von 120 Euro, wenn wieder geöffnet werden darf.