Harburg
Adolphsens Einsichten

Großmütter sind gute Therapeuten

Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen auf dem Großneumarkt in Hamburg.

Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen auf dem Großneumarkt in Hamburg.

Foto: Michael Rauhe

Der emeritierte Hauptpastor des Michel macht sich heute Gedanken über Freundschaftsbänke und zuhörende Großmütter.

Harburg.  Als ich sechs Jahre alt war, mussten wir binnen 24 Stunden unser Haus in Schleswig verlassen. Die Engländer, die Schleswig besetzt hatten, waren unerbittlich. Meine Mutter organisierte nicht nur, dass wir verbotenerweise unsere Möbel wegschafften, sie fand auch eine neue Bleibe für unsere Familie mit fünf Kindern. Wir kamen im Verwaltungsgebäude des Landeskrankenhauses unter. Dort erlebte ich häufig, wie Epileptiker plötzlich zu Boden stürzten, wild mit den Armen ruderten und starr und steif wurden. Pfleger kamen, steckten sie in Zwangsjacken und sperrten sie hinter Gitter. Damals nannte man diese Menschen geisteskrank. Man sprach von „Verrückten“.

Daran wurde ich erinnert, als ich von dem Arzt Dixon Chibanda aus Simbabwe las. Er hat in Tschechien studiert. Nach seiner Rückkehr erlebte er, was ich vor 70 Jahren hier bei uns erlebt habe. Kranke wurden gefesselt, eingesperrt und mit Elektroschocks behandelt. In Simbabwe waren es Depressive. „Kufungisia“ ist in Simbabwe das Wort für Depression. Und meint: „Du denkst zu viel.“ Das geschieht, wenn Menschen unter Angstzuständen leiden. So haben viele Frauen Angst vor dem Sterben, wenn sie HIV-positiv sind. Aber sie haben auch Angst vor dem Leben.

In dem sehr armen Land werden psychisch Kranke verachtet und ausgegrenzt. Kufungisia ist ein Tabu. Das verursacht bei den Kranken Schuldgefühle. Selbstmord ist häufige Todesursache. Wurden sie nicht weggesperrt oder brachten sich vorher um, gerieten sie häufig an Heiler oder Voodoo-Zauberer, die den „Verrückten“ rieten, die Medikamente abzusetzen und auf Gott und gute Geister zu vertrauen. Aberglaube ist auch eine Form von Glauben.

Alte Menschen genießen in Afrika hohes Ansehen

Der inzwischen zum Psychiater ausgebildete Arzt Chibanda hatte eine geniale Idee. Er besann sich darauf, dass die alten Menschen in Afrika ein hohes Ansehen haben. Anders als bei uns. So bildete er Großmütter zu Laientherapeutinnen aus. Er nennt sie die „Hüterinnen der Weisheit und Erfahrung“. Oder auch die „Golden Ladies“. Mit ihnen zusammen entwickelte er einen Fragebogen für Gespräche. Und ließ an vielen Orten „Freundschaftsbänke“ aufstellen. Dort sitzen dann zu bestimmten Zeiten die Großmütter. Sie warten auf Menschen, die sich zu ihnen setzen und ihnen anvertrauen, was sie bedrückt und ängstigt. Für viele Frauen ist es das erste Mal, dass sie über ihre Depression sprechen.

Die Großmutter kann sie nicht von HIV und Prostitution befreien. Aber sie kann zuhören, sie hat diese große Lebenskunst gelernt. Und kann auch beim nächsten Sitzen auf der Freundschaftsbank die Gespräche fortsetzen. Dixon Chibanda bildet die Omas fort. Er arbeitet zusammen mit Psychiatern in England und hält dort Vorträge auf Kongressen. Auch mit der deutschen Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ gibt es eine Zusammenarbeit. Sein Modell ist eine Erfolgsstory. Er hat seine Methode auch in Malawi und Sansibar etabliert. Bis jetzt hat der Arzt gut 1000 Laientherapeutinnen ausgebildet. Die Universitäten von Harare, der Hauptstadt von Simbabwe, und das renommierte Kings College in London haben gemeinsam eine Studie veröffentlicht.

Die Symptome einer Depression wurden weniger

Die eine Hälfte von 573 Patienten hat eine Freundschaftsbank besucht, die andere wurde mit Medikamenten behandelt. Das Ergebnis lässt aufhorchen: Patienten mit Angstzuständen haben durch Gespräche mit einer Großmutter viermal weniger Symptome einer Depression. Selbstmordgedanken traten sogar fünfmal weniger auf. Eine „Golden Lady“, die 98-jährige Frau, hatte die Idee der Freundschaftsbänke weiterentwickelt. In ihrem Dorf hat sie eine Häkelgruppe gegründet. Damit holt sie Frauen aus ihrer Passivität und Isolierung heraus. Und sie verdienen ein wenig Geld, wenn sie ihre Handarbeit verkaufen. So erleben sie sich zum ersten Mal als Menschen, die nicht verachtet werden.

Freundschaftsbänke gibt es auch im Hamburger Michel. Ich habe vor wenigen Tagen den Trauergottesdienst für eine 91 Jahre alte Großmutter geleitet. Zehn Jahre lang war sie ehrenamtliche Seelsorgerin, Meisterin im Zuhören. Sie hatte einen untrüglichen Blick für die Menschen, die Kummer hatten. Beim Abschied von ihr habe ich einen Satz zitiert, den ein Mann nach dem Gespräch mit ihr in der Kirchenbank gesagt hat: „Der Michel ist ein Raum, in dem man in Würde weinen kann.“