Harburg

Rotary-Jugendpreis: Auf dem Treppchen zweimal Zwillinge

| Lesedauer: 7 Minuten
Hanna Kastendieck
Rogerio (r.) und Merito Antonio haben doppelt Grund zur Freude: die Zwillinge kümmern sich um Obdachlose und erhalten dafür den Rotary-Jugendpreis 2020.

Rogerio (r.) und Merito Antonio haben doppelt Grund zur Freude: die Zwillinge kümmern sich um Obdachlose und erhalten dafür den Rotary-Jugendpreis 2020.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Harburger Rotarier zeichnen jugendliche Vorbilder aus. Unter ihnen: Die Brüder Rogerio und Merito und die Schwestern Nina und Aileen

Harburg.  Angefangen hat alles mit acht Blechen Pizza, 250 hartgekochten Eiern, zehn Litern Kaffee, Tee und Cappuccino sowie drei Bollerwagen, mit denen Rogerio und Merito Antonio, Schwester Chiara und ihre Mutter Petra über den Kiez zogen. Dort verteilten die drei ihre Lebensmittel an die Obdachlosen. Das war vor zweieinhalb Jahren. Die Not der Menschen auf der Straße ließ sie nicht mehr los. Seitdem machen sich die vier regelmäßig auf den Weg zu den Bedürftigen rund um die Reeperbahn und den Hauptbahnhof.

Für ihr Engagement werden Rogerio und Merito Antonio jetzt mit dem Rotary-Jugendpreis 2020 ausgezeichnet. Zu den Preisträgern gehören darüber hinaus DLRG-Schwimmerin Caren Degner sowie Nina und und Aileen Sickert. Vergeben werden drei Preise, dotiert mit 1000, 600 und 400 Euro.

„Der Preis soll eine Anerkennung für junge Menschen sein, die ihr soziales Engagement und ihren selbstlosen ehrenamtlichen Einsatz für die Gemeinschaft leisten“, sagt Rotarier Bert Stoklossa, der Teil der vierköpfigen Jury ist und sich in diesem Jahr über eine Vielzahl toller Bewerbungen freut. „Wir sind glücklich, dass es so viele junge Menschen gibt, die sich für andere einsetzen“, so der Rotarier.

„Sie gehen direkt zu den Obdachlosen unter die Brücken“

Um so größer ist die Freude bei den diesjährigen Preisträgern. „Wir sind glücklich über die Auszeichnung“, sagen Merito und Rogerio Antonio. Die beiden Jungs sind 16, besuchen die Goethe Schule Harburg und stehen dort regelmäßig mit dem Jugendchor Gospel Train auf der Bühne, der auch für seine Benefizveranstaltungen – unter anderem für Obdachlose – bekannt ist.

Ihr Chorleiter Peter Schuldt hatte die Bewerbung für den Jugendpreis unterstützt, weil er findet, dass das Engagement der Zwillinge vorbildlich ist. „Die beiden reden nicht nur darüber, dass man helfen sollte. Sie tun es auch“, sagt Peter Schuldt. „Sie gehen direkt zu den Obdachlosen unter die Brücken – ohne jegliche Berührungsängste. Das ist großartig.“

Ein- bis zweimal die Woche sind Merito und Rogerio Antonio für die Obdachlosen in der Stadt im Einsatz. Längst verteilen sie nicht mehr nur Brötchen, Kuchen und warme Getränke, sondern auch Mützen, Handschuhe, Socken und vor allem Unterwäsche. „Die Ehre eines jeden Menschen fängt bei der Unterhose an“, lautet ihr Slogan. Inzwischen gibt es zahlreiche Unterstützer, die sich mit Spenden an die Schüler wenden. Diese haben ihre Initiative „InnaTonios“ genannt, dokumentieren unter diesem Namen für jeden einsehbar ihre Arbeit in den sozialen Medien, auf facebook und Instagram.

Schon als Kinder mit ihren Spielsachen in die Asylantenheime gegangen

„Wir sind froh, dass wir mit Unterstützung unserer Mutter Menschen helfen können, die auf der Straße leben“, sagt Merito. Auch wenn die Aufgabe nicht immer ohne Schwierigkeiten abläuft, sie auch mal blöd angepöbelt werden oder bedrängt, haben die Brüder noch nie daran gezweifelt, dass sie das richtige tun. „Wir haben immer gern geteilt“, sagt Rogerio. Schon als Kinder seien sie mit ihren Spielsachen in die Asylantenheime gegangen, um Dinge an jene weiterzugeben, die fast gar nichts haben. „Es macht uns Freude, wenn wir anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubern können.“

Genau darum geht es auch Nina und Aileen Sickert. Die Zwillinge aus Neugraben werden ebenso mit dem Rotary-Jugendpreis für ihr besondere ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Seit sechs Jahren kümmern sich die beiden um die Hip-Hop-Sparte des HNT (Hausbuch-Neugrabener Turnerschaft). Bereits mit 15 übernahmen die heute 21 Jahre alten Schwestern das Training der zehn bis 13-Jährigen, unterrichteten darüber hinaus die Wettkampfgruppe „Just Dance“, bei der sie selbst aktiv waren.

Etliche Male standen sie auf dem Siegertreppchen

Regelmäßig fuhren die beiden mit ihrer Gruppe zu Meisterschaften im ganzen Bundesgebiet. Etliche Male standen sie auf dem Siegertreppchen. Doch die für sie beste Dance-Competition haben die beiden selbst ins Leben gerufen. Seit 2015 veranstalten sie jedes Jahr die „Just Dance Competition“ (JDC) in der CU Arena in Neugraben, an der inzwischen mehr als 600 Tänzer aus 38 Formationen teilnehmen. 1000 Zuschauer waren im vergangenen Jahr dabei.

Die Zwillinge organisieren nicht nur die gesamte Veranstaltung von den Anmeldungen, über den Druck von Urkunden, die Verwaltung der Finanzen, die Organisation von Helfern und Juroren bis zum Wettkampf, sondern auch das Rahmenprogramm. „Es gibt eine Hüpfburg, eine Tombola, verschiedene Show-Acts, Food- und Verkaufsstände“, sagt Nina, die wie ihre Schwester Sport- und Eventmanagement studiert und im Herbst ihre Bachelorarbeit schreiben wird.

„Die JDC ist inzwischen ein Riesen-Event geworden, dessen Durchführung uns rund ums Jahr beschäftigt.“ Aktuell läuft die Vorbereitungsphase für die Anmeldungen zur 5. Just Dance Competition am 29. August. „Wir freuen uns schon sehr darauf“, sagt Aileen. „Auch wenn die Sache unglaublich viel Zeit kostet, zahlt sich das aus - und zwar in dem Moment, wo wir auf dem Event stehen und sehen, welche Freude wir mit unserer Veranstaltung den Menschen bereiten können.“

Ostern wird gemeinsam gebastelt

Kindern und Jugendlichen sportliche Erfolge zu ermöglichen, ist auch das Ziel von Caren Degner, die für ihr Engagement in der DLRG-Jugend ausgezeichnet wird. Die Rettungsschwimmerin trainiert einmal in der Woche den Nachwuchs in der Schwimmhalle Hittfeld. Rund 20 Kinder im Alter von zehn bis 16 Jahren betreut sie in zwei Gruppen, bildet sie zu Junior-Rettern und zum Rettungsschwimmer Bronze/Silber aus. „Ich zeige ihnen, wie sie eine Person retten, was sie tun müssen, wenn sich ein Mensch in Not im Wasser an ihnen festklammert, wie sie die Betroffenen an Land bringen oder vom Grund heraufholen können“, sagt die 20-Jährige.

Darüber hinaus hat die Fleestedterin den Jugendvorsitz der DLRG-Jugend Ortsgruppe Seevetal und sorgt dafür, dass der Zusammenhalt unter den Mitgliedern gefördert wird. An Weihnachten lädt sie die Kinder zum Backen in die Schwimmhalle ein, Ostern wird gemeinsam gebastelt und jeden Mittwoch treffen sich die Jugendlichen zu einem „Meet and Greet“.

„Es ist schön zu erleben, wie die jungen Leute zusammenwachsen“, sagt Caren Degner, die aktuell eine Ausbildung bei der Steuerverwaltung des Finanzamtes macht. Das Unterrichten am Beckenrand sei ein guter Ausgleich zu ihrer Arbeit im Büro und zu den Therorie-Einheiten an der Norddeutschen Akademie für Finanzen und Steuern. „An der Akademie muss ich zuhören. In der Schwimmhalle gebe ich den Ton an“, sagt sie. „Und das beste daran ist, dass im Becken alle Spaß haben.“

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