Protestaktion im Landkreis

Mehr Musik und Kunst an Harburgs Schulen

Im Rahmen der "KUMU20" demonstrieren auch die Schüler der IGS Buchholz mit ihren Instrumenten für mehr Musikunterricht an den Stadtteilschulen.

Im Rahmen der "KUMU20" demonstrieren auch die Schüler der IGS Buchholz mit ihren Instrumenten für mehr Musikunterricht an den Stadtteilschulen.

Foto: Hanna Kastendieck / hA

Mit fantasievollen Kunstprojekten und besonderen Konzerten protestieren Schüler und Lehrer gegen Stundenkürzungen bei Kunst und Musik.

Sie lassen Eisblöcke schmelzen, machen „Kunst fürs Klo“ und tragen von Pauken und Trompeten untermalt in einer inszenierten Beisetzungszeremonie die Kultur zu Grabe. Sie brechen Konzerte ab, lassen Bilder unvollendet und zeigen auf diese Weise, was es bedeutet, wenn die musikalisch-künstlerisch-ästhetischen Unterrichtsfächer weiter vom Stundenplan verschwinden. „KUMU20 – auf die Augen, auf die Ohren!“ heißt die Protestaktion, die derzeit an 80 Gesamtschulen in Niedersachsen läuft. Ziel der Aktion mit über 100 Projekten aus dem Kunst- und Musikunterricht sowie dem Darstellenden Spiel ist, kritisch auf die von reduzierter Stundentafel sowie Kürzungen betroffenen Fächer aufmerksam zu machen. Das Label „KUMU20“ verbindet die einzelnen Beiträge der Schulen und Schulverbünde vor Ort zu einem landesweiten Projekt und macht diese über eine interaktive Website sichtbar.

Aktion an Gesamtschulen startete im März

An der Aktion, die im März gestartet ist und sich über den gesamten Monat erstreckt, nehmen auch Schulen aus dem Landkreis Harburg, aus Buxtehude, Stade und Lüneburg teil. So haben zum Beispiel die IGS Winsen-Roydorf, die IGS Buchholz und die Christliche Schule Nordheide gemeinsam eine fragmentarische Ausstellung entwickelt, die von Schule zu Schule zieht. Zur jeweiligen Eröffnung gibt es ein Schülerkonzert in Bruchstücken. Die Aufführung zeigt, was es bedeutet, wenn der Unterricht immer weiter gestrichen wird.

„Im Vordergrund stehen die Fähigkeiten der Schüler“, sagt Kunstlehrer Steffen Elbing, der das Projekt an der IGS Buchholz betreut. „Wir wollen zeigen, welche Möglichkeiten sich für die Mädchen und Jungen durch den Unterricht von Kunst, Musik und Darstellendem Spiel ergeben und wie wichtig diese Fächer für die Ausdrucksform von Gedanken und Gefühlen der Schüler sind. Sie fördern Kreativität und individuelle Denkansätze in besonderer Weise und erweitern den persönlichen Horizont.“

Initiatoren wollen ein Zeichen setzen gegen Stundenkürzung

Die IGS Lüneburg verbindet mit ihrem Projekt „Alles schmilzt“ gleich zwei Botschaften. „Zum einen geht es um das Abschmelzen der Pole, zum anderen darum zu zeigen, was bleibt, wenn sich die Dinge nach und nach auflösen“, sagt Jorge Armando Ponce Muñoz, Kunstlehrer und Fachobmann Kunst an der IGS Lüneburg. Die Inszenierung, bei der zwei riesige Eisblöcke zum schmelzen gebracht werden, findet am 24. März in der Schule statt.

Initiator der „KUMU20“ sind Felix Goltermann und Marita Krützkamp, die nicht nur Musik und Kunst unterrichten, sondern auch als Fachmoderatoren für die Landesschulbehörde im Einsatz sind. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen weitere Streichungen von Stunden in den Fächern Kunst, Musik und Darstellendes Spiel. Das haben sie schon einmal versucht. Vor fünf Jahren. Damals standen die Kunst- und Musiklehrer aus Niedersachsen samt Schülerschaft vor dem Landtag in Hannover. Sie waren laut und wütend und hielten Plakate hoch, auf denen Stand „Ist das Kunst? Dann kann das weg“ und „Keine Stundenkürzungen in Musik, Kunst und Theater“. Der Protest samt Appell an Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der sich gegen eine Kürzung der Unterrichtsstunden für Kunst, Musik und Theater an Gymnasien richtete, verhallte damals ungehört. „Der Landtag hat die Kürzungen durchgewunken, weil der Wert von Kunst- und Musikunterricht nicht wahrgenommen wird“, sagt Felix Goltermann.

Projekt zeigt die kreative Vielfalt der Schulen

Diesmal setzten die Initiatoren auf Wahrnehmung dessen, was in den Schulen passiert, auf das, was die Schüler und Lehrer leisten. „Die KUMU20 zeigt, wie bunt und kreativ Schule sein kann, wenn Kinder und Jugendliche musizieren, malen oder Theater spielen“, sagt Felix Goltermann. „Der Schatz dieser Fächer geht oft unter und wird nicht erkannt.“

Unterstützung vom Bundesverband Musikunterricht

Unterstützung bekommt die Protestaktion vom Bundesverband Musikunterricht e.V. (BMU). „Die Stundentafel 1 sieht für Musik und Kunst von Klasse 5 beginnend zwei Stunden, dann für die Klassen 8 bis 10 jeweils nur eine Stunde pro Halbjahr vor. In Jahrgang elf teilen sich die Fächer Musik, Kunst und Darstellendes Spiel die Zielgruppe sowie die Stunden“, sagt Friedrich Kampe vom BMU-Landesverband Niedersachsen. „Ein miserabler Zustand.“ So sei in Jahrgang 11, wo bisher etwa 40 Prozent der Schüler Musik und 60 Prozent Kunst wählten, für Musik ein Rückgang auf circa 22 Prozent zu verzeichnen. „Musikausbildung braucht Kontinuität“, sagt Kampe. „Sonst wählen die Schüler das Fach ab. Was wir brauchen, sind über die Jahrgänge hinweg durchgehend zwei Stunden Musik. In Jahrgang 11 fordern wir mindestens für zwei ästhetische Fächer jeweils 3 Stunden, also keine Teilung, sondern Verdopplung des Angebotes.“ Die Beschäftigung mit Musik leiste einen zentralen Beitrag zur ästhetischen Bildung und eröffne Wege zur einer selbstbestimmten kulturellen Teilhabe, so Kampe.

Mit den Stunden sinkt auch die Wertschätzung eines Fachs

„Durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur und der Musik anderer Kulturen kann interkulturelles Lernen stattfinden. Dadurch wird eine Haltung gefördert, die von Offenheit, Toleranz und gegenseitigem Respekt geprägt ist.“ Musik habe im Leben der Schüler einen hohen Stellenwert, so der Musiklehrer weiter. „Sie ist im Alltag ständig verfügbar und dient als soziales Bindeglied zur Gruppe der Gleichaltrigen und der Gesellschaft.“

Auch Steffen Elbing von der IGS Buchholz beobachtet, dass mit der Streichung von Stunden auch die Wertschätzung für das Fach sinkt. Noch vor ein paar Jahren unterrichtete er in den Jahrgängen neun bis elf ganzjährig Musik. „Heute findet der Unterricht nur noch halbjährlich statt“, sagt Elbing. Die Folge: Immer weniger Schüler entscheiden sich dafür, Musik auch als Schwerpunkt im Abitur zu wählen. Leidtragende sind Schüler wie Meret Barnowski. „Ich hätte gern das Musikprofil gewählt“, sagt die angehende Abiturientin der IGS Buchholz. „Doch weil sich nur drei Interessenten fanden, kam das Angebot nicht zustande.“

Im kommenden Jahr wollen die Initiatoren das Projekt „KUMU“ auch auf die anderen Schulformen ausdehnen. „Gymnasien, Haupt- und Realschulen, Oberschulen und Grundschulen sollen dann miteinsteigen“, sagt Felix Goltermann. „Denn auch dort wird die Situation immer schwieriger.“