Harburg
Hospizarbeit eingefroren

Sterbebegleiter können kaum noch Beistand leisten

Die Hospizvereinsvorsitzende Gabriele Heuschert und die Hilfe-Koordinatorin Gabriela Henschen können mit dem Hospizverein nur noch telefonische Grundversorgung anbieten. 

Die Hospizvereinsvorsitzende Gabriele Heuschert und die Hilfe-Koordinatorin Gabriela Henschen können mit dem Hospizverein nur noch telefonische Grundversorgung anbieten. 

Foto: Lars Hansen / xl

Was ist mit denen, die gerade besonders auf Zuwendung angewiesen sind – Todkranke oder Trauernde? Besuche sind nicht möglich.

Harburg. „Social Distancing“ ist das allgegenwärtige Wort für die Eindämmung des Coronavirus: Die Menschen sollen so viel wie möglich zu Hause bleiben und ihre Kontakte einschränken, wenn nicht vermeiden. Was ist aber mit denen, die gerade besonders auf menschliche Zuwendung angewiesen sind – Todkranke oder Trauernde beispielsweise. Diese Menschengruppen fanden in Harburg bislang Unterstützung beim Hospizverein Hamburger Süden. Doch der musste seine Arbeit jetzt auf nahezu Null herunterfahren.

Sowohl die Betreuten, als auch die Betreuer müssen derzeit geschützt werden. „Das trifft viele von uns hart“, sagt Gabriele Heuschert, Ärztin und Vorsitzende des Vereins. „Denn unsere ehrenamtlichen Sterbebegleiter haben alle in irgendeiner Form eine persönliche Bindung zu ihren Betreuten aufgebaut. Und jetzt haben sie das Gefühl, sie allein lassen zu müssen.“ In vielen Fällen wäre es den Ehrenamtlichen ohnehin nicht mehr möglich, ihre Betreuten zu besuchen. „Viele unser Klienten leben in Pflegeheimen“, sagt die hauptamtliche Helferkoordinatorin Gabriela Henschel. „Dort herrscht im Moment flächendeckend Betretungsverbot.“

Sterbende müssen auf die Helfer des Hospizvereins verzichten

Doch auch die zu Hause Sterbenden müssen auf die Helfer des Hospizvereins verzichten. Das mag manchem widersinnig erscheinen, aber es geht in der Hospizarbeit darum, die Betreuten ihre letzte Zeit noch möglichst schön erleben zu lassen. Sie jetzt einem weiteren tödlichen Risiko auszusetzen wäre etwas, was sich die Helfer nie und nimmer verzeihen würden.

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Ganz ohne Kontakt sind die Todkranken nicht. Die medizinische Versorgung ist je nach Klientensituation durch stationäre oder ambulante Pfleger gewährleistet. „Aber für alles Menschliche bleibt dabei keine Zeit“, sagt Gabriela Henschel. „Das haben bislang unsere Sterbebegleiter übernommen: Mal ein nettes Gespräch, mal Vorlesen, mal ein Einkauf oder, wenn es noch geht, einen Ausflug zu organisieren. Darauf müssen unsere Betreuten derzeit verzichten.“ Viele Begleiter halten noch telefonisch Kontakt zu ihren Betreuten. „Das ersetzt den persönlichen Kontakt natürlich gar nicht“, sagt Henschel.

Trauerndenarbeit ruht derzeit größtenteils

Auch die Trauerndenarbeit ruht derzeit größtenteils. Fünf regelmäßige Angebote gibt es beim Verein, von Gesprächsgruppen über gemeinsame Aktivitäten wie Kunst oder Kochen bis hin zu einer moderierten Selbsthilfegruppe für Menschen, die an die Hand genommen werden müssen, damit sie den Trauerprozess wohlbehalten durchstehen können. „Das muss jetzt erst einmal alles ruhen“, sagt Gabriele Heuschert. „So wie auch auch unsere Helferfortbildungen.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Unser Notfalltelefon für Angehörige ist weiter rund um die Uhr besetzt. Aber ein Telefonat mit uns ersetzt nicht den regelmäßigen Kontakt mit anderen Trauernden, die Perspektive, wie es anderen geht, die Erkenntnis, dass man nicht allein ist und das Erleben, dass andere in ihrer Trauer vielleicht schon fortgeschritten sind und es einen Weg aus dem Tal heraus gibt. „Etwa 30 todkranke Harburgerinnen und Harburger werden momentan eigentlich vom Verein betreut. 20 von ihnen leben in Heimen und zehn bei ihren Familien oder Partnern.

Oft ist es lediglich der Besuch des Sterbebegleiters, der es pflegenden Angehörigen ermöglicht, sich einmal eine kurze Auszeit zu nehmen, oder auch nur Einkäufe zu erledigen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, was zu Hause passiert. Vereinsvorsitzende Gabriele Heuschert appelliert deshalb an die Nachbarn solcher Familien, den Angehörigen ein paar Aufgaben abzunehmen, wenn es geht.

„Wir können nur hoffen, dass die Einschränkungen nicht so lange in Kraft bleiben müssen“, sagt sie. „Und dass wir unsere über das Jahr gestreckten Fortbildungen kompakt nach dem Sommer veranstalten können!“