Harburg
Corona-Krise

Beim Helfen helfen: Harburger vernetzen sich über „Telegram“

Harburger helfen sich mit einer Chat-Gruppe durch die Corona-Krise.

Harburger helfen sich mit einer Chat-Gruppe durch die Corona-Krise.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Hilfsbereite und Hilfsbedürftige kommen kaum in Kontakt. Eine Gruppe ist dabei das zu ändern – über einen virtuellen Chat.

Harburg.  Große Teile des gesellschaftlichen Lebens und der Arbeitswelt verlagern oder beschränken sich gerade auf virtuelle Kontakte. Home Office, Cloudspeicher, Videokonferenzen, soziale Netzwerke haben Hochkonjunktur. Dabei gibt es jedoch immer noch Menschen, denen das Internet nicht helfen kann. Die auf andere Menschen angewiesen sind; ob nun für Einkäufe, Behördengänge oder im Haushalt.

Viele davon haben es in Zeiten der Verunsicherung und der Kontaktbeschränkung schwer. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Harburgerinnen und Harburger, die mehr tun wollen, als nur für sich selbst zu sorgen. Problem gelöst? Keineswegs! Hilfsbereite und Hilfsbedürftige kommen kaum in Kontakt zu einander. Eine Gruppe Engagierter ist dabei das zu ändern, und zwar ausgerechnet über einen virtuellen Chat.

Vielen davon geht es nicht nur darum, konkret zu helfen, sondern auch darum, dass die Notlage etwas in den Köpfen und Herzen aller ändert: Solidarität soll vom theoretischen Begriff wieder zur gelebten Tugend werden.

Über 170 Mitglieder hat die Gruppe „Harburg solidarisch gegen Corona“

Über 170 Mitglieder hat die Gruppe „Harburg solidarisch gegen Corona“ seit dem 18. März gewonnen – Tendenz steigend. Organisiert sind sie über den Chat-Dienst „Telegram“. Eine Vereinsstruktur oder gar einen Vorstand gibt es nicht. „Der Konsens aller ist, dass wir konkret helfen und generell im Denken der Menschen etwas ändern wollen“, sagt Chatmitglied Ute, „ansonsten hat hier jede und jeder auch eigene Motive.“

Die praktische Seite läuft so ab: Wer Hilfe benötigt oder jemanden kennt, der Hilfe benötigt, ruft die Hotline unter 0176/68 66 31 13 an. Die jeweiligen Telefondienstfreiwilligen stellen das Gesuch in die Chatgruppe. Dort erklärt sich jemand dafür verantwortlich und nimmt sich der Aufgabe an. Wer netzgewandt ist, kann sich mit dem Gesuch auch direkt in der Telegram-Gruppe melden.

Für die Helfenden gibt es eine Handreichung zum Führen der Telefonate und zu dem bei der Hilfe gebotenen Hygiene- und Abstandsverhalten. „Wir sind lediglich Nachbarinnen und Nachbarn, aber keine Profis“, heißt es in der Gruppenbeschreibung.

Sorgen um unsere Nachbarinnen und Nachbarn

„Auch wir machen uns Sorgen um unsere Nachbarinnen und Nachbarn. Besonders ältere, kranke, alleinerziehende, einsame, diskriminierte und ärmere Menschen werden es in den nächsten Wochen/Monaten schwer haben. Damit alle in unserem Stadtteil diese Zeit gut überstehen, müssen wir uns gegenseitig unterstützen! Wir brauchen Zusammenhalt in der Nachbarschaft. Das Wir muss wieder stärker werden!“

Einige in der Gruppe hatten sich dies auch schon vor Corona auf die Fahnen geschrieben. Alexandra zum Beispiel hat am Weltfrauentag vor dem Harburger Krankenhaus Nelken an das Pflegepersonal verteilt. „Die Pflegekräfte sind überlastet und unterbezahlt“, sagt sie. „Das zeigt sich jetzt ganz besonders. Deshalb müssen wir zwar jetzt konkret unterstützen, aber in Zukunft an diesen Verhältnissen etwas ändern!“

Andere haben andere Schwerpunkte: „Ich kann die politische Motivation von einigen nachvollziehen und unterstützen“, sagt Ute. „Aber ich habe auch ein ganz persönliches Motiv: Mein Partner und ich unterstützen schon meinen Schwiegervater. Wenn wir uns irgendwo anstecken und in Quarantäne müssen – wer unterstützt ihn dann? So tragen wir jetzt auch noch unseren Teil für andere bei und sehen gleichzeitig, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, weil es so viele gibt, die helfen. Vorher hat mich die Sorge gelähmt und hilflos gemacht!“

Hilfsanfragen von Pflegeheimen

Die Überlastung des Pflegepersonals, die Alexandra bemängelte, macht sich auch in der konkreten Arbeit der Freiwilligengruppe bemerkbar: Schon gestern kamen zwei Hilfsanfragen von Pflegeheimen, ob man ihnen einige nicht-pflegerische Arbeiten abnehmen könnte: Rezeptionsdienste und das Nähen von Schutzmasken. Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) möchte Hilfe anbieten und ein Helfernetzwerk organisieren. „Dazu sind solche Menschen aufgerufen sich zu melden, die Zeit haben und bereit sind, anderen zu helfen“, sagt Sabine Spatzek, Pressesprecherin des DRK-Kreisverbands Hamburg-Harburg.

In der E-Mail an hilfe@drk-harburg.hamburg sollte stehen, ob Hilfe benötigt oder angeboten wird, der Name sowie eine Telefonnummer, unter der man zu erreichen ist. Die Kontaktdaten der Helfenden werden an die Hilfesuchenden weitergegeben, diese können sich dann melden. Es wird außerdem um die Angabe der Postleitzahl und des Stadtteils gebeten. So kann das Rote Kreuz den Kontakt zwischen Helfenden und Hilfesuchenden möglichst ortsnah herstellen.

Den Chat-Dienst Telegram kann man sich unter https://desktop.telegram.org/ für den PC herunterladen oder in den in den app- und playstores für das Taschentelefon.