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Buxtehude

Lebenshilfe plant eine integrative Schule

So wir hier in an der Marienschule in Hildesheim sollen Kinder mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam an der neuen „Else-Klindtworth-Schule unterrichtet werden.

So wir hier in an der Marienschule in Hildesheim sollen Kinder mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam an der neuen „Else-Klindtworth-Schule unterrichtet werden.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

In Buxtehude sollen Kinder mit und ohne Beeinträchtigung in Zukunft eine gemeinsame Grundschule haben.

Buxtehude. Iris Wolf hat eine Vision. Von einer Schule, in der alle mitmachen können. In der kein Kind außen vor ist. Einem Ort, an dem alle lernen können, so wie es ihr Interesse, ihr Lerngrad und ihre Geschwindigkeit zulassen – ganz gleich, welche Voraussetzungen jeder Schüler mitbringt. Eine Schule, in der alle Kinder gemeinsam lernen, ohne dass sie aufgrund ihrer individuellen Begabungen und Besonderheiten voneinander getrennt werden.

Lebenshilfe will neues Konzept umsetzen

Und weil es eine solche Schule dort, wo Iris Wolf lebt und arbeitet, in dieser Form noch nicht gibt, hat die Geschäftsführerin der Lebenshilfe Buxtehude e.V. beschlossen, das Konzept selbst umzusetzen. Auf dem Gelände der Tagesbildungsstätte der Jugend- und Behindertenhilfe soll eine staatlich anerkannte Privatschule entstehen, in der Kinder mit und ohne Handicap beschult werden.

Die integrative Grundschule soll den Namen „Else-Klindtworth-Schule“ tragen und zum August 2021 mit 18 bis 20 Kindern der Klassenstufe 1 an den Start gehen. Aktuell liegen die Unterlagen zur Genehmigung der neuen Bildungseinrichtung bei der Landesschulbehörde in Lüneburg.

Kleine, heterogene Lerngruppen

Das inklusive Konzept der klassenstufenübergreifenden Grundschule sieht vor, jeden Schüler in einer heterogenen Lerngruppe individuell zu fördern. Dabei arbeiten Grundschullehrer, sonderpädagogische Förderlehrer und pädagogische Helfer in doppelter Besetzung eng zusammen.

Die Zeugnisse werden sich weniger auf Noten, sondern vielmehr auf die Kompetenzen der Schüler ausrichten. Der Anteil der Kinder mit Beeinträchtigung soll 30 Prozent nicht übersteigen.

Die Schulgründung ist auch eine Notwendigkeit

Die Gründung einer inklusiven Grundschule ist nicht nur eine Herzensangelegenheit der 58-jährigen Geschäftsführerin. Es ist auch eine Notwendigkeit. Bislang werden in der Tagesbildungsstätte der Buxtehuder Lebenshilfe, auch „Kalle-Gerloff-Schule“ genannt, 61 Schüler mit geistiger Behinderung unterrichtet.

Doch seit dem 1. Januar greift das Bundesteilhabegesetz. Für die Finanzierung der Tagesbildungsstätte ist künftig nicht mehr das Landessozialamt zuständig, sondern das Sozialamt des Kreises. Damit einher geht der Abbau von Sondereinrichtungen für Behinderte. Damit steht auch die Finanzierung der „Kalle-Gerloff-Schule“ auf dem Spiel.

„Ende 2021 wäre damit voraussichtlich Schluss mit der Beschulung von Kindern und Jugendlichen in unserer Einrichtung“, sagt Iris Wolf. „Wir sind also gezwungen, zu handeln.“ Geplant ist daher, auch die bereits bestehende Bildungsstätte zu einer offiziellen Schule umzuwandeln.

„Kinder, mit komplexeren Beeinträchtigungen, die besser in kleinen Klassen von bis 10 Kindern gefördert werden können, hätten dann die Möglichkeit zwischen der ‘Else’ und ‘Kalle’ zu wählen. Wobei die Förderschule die Beschulung bis zum Ende der Schulpflicht -12 Jahre- abdeckt.“, sagt Iris Wolf. Nach und nach könnten aber auch mit dem Wachsen der Else-Klindtworth-Schule immer mehr Schüler inklusiv beschult werden.

Das Vorbild ist Hannover

Vorbilder dafür ist die Mira-Lobe-Schule in Hannover, die 2012 als erste inklusive Grundschule gegründet wurde und inzwischen die Oberschulklassen aufbaut. Die Anmeldungen dort übersteigen die Kapazität, weil Eltern behinderter und nicht behinderter Schüler die kleinen Lerngruppen und die intensive Betreuung schätzen. Diese soll es auch in der Else-Klindtworth-Schule geben.

Aktionsplan Bildung der Unesco setzt den Rahmen

Unterrichtet werden soll nach der Idee der Initiative „Schule im Aufbruch“. „Sie steht für eine ganzheitliche Bildung, wie sie im ‚Weltaktionsplan Bildung für Nachhaltige Entwicklung‘ von der UNESCO formuliert ist“, sagt Iris Wolf. „Die Idee dahinter ist eine Schule, die jedes Kind darin unterstützt, sein Potenzial bestmöglich zu entfalten und die angeborene Begeisterung und Kreativität von Kindern und Jugendlichen zu erhalten.“

Es gehe darum, den Kindern Verantwortungsfreude zu vermitteln und sie zu lehren, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Das gehe am besten in einer inklusiven Schule, die alle Kinder aufnimmt, unabhängig von ihren körperlichen, intellektuellen, sozialen, emotionalen oder sprachlichen Fähigkeiten, davon ist Iris Wolf überzeugt. „Die Inklusion an Schulen in Niedersachsen wurde 2013 offiziell eingeführt, aber zwischen Anspruch und Realität gibt es noch immer große Lücken“, sagt sie.

Räume gibt es in der Tagesbildungsstätte

Geplant ist, die neue Grundschule zunächst in den Räumen der Tagesbildungsstätte an der Apensener Straße in Buxtehude unterzubringen. „Sie bietet ausreichend geeignete Räume“, so Iris Wolf, die eine bauliche Erweiterung in den kommenden Jahren auf dem Gelände nicht ausschließen will.

Doch erstmal muss die vierfache Mutter, die sich seit 25 Jahren bei der Lebenshilfe Buxtehude engagiert, sehen, wie sich die neue Schule überhaupt finanzieren lässt. Denn in den ersten drei Jahren müsste sich die private Grundschule in freier Trägerschaft, die staatlich anerkannt werden soll, frei finanzieren. Erst danach würde Finanzhilfe gewährt werden.

Die Geschäftsführerin ist optimistisch, dass sich hier eine Regelung finden lässt. „Insgesamt werden in Niedersachsen ca. 4500 Kinder in Tagesbildungsstätten beschult. Einige davon werden sich ebenfalls zu Förderschulen umwandeln. Hier werden Regelungen benötigt, die die jahrzehntelange Erfahrung der Tagesbildungsstätten würdigen“, sagt sie.