Harburg
Erziehung

Kita-Träger: Brandbrief an die Landesregierung

In den Seevetaler Kitas fehlen Erzieher Foto: Monika Skolimowska/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

In den Seevetaler Kitas fehlen Erzieher Foto: Monika Skolimowska/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: Monika Skolimowska / dpa

Träger der Kindergärten im Landkreis appellieren an das Land, mehr gegen den Fachkräftemangel bei Erziehern zu unternehmen.

Hittfeld/Buchholz. Noch bis Ende Februar liegt eine Petition der Kreisarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege im Landkreis Harburg in Rathäusern und Kindergärten im Landkreis aus und kann von Unterstützern unterzeichnet werden. Die Freien Träger der Kindergärten im Landkreis, zum Beispiel DRK, Awo und Kirchen, appellieren darin an das Land Niedersachsen, mehr gegen den Fachkräftemangel bei Erziehern zu unternehmen.

Seevetals Bürgermeisterin Martina Oertzen (CDU) unterstützt die Petition, denn auch ihre Gemeinde ist vom Erziehermangel betroffen. Dabei könnte sie sich sogar freuen, sagt die Bürgermeisterin: „Seevetal verjüngt sich. Es findet ein Generationenwechsel statt. Junge Familien ziehen nicht nur in Neubaugebiete, sondern auch in Häuser aus dem Bestand.“ Die Einwohnerzahl sei dagegen seit Jahren kaum gestiegen.

Mehr Kinder als noch vor zehn oder 20 Jahren werden betreut. „Die Familien haben inzwischen nicht mehr ein bis zwei Kinder, sondern häufiger zwei bis drei“, sagt Manja Theuerkauff, die bei der Gemeinde Seevetal die Abteilung für Familie, Jugend, Soziales und Schulen leitet. Ein Jahrgang umfasste früher etwa 325 Kinder, heute seien es 390. Zugleich sei die Nachfrage nach Krippenplätzen gestiegen, „inzwischen besuchen 90 Prozent der Kinder in dem betreffenden Alter auch eine Einrichtung.“

„Für uns ist es ein No-go!“

Zusätzlich steht die Gemeinde Seevetal wie viele andere Kommunen vor dem Problem, dass seit 2018 Eltern ihre Kinder, wenn sie im dritten Quartal eines Jahres sechs Jahre alt werden, von der Einschulung zurückstellen dürfen. Diese belegen dann die Kindergartenplätze umso länger. „Und davon machen immer mehr Eltern Gebrauch“, sagt Manja Theuerkauff.

Wie viele es tatsächlich sind, wisse die Gemeinde erst kurzfristig, denn bis Mai können die Eltern sich Zeit lassen mit der Entscheidung. Darauf könne die Gemeinde gar nicht so schnell reagieren, sagt Theuerkauff.

„Das mag vom Land Niedersachsen familienfreundlich gedacht sein, ist für uns aber ein No-go“, betont Martina Oertzen. Ebenso kritisiert sie, dass die Kosten, die der Gemeinde durch den Bau neuer Kindergärten entstehen, vom Land nicht vollständig kompensiert werden: Seevetal erhält zwar Geld aus einem Härtefallfonds, doch die Zuwendungen sinken innerhalb von drei Jahren auf Null. „Wir brauchen Antworten auf die Frage, was danach passiert“, betont Oertzen.

Die Gemeinde Seevetal schafft bis 2024 zusätzlich 358 Kindergartenplätze, davon 155 Krippen- und 203 Elementarplätze. Wie viel Personal dann genau benötigt wird, kann die Gemeinde nicht beziffern, da sie zwar Kindergärten finanziert, die Betreiber aber freie Träger wie DRK, Awo und Kirchengemeinden sind. Sie sind es auch, die die Petition auf den Weg gebracht haben.

DRK hat 46 Stellen zu besetzen

DRK-Kreisgeschäftsführer Roger Grewe führt beispielsweise an, dass in den 40 DRK-Kitas im Landkreis 46 Vollzeitstellen zu besetzen sind. Pro Elementargruppe mit 25 Kindern werden zwei Erziehungskräfte, in den Krippengruppen drei Erziehungskräfte für 15 Kinder und in altersübergreifenden Gruppen zwei Erziehungskräfte für 20 Kinder benötigt, um in den Betreuungseinrichtungen nicht nur Beschäftigung, sondern auch Bildung für Kinder zu gewährleisten.

Im Landkreis Harburg bilden die Berufsbildenden Schulen in Buchholz und Winsen solche Fachkräfte aus. Unterschieden wird zwischen sozialpädagogischen Assistenten (SAP) und Staatlich geprüften Erziehern. Die SAP-Ausbildung richtet sich an Schüler mit Realschulabschluss, die für sie zwei Jahre dauert.

Quereinsteiger, also Menschen, die schon einen anderen Beruf ausgeübt haben, können sich in Vollzeit binnen eines Jahres und in Teilzeit in 1,5 Jahren zum SAP ausbilden lassen. Anschließend zwei Jahre (in Teilzeit drei Jahre) angehängt werden mit dem Abschlussziel Staatlich geprüfter Erzieher.

„Die Ausbildung ist nicht unattraktiv“

In diesem und im kommenden Jahr werden jeweils knapp 160 SPA ihre Ausbildung abschließen. „Etwa die Hälfte von ihnen bildet sich weiter zum Erzieher, ein Drittel aber geht uns verloren: Diese Absolventen ziehen zum Beispiel weg aus dem Landkreis Harburg oder wählen doch einen anderen Beruf“, erklären die Schulleiterin der BBS Buchholz, Kira Buchmann, und die zuständige Abteilungsleiterin Birgit de Buhr.

Ähnlich sei es bei den Erziehern: Jeder Zweite bleibe dabei, etwa 20 Prozent schlössen ein Studium an, und jeder Dritte steige aus. „Man sollte sich Gedanken machen, wie man diese 30 Prozent zum Bleiben bewegen kann“, meint Birgit de Buhr. „Aber das kann nicht Aufgabe der Schule sein“, betont Kira Buchmann.

Die BBS Buchholz und Winsen sind in der glücklichen Lage, jedem Bewerber für die sozialpädagogischen Bildungsgänge einen Platz bieten zu können. Ob das den Bedarf deckt, kann die Schulleiterin nicht sagen. „Der Landkreis hat uns zwar Zahlen übermittelt, aber wie der Bedarf perspektivisch ist, wurde in den Einrichtungen nicht abgefragt.“ Demnach würden 2020 44 und 2021 55 SPA benötigt sowie 81 Erzieher für dieses und 59 für kommendes Jahr.

„Die Ausbildung ist nicht unattraktiv, es gibt aber insgesamt zu wenige Jugendliche, weil es in dem Alter noch die geburtenschwachen Jahrgänge sind“, sagt Birgit de Buhr. Am Gehalt liegt es wohl eher nicht: SPA erhalten als Berufseinsteiger etwa 2400 Euro (brutto, Vollzeit), Erzieher etwa 2800 Euro.