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Vahrendorf

Corona-Krise: Im Wildpark sorgen nur die Tiere für Leben

Tierpflegerin Nele Oesterreich mit Bache Hedda, die demnächst Frischlinge bekommt.

Tierpflegerin Nele Oesterreich mit Bache Hedda, die demnächst Frischlinge bekommt.

Foto: Rolf Zamponi

In den Schwarzen Bergen beginnt im Frühjahr eigentlich die Hochsaison mit vielen Besuchern. Jetzt ist alles leer.

Vahrendorf.  Solche Zeiten ist Arne Vaubel nicht gewohnt. Im Alltag ist er stets für neue Ideen für den Wildpark Schwarze Berge unterwegs. An diesem späten Vormittag jedoch sitzt der Geschäftsführer mit seiner Tochter Jennifer vor dem Eingang und bereitet einen Filmdreh vor. Vater und Tochter, die im selben Haus wohnen, arbeiten jeden Tag zusammen, um Fans auf Instagram, Facebook und der Homepage des Parks Bilder von den Tieren zeigen zu können. „Wir besuchen heute die Falkner“, sagt Vaubel. „Die trainieren ihre Vögel weiter, damit sie jederzeit wieder in die Vorführungen einsteigen können.“ Wann das sein wird, bestimmt der Kampf gegen den Corona Virus.

70 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit

Dessen Hartnäckigkeit lässt derzeit kaum mehr zu. Seit 17. März und zunächst noch bis zum 20. April ist der Park geschlossen. Das gilt für den angrenzenden Campingplatz, der erst am 1. April geöffnet hätte, ebenso. Die Türen der Restaurants hat Vaubel schon am 14. März nicht mehr geöffnet und dafür von einem Grillstand mit extra aufgebautem Zelt noch ein Wochenende lang Würste verkauft. Nun sind 70 der 80 festangestellten Mitarbeiter bis Ende April in Kurzarbeit. Die 50 Hektar große Anlage steht seit ihrer Eröffnung im Juni 1969 zum ersten Mal leer. Keine Menschenseele weit und breit – außer einer kleinen Gruppe von Tierpflegern.

Drei Pflegergruppen wechseln sich ab

Seine Restmannschaft hat der Chef in drei Gruppen aufgeteilt, zu denen auch die sieben Auszubildenden gehören, die nicht mit Entgelteinbußen rechnen müssen. Die Gruppen wechseln sich bei der Arbeit mit den Tieren ab, so dass keine mit einer anderen in Berührung kommt. Zusätzlicher Vorteil für die Mitarbeiter: Sie erhalten neben dem Kurzarbeitergeld, das für Alleinstehende nur 60 Prozent des Nettogehalts abdeckt, einige wenige Arbeitstage voll bezahlt. So füttert Tierpflegerin Nele Oesterreich gerade Esel, Ziegen und Alpakas und nimmt wenig später Wildschwein Edda in den Arm. Die Bache, vermutet Oesterreich, könnte bald Frischlinge werfen. Glück im Unglück für die Pflegerteams: Niemand ist bislang krank geworden oder steht wegen eines Verdachts auf eine Infizierung unter Quarantäne. Alle gesund.

Finanzielle Lage wird immer kritischer

Die finanzielle Lage jedoch sieht Geschäftsführer Vaubel kritisch. „An Tagen wie diesen mit Sonnenschein und blauen Himmel kommen in der Regel 3000 Besucher“, weiß er. Denn im Park ist in der Zeit von Ostern bis Pfingsten Hochsaison. Die Einnahmen gleichen die Kosten des Winters aus und sind nötig, um den Park zu verschönern und in neue Angebote investieren zu können. Nun aber könnten in diesen Monaten alles geschlossen sein. Bleiben die Schwarzen Berge bis Mitte Juni geschlossen, was ihr Chef für möglich hält, fehlen 1,2 Millionen Euro Umsatz. Immerhin knapp 20 Prozent der Gesamteinnahmen, die zuletzt bei sieben Millionen Euro lagen. Je länger die Krise dauert, umso problematischer wird es, weil einfach Zeit fehlt, um Einnahmeverluste aufzuholen.

Jetzt wartet Vaubel auf die Richtlinien für Kredite von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die seinen Betrieb unterstützen will. Eine Million Euro braucht er, hat er ausgerechnet. Diese Summe ist allein für das Überleben nötig. „Dieses Geld muss aber zurückgezahlt werden und das wird uns über die nächsten Jahre belasten. Es fehlt uns an finanzielle Kraft, um sich in der Konkurrenz um Besucher zu behaupten.“ Das Unternehmer plädiert deshalb dafür, für nachgewiesen stabile Betriebe, Zuschüsse statt Kredite zu vergeben. „Dann könnte auf die komplizierten Regelungen beim Kurzarbeitergeld verzichtet werden.“ Denn bevor Kurzarbeitergeld bezogen werden kann, müssen zunächst alle Überstunden abgebaut und natürlich auch bezahlt werden. Das ist während dieser Phase ohne Einkommen für Firmen besonders schwierig.

Der Bau neuer Attraktionen wird vorerst gestoppt

Gestoppt wurde in Vahrendorf vor vier Wochen der Ausbau des geplanten 8000 Quadratmeter großen Marderlandes, in dessen Mitte ein Haus mit den Schlafplätzen für Zwergottern und einer Ausstellung über die Veränderung ihrer Lebensräume an Flüssen geplant ist. Dafür wären weitere 350.000 Euro nötig gewesen. Allerdings sind 80.000 Euro teure Fenster, durch die Besucher künftig die Tiere unter Wasser beobachten können, bereits bestellt. Auch der Ausbau der Stahlzäune, die zwei Meter hoch und bis zu einen Meter tief in die Erde hinein reichen und die Tiere im Park vor hungrigen Wölfen schützen sollen, geht vorerst nicht weiter. „Wir haben die Notbremse gezogen.“

Kein Zweifel: Der Wildpark hat eine Zukunft

Die soll jedoch rasch gelockert werden, sobald es die Krise zulässt. Dann soll mit einer Aktion um die Menschen geworben werden, die lange zu Hause zubringen mussten und jetzt etwas erleben wollen. Vaubel, ein gelernter Zimmermann und Industrie-Kaufmann, ist von klein auf in dem von seinem Großvater Wilhelm Meyer gegründeten Park aufgewachsen. Der 50-Jährige lässt keinen keinen Zweifel daran: Der Wildpark hat Zukunft. „Die Menschen kommen gern zu uns und auch die Tiere freuen sich“, ist der Chef überzeugt. So wie das Steinbock-Weibchen Ida, das sich so gern streicheln lässt. Jetzt meckert es vor sich hin, weil niemand mehr an seinem Gehege vorbeikommt.