Harburg
Forschung

Wie Kunst den Straßenverkehr beruhigen kann

Das Kunstwerk "Fülle" von Ute Elisabeth Herwig bremste Autofahrer in einem Pilotprojekt.

Das Kunstwerk "Fülle" von Ute Elisabeth Herwig bremste Autofahrer in einem Pilotprojekt.

Foto: Michael Dörner / Leuphana Universität

Forscher untersuchen in Lüneburg und Harburg, ob die Entschleunigung des innerörtlichen Autoverkehrs durch Kunstwerke dauerhaft möglich ist

Lüneburg. Ist das Kunst? Das werden sich vermutlich viele verwunderte Autofahrer gedacht haben, die an den seltsamen Objekten der Künstlerin Ute Elisabeth Herwig in der niedersächsischen Gemeinde Ottersberg vorbei fuhren. Vor Verwunderung sind sie dabei womöglich vom Gaspedal gegangen, der Verkehr beruhigte sich. Grundsätzlich sind Kunstwerke in der Lage, das Fahrverhalten von Autofahrern zu beeinflussen.

Das ist die wichtigste Erkenntnis des Ottersberger Pilotprojekts von 2017. Nun will ein von der Leuphana Universität Lüneburg koordiniertes Forschungsprojekt untersuchen, ob die Entschleunigung des innerörtlichen Autoverkehrs durch Kunstwerke dauerhaft möglich ist.

Darüber hinaus wollen die Forscher die genauen Gründe herausfinden, warum die Kunstwerke eine verkehrsberuhigende Wirkung haben. Gemeinsam mit der TU Hamburg und der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg hat der Lüneburger Wirtschaftspsychologe Professor Dr. Rainer Höger das interdisziplinäre Vorhaben entwickelt.

Blickbewegungen der Verkehrsteilnehmer werden gemessen

Im Laufe des Jahres wollen die Wissenschaftler in einem Feldversuch in zwei ländlichen Gemeinden in Niedersachsen zahlreiche Daten zum Fahrverhalten der Autofahrer sowie der Einschätzung der Verkehrssituation durch die Anwohner erheben.

Die Verkehrsingenieure der TU Hamburg vergleichen in einem Vorher-Nachher-Vergleich Veränderungen in den Fahr-Geschwindigkeiten. Die Verkehrspsychologen der Leuphana Universität ermitteln über Messungen der Blickbewegungen der Verkehrsteilnehmer, was an den Kunstwerken mit welcher Intensität wahrgenommen wird. Außerdem werden die Anwohner zu ihrer Wahrnehmung des eigenen Wohngebiets befragt. Sie sollen in einer Ortskarte Straßenabschnitte positiv beziehungsweise negativ beurteilen sowie Einschätzungen zur Verkehrssituation abgeben.

Atmosphäre, die Rücksichtnahme in den Vordergrund rückt

„Der Fokus des Projekts liegt primär nicht in der Ablenkung der Verkehrsteilnehmer durch die Kunstobjekte, sondern in der Schaffung einer Atmosphäre, die die Rücksichtnahme auf die Anwohner in den Vordergrund rückt“, sagt Rainer Höger. Die Finanzierung für das Projekt übernimmt das Ministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz Niedersachsen.

Eine erste Analyse des Blickverhaltens der Autofahrer hatte ergeben, dass diese ihre Geschwindigkeit reduzieren, um das Kunstwerk genauer zu inspizieren. Eine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer stellten die abgelenkten Fahrer aber nicht dar, sagt Rainer Höger. „Die ablenkende Wirkung ist nicht als größer einzuschätzen, als die, die von erlaubter Werbung am Straßenrand ausgeht.“

Die Forscher wollen jetzt zusammen mit der betroffenen herausfinden, ob Kunstobjekte die Atmosphäre von Wohnquartieren so beeinflussen oder verstärken können, dass Autofahrer mit einer Geschwindigkeitsreduktion darauf reagieren. Ihre Ergebnisse des Projekts wollen die Beteiligten im Dezember dieses Jahres vorlegen.