Gute Idee

Bürgermeister kauft für die Dorfbewohner ein

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Hanna Kastendieck
Josef Nikolaus, Ortsbürgermeister von Eckel, kauft für die Mitbürger ein, die alt oder krank sind und damit im Zusammenhang mit dem Coronavirus besonders gefährdet sind.

Josef Nikolaus, Ortsbürgermeister von Eckel, kauft für die Mitbürger ein, die alt oder krank sind und damit im Zusammenhang mit dem Coronavirus besonders gefährdet sind.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Um Alte und chronisch Kranke vor dem Corona-Virus zu schützen, übernehmen freiwillige Helfer die Versorgung mit Lebensmitteln.

Rosengarten-Eckel.  Eigentlich besucht Josef Nikolaus die Menschen im Dorf, wenn es etwas zu feiern gibt. Jedem Mitbürger, der seinen 80., 90. oder gar 100. Geburtstag feiert, gratuliert der Ortsbürgermeister von Eckel persönlich. Der 67-Jährige kennt die Bewohner und ihre Sorgen. Und er weiß genau, wie bedrohlich die Lage im Zusammenhang mit dem Coronavirus gerade für die Älteren und chronisch Kranken unter ihnen ist. Als sich die Situation in der vergangenen Woche auch in der Gemeinde Rosengarten zuspitzte, beschloss Josef Nikolaus zu handeln. Gemeinsam mit seinem Vorgänger Marco Stöver, den er im Oktober 2019 als Bürgermeister abgelöst hat, gründete er einen Lieferdienst für Senioren, Menschen mit Grunderkrankungen und medizinisches Personal.

„Im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Corona-Virus Covid-19 wird empfohlen, die sozialen Kontakte auf ein nötiges Minimum zu beschränken“, sagt Josef Nikolaus. „Dieses geschieht vor allem zum Schutz besonders gefährdeter Menschen wie z. B. ältere Menschen oder chronisch Kranke. Diese Menschen machen sich derzeit große Sorgen und gehen kaum noch aus dem Haus. Diese Menschen wollen wir schütze und entlasten.“ Darüber hinaus wendet sich die Versorgungshilfe an Ärzte und Pflegepersonal, die sich mit aller Kraft einsetzen, um die Corona-Pandemie einzudämmen.

Kaum war die Idee geboren, meldeten sich bereits die ersten Unterstützer. Innerhalb weniger Stunden hatten Josef Nikolaus und Marco Stöver 24 freiwillige Helfer für den Lieferdienst zusammen. Sie druckten Flugblätter und verteilten sie an die Haushalte. „Unser Angebot sieht vor, für die Betroffenen zweimal in der Woche den Einkauf im Supermarkt und den örtlichen Bäckereien zu erledigen und die Haushalte mit den wichtigsten Lebensmitteln zu versorgen“, sagt Josef Nikolaus.

Auch Medikamente können geliefert werden

Es gehe darum, den Grundbedarf zu decken und gegebenenfalls nach Absprache mit den jeweiligen Ärzten und Apotheken auch Medikamente zu liefern. „Die Waren werden eingekauft und den Betroffenen mit einem Geldsammelbehälter vor die Tür gestellt, ohne persönlichen Kontakt“, sagt Marco Stöver. „Der Lieferant wird klingeln und sich weit genug entfernen. In den Transportbehältnissen befindet sich der Einkaufsbeleg. Das Geld soll dann in den Sammelbehälter gelegt werden.“

„Eckel hält zusammen“, so das Motto der Nachbarschaftshilfe in dem 1900-Seelen-Dorf am südlichen Rand der Gemeinde Rosengarten. Für den Orts-Chef, der seit 1984 in Eckel zu Hause ist, zwei erwachsene Kinder und zwei Enkel im Alter von acht Monaten und zweieinhalb Jahren hat, ist dieser Zusammenhalt eine Selbstverständlichkeit. „Es ist zutiefst menschlich, sich gegenseitig zu helfen“, sagt der Psychotherapeut im Ruhestand, der bis zu seiner Berentung vor zwei Jahren in der Buchholzer Suchtberatung tätig gewesen ist.

„Ich habe in meinem Leben selbst viele kleine Situationen erlebt, in denen ich auf die Hilfe anderer angewiesen war“, sagt er. Es seien kleine Gesten, die er nie habe vergessen können, so wie diese, als er bei einer Wanderung auf dem Jakobsweg in Spanien vergeblich nach dem Weg zur Herberge suchte und schließlich einen Spanier um Hilfe bat. „Er hat mich einfach an die Hand genommen und bis zur Unterkunft begleitet“, sagt er. „Das hat mich richtig berührt.“

Es ist ein Glück, Menschen helfen zu können

Die Menschen in dieser schwierigen Situation nun auf seine Weise ein Stückchen zu begleiten, erlebt Josef Nikolaus als großes Glück. Angst vor eigener Ansteckung hat er keine. Vielmehr mache er sich Sorgen um die Anderen, um Nahestehende und Kranke. Und darum, was die belastende Zeit, deren Ende nicht abzusehen sei, mit der Psyche der Menschen mache. „Wir müssen daher dafür Sorge tragen, dass wir die Betroffenen nicht nur mit Lebensmitteln versorgen, sondern ihnen auch Ängste nehmen und ihnen helfen, mit dem Thema Corona umzugehen“, sagt er. Als Achtsamkeitstrainer will er seinen Teil dazu beitragen, plant einen eigenen Blog, der dazu beiträgt, die Menschen in schwierigen Situationen an die Hand zu nehmen.

„Die Coronakrise ist auch eine Chance für das Miteinander“, davon ist Josef Nikolaus überzeugt. „Und sie kann dazu beitragen, dass die Gesellschaft beginnt darüber nachzudenken, ob das Leben, das sie führt, so weitergeführt werden sollte.“ Nikolaus, der seit 1986 Mitglied der Grünen ist, hofft, dass der Virus, der dafür sorgt, dass immer weniger Flugzeuge starten und damit die Ökobilanz massiv beeinflusst, die Menschen zum Umdenken bewegt. „Muss es wirklich immer mehr Wachstum sein?“, fragt er. „Oder können nicht auch andere Dinge wichtig sein?“

Initiativen

Der Lieferdienst in Eckel wird koordiniert von Marco Stöver, Kontakt über Festnetz, Tel: 04105/406 70 87, Email: marcostoever@gmail.com oder mobil: 01578 922 92 71

Der Verein „Buchholz fährt Rad e.V.“ hat die Hilfsaktion #NachbarschaftsChallenge gegründet. Ab sofort bieten Ehrenamtliche an, Menschen, die vom Virus besonders bedroht sind, z. B. Einkäufe im Supermarkt, in der Drogerie oder der Apotheke zu erledigen.

Die Ware wird mit den Heidschnucken-Lastenrädern kostenlos direkt nach Hause gebracht. Betroffene können ihre detaillierte Einkaufs- bzw. Besorgungsliste per E-Mail schicken an: info@lastenrad-buchholz.de. Anzugeben sind außerdem Adresse, Telefonnummer sowie genaue Produktinformationen.

Alternativ kann die Bestellung auch telefonisch bei Koordinator Peter Eckhoff aufgegeben werden, Tel: 0172 975 50 81.

Die Jusos im Landkreis Harburg bieten den Bewohnern folgende Hilfe an: Einkaufen, Wege zur Post oder in die Apotheke übernehmen. Wer Hilfe benötigt, kann sich per Email an info@jusos-lkharburg.de bzw. telefonisch an das Unterbezirksbüro unter der Nummer 04181/ 5358 wenden.

Nachbarn helfen auch in Maschen

In Maschen hat sich eine Gruppe zusammengefunden, die Menschen helfen will, die als Schutz vor einer Corona-Erkrankung das Haus nicht verlassen können. Das Angebot der Nachbarschaftshilfe Maschen/Horst/Hörsten gilt ebenso für Eltern, die keine Betreuung für ihre Kinder haben. Für Einkäufe, Botendienste, Fahrten zu Post, Bank oder Arzt und Kinderbetreuung stehen ehrenamtliche Helfer bereit.

Sie bringen Essen vorbei, das örtliche Gaststätten als Mittagstisch anbieten. Auch wer einfach nur reden will, kann sich an die Helfer wenden. Zu erreichen sind die Organisatoren unter folgenden Telefonnummern: Angelika Tumuschat-Bruhn (0175/2425000), Stefan Weseloh (0171/5468888) und Daniela Kotzur, die sich insbesondere um Kinderbetreuung kümmert (0171/9374776). Auch auf Facebook ist die Gruppe zu finden. Infos: a.tumuschat-bruhn@ spd-seevetal.de.

( hk )

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