Harburg
Buchholz

Berufsschüler werden zu Künstlern

Schülerinnen der BBS Buchholz arbeiten mit Atemschutz und Plastikschürzen an einem ihrer gemeinsamen Kunstwerke.

Schülerinnen der BBS Buchholz arbeiten mit Atemschutz und Plastikschürzen an einem ihrer gemeinsamen Kunstwerke.

Foto: Gitti Brandenburger/BBS

Mit dem Hamburger Graffitikünstler Oliver Davis Nebel schaffen sie Kunstwerke für eine Ausstellung des Kunstvereins und der Kulturkirche.

Buchholz. Graffiti-Kunst übt insbesondere auf Jüngere eine Faszination aus, schwebt doch immer ein wenig Anarchie in dieser Kunstform mit. Auf der anderen Seite sind die gesprühten Bilder oder Schriftzüge meist farbenfroh, sehr präsent und stehen für eine bestimmte urbane Kultur. Derzeit erproben sich zehn Schülerinnen und Schüler der Berufsbildenden Schulen Buchholz mit der Farbsprühdose unter fachkundiger Anleitung: Mit dem Hamburger Graffitikünstler Oliver Davis Nebel schaffen sie Kunstwerke für eine Ausstellung des Kunstvereins Buchholz und der Kulturkirche St. Johannis Buchholz. Parallel dazu arbeitet eine weitere BBS-Klasse mit dem Künstler Saeed Foroghi aus Berlin an Installationen.

Die Kulturkirche erhält über vier Jahre Zuwendungen aus der Hanns-Lilje-Stiftung der Hannoverschen Landeskirche. Dafür muss sie jährlich eines ihrer Kulturprojekte mit einer nichtkirchlichen Einrichtung zusammen ausrichten. Dabei hat sich etabliert, dass die Kirche mit dem Kunstverein und Buchholzer Schulen zusammenarbeitet. In diesem Jahr lautetet das Jahresthema „Beziehung und Isolation“ – aber dazu später mehr.

Jugendliche aus teils schwierigen Verhältnissen

Die Schüler, die in der Graffiti-Gruppe arbeiten, besuchen an den BBS das Berufsvorbereitende Jahr. Es sind Jugendliche, die teils aus schwierigen Verhältnissen, teils aus Zuwandererfamilien kommen oder Beeinträchtigungen haben. „Oder sie brauchen einfach mehr Zeit beim Lernen“, sagt die Schul-Sozialpädagogin Gitti Brandenburger. „Als der Kunstverein wegen des Projektes auf uns zukam, haben wir sofort zugegriffen.“

Für die 17-jährige Olga, die aus Moldawien stammt und erst seit kurzem in Deutschland lebt, ist das Projekt ein Glücksfall. „Ich male seit etwa zwei Jahren und habe festgestellt: Das ist genau mein Ding. Mit Farbe kann ich kommunizieren.“ Sie arbeitet jetzt auf den Realschulabschluss hin, um anschließend eine Designschule zu besuchen. Der 16-jährige Henning möchte gern besser malen können, seine Lieblingsmotive sind Tiere und Autos. Sein Berufswunsch hat allerdings mit Kunst wenig zu tun: Er möchte zur Berufsfeuerwehr.

In zwei Projektwochen bereiten die Jugendlichen die Ausstellung vor

In zwei Projektwochen bereiten die Jugendlichen die Ausstellung vor. Den Graffiti-Kurs besuchten anfangs 35 Schüler, die sich darin für die zweite Projektwoche qualifizieren konnten. „Nicht alle fanden, dass Kunst für sie das Richtige wäre“, erklärt Gitti Brandenburger. Am Anfang standen Zeichenübungen in der graffititypischen Bubble-Technik – Buchstaben, die wie aufgeblasene Luftballons aussehen. Es folgte eine Exkursion ins Hamburger Schanzenviertel.

„Hamburgs größtes Freilichtmuseum“, nennt es Oliver Davis Nebel. Der Künstler, der auch ausgebildeter Erzieher ist, erläuterte in dem Szene-Viertel Begriffe wie Street Art, Tags und Graffiti. In der zweiten Projektwoche konnten die Schüler das Gesehene und Gelernte nun in ihre eigenen Ideen umsetzen. „Love“ steht in großen Bubble-Lettern auf der Spraywand in einer Werkstatt der BBS. Dieses und weitere Sprayerwerke kommen in die Ausstellung und anschließend in die Schule. „Jeder macht das, was er kann. Wenn jemand nicht weiter kommt, helfe ich“, erklärt Oliver Davis Nebel.

Im Kunstverein hat eine weitere BBS-Klasse, die der Berufsfachschule Sozialpädagogik, schon fleißig gearbeitet. Zusammen mit dem Berliner Künstler Saeed Foroghi haben sie ihre Profile aus Sperrholz ausgesägt, immer paarweise. „Wir setzen hier das Thema Beziehung und Isolation um“, erklärt er.

Wie weit muss ich gehen, um eine Beziehung aufzubauen?

Zum Beispiel, in dem die ausgesägten Paare neu zusammengesetzt werden. Die alten Profile sind mit Absperrband umwickelt. „Es geht auch um Grenzüberschreitung. Wenn man voneinander die Konturen abzeichnet, kommt man sich sehr nahe: Wie weit muss ich gehen, um eine Beziehung aufzubauen, wo sind Grenzen, die ich überschreiten könnte?“

Großen Spaß hatten die Schüler beim „Morphing“ – am Computer werden die Porträts zweier Schüler dabei miteinander vermischt, so dass ein neues Gesicht entsteht. „Jeder durfte sich etwas wünschen, was er vom anderen haben möchte - Augen, Nase, Haare...“, erklärt der Künstler.

Weil Saeed Foroghi, der in Berlin auch an einer Schule Kunst unterrichtet hat, gern mit Flaggen arbeitet, sollen die Schüler zum Schluss noch Flaggen für imaginäre Länder gestalten und eine eigene Verfassung ausarbeiten. Denn für den gebürtigen Iraner Foroghi hat Kunst auch immer eine politische Ebene. Nicht nur beim Thema Beziehungen und Isolation.