Harburg
Fünf gute Beispiele

Buchläden begeistern mit kreativen Ideen fürs Lesen

„Optik spielt eine große Rolle“, sagt Susanne Ludorf, Inhaberin der Buchhandlung Seevetal in Hittfeld. Die Thementische in ihrem Geschäft werden regelmäßig neu dekoriert.

„Optik spielt eine große Rolle“, sagt Susanne Ludorf, Inhaberin der Buchhandlung Seevetal in Hittfeld. Die Thementische in ihrem Geschäft werden regelmäßig neu dekoriert.

Foto: Finja Gilles / HA

Lesenächte, Konzerte, Buchclubs für Kinder, Online-Service und viel individuelle Beratung – das Abendblatt zeigt fünf Beispiele aus der Region.

Seevetal. Lesen kann in ungekannte Welten führen, inspirieren, verbinden, entspannen oder einfach vom Alltag ablenken. Das gedruckte Buch ist zwar längst nicht mehr das einzige Medium zum Vermitteln von Lesestoff, doch es kommt einfach nicht aus der Mode. Allein 2018 erschienen rund 70.000 neue Romane, Sach- und Kinderbücher. Und viele Buchhändler haben den Überblick, welches Buch aus diesem Überangebot für welchen Kunden lesenswert sein könnte. Dafür lesen sie sich neben der Arbeitszeit jede Woche in mehrere neue Bücher ein. Ihr fundierter Beratungsservice ist längst nicht mehr überall zu finden. Jedes Jahr geben zahlreiche selbstständige Buchhändler auf oder übergeben ihre Läden an große Buchketten.
Buchhandlungen kämpfen mit Herausforderungen: Vielen Menschen fehlt die Zeit zum Schmökern oder sie investieren sie lieber in ihr Smartphone. Andere bestellen ihre Bücher nach automatisierten Empfehlungen bei Großhändlern im Internet. Mieten für Ladengeschäfte steigen vielerorts und immer wieder müssen neue Stammkunden gewonnen werden.

Buchhändler lassen sich viele Aktionen einfallen

Um wieder mehr Menschen für das Lesen zu begeistern, lassen sich viele Buchhändler besondere Aktionen einfallen. Sie veranstalten Lesungen mit prominenten und regionalen Autoren und gründen Leseclubs für Kinder und Jugendliche. Wer das besondere Erlebnis sucht, kann sogar zwischen Bücherregalen übernachte. Das gemeinsame Erleben wird wichtiger, Leser wollen sich austauschen über ihre Eindrücke. Auch den Lesegenuss mit weiteren Genüssen wie Wein und Häppchen verbinden, wird zunehmend beliebt.
Besonders Sachbücher sind im Kommen, sogar im Weihnachtsgeschäft, das klassischerweise auf Romane gesetzt hat. Viele Buchhändler gestalten dazu aufwendige Tische im Laden und Schaufenster zu beliebten Themen wie Garten, Gesundheit, Achtsamkeit und Altern.
Eine besondere Form des Bucherlebnisse ist der Besuch einer Buchmesse. In Frankfurt, mit 7450 Ausstellern die größte Messe ihrer Art weltweit, tummelten sich im vergangenen Jahr rund 300.000 Besucher. Und auch in Leipzig stöbern Zehntausende Menschen in Neuerscheinungen, besuchen Lesungen und probieren neue Formate aus.
Und dazwischen sind zahlreiche Buchhändler unterwegs, auf der Suche nach neuen Empfehlungen für ihre Kunden zu Hause. An diesem Einsatz könnte es liegen, dass noch immer fast die Hälfte der Bücher im Land in Buchhandlungen verkauft wird.

Aufwendige Dekoration und eine Flasche Wein dazu

Die Buchhandlung Seevetal ist in den vergangenen zehn Jahren bereits zweimal umgezogen. Die aktuellen Räume wurden erst im Juni 2019 eingerichtet, aber das Team fühlt sich dort schon jetzt sehr wohl. „Hier möchten wir bleiben“, sagt Inhaberin Susanne Ludorf. Durch die gute Lage in der Hittfelder Einkaufsstraße kämen manchmal sogar Touristen vorbei. Meistens seien es aber natürlich die Menschen aus dem Ort. „Manche unserer Kunden kommen jede Woche vorbei“, sagt Susanne Ludorf, die sich auch dann freut, wenn jemand nur mal ein bisschen stöbern möchte.

Um die Stammkunden trotzdem immer wieder zu überraschen, geben sie und ihr Team sich viel Mühe bei der Präsentation der Bücher im Geschäft und dekorieren regelmäßig um. Aus der enormen Menge an Neuerscheinungen suchten sie mit Bedacht ihre Favoriten aus und platzierten sie – gerne auch auf saisonal wechselnden Thementischen.

Buchhandlung unterhält eigenen Online-Shop

Diese Inspiration biete das Internet zumeist nicht. Trotzdem hat Susanne Ludorf Verständnis dafür, dass manche Bücherfreunde lieber bequem von zu Hause das riesige Angebot durchforsten. Und sie hat eine Lösung gefunden, mit der viele Ihrer Kunden sehr zufrieden seien: Die Buchhandlung unterhält einen Online-Shop. So könne man die Vorteile des Einkaufens im Internet mit der Unterstützung des lokalen Handels verbinden. Wer tagsüber nicht zu Hause ist, um ein Paket in Empfang zu nehmen, könne seine Auswahl stattdessen ins Geschäft bestellen und auch dort bezahlen. Außerdem könnten mit nur einem Klick Bücher im Laden reserviert werden.

Bei der Abholung in der Buchhandlung Seevetal kann man dann auch gleich noch eine ausgewählte Flasche Wein dazu kaufen. „Das ist eine beliebte Bereicherung, um das Leseerlebnis für sich oder eine beschenkte Person perfekt zu machen“, sagt Susanne Ludorf. Sie ist sehr zufrieden mit den zwei Sorten, die ihr Buchsortiment seit Jahren ergänzen und für die manche Kunden sogar regelmäßig aus Hamburg anreisen.

Die Hochzeitsnacht zwischen Büchern verbringen

In der Buxtehuder Innenstadt finden sich gleich vier Buchhandlungen im Umkreis von nur einem Kilometer. Um da konkurrenzfähig bleiben zu können, muss man sich schon etwas einfallen lassen. Die Buchhandlung „Schwarz auf Weiss“ ist auf die Idee verfallen, ihren Kunden eine Nacht im Buchgeschäft zu ermöglichen. Das ist nun schon seit zehn Jahren möglich. „es ist ein Kindheitstraum vieler Menschen“, sagt Inhaberin Zenita Ahrens. Und tatsächlich sei die Buchhandlung an den Wochenenden fast immer ausgebucht und die „Übernachter“ kämen zum Teil aus ganz Deutschland.

Paare, Familien und kleinere Freundesgruppen nähmen das Angebot sehr gerne an. Und einmal hat ein Paar sogar seine Hochzeitsnacht in der Buchhandlung verbracht. Trotzdem genießt es Zenita Ahrens jedes Mal aufs Neue, den „Übernachtern“ persönlich einen guten Morgen zu wünschen. Die seien dann zwar müde, aber sehr zufrieden. So gibt sie mit ihrem Team Menschen die Möglichkeit, einmal ganz in Ruhe durch das mit Bedacht ausgewählte Sortiment zu stöbern. Denn im Alltag bleibe dafür leider meistens viel zu wenig Zeit.

Und damit das Interesse an Büchern und am Lesen in „Bookstehude“, wie Zenita Ahrens es gerne mal nennt, auf so einem hohen Niveau bleibt, liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der Leseförderung. Jeden ersten Dienstag im Monat liest sie in ihrem Geschäft ein ausgewähltes Kinderbuch für die ganz Kleinen vor. Mit älteren Kindern und Jugendlichen ab acht Jahren unterhält sie sich regelmäßig einmal im Monat über deren Lieblingsbücher, Neuerscheinungen und manchmal schreiben „Die Bücherdiebe“ sogar selber Geschichten oder Gedichte.

„Ein Buchladen sollte ein kultureller Ort sein“, begründet Zenita Ahrens ihr Engagement. Aus diesem Grund gebe es auch etwa einmal im Monat eine größere Veranstaltung in ihrem Buchladen. Das Programm reiche von Lesungen über Kunstausstellungen bis hin zu Konzerten.

Veranstaltungen und ein eigener Instagram-Auftritt

Neben dem Tagesgeschäft sind vor allem die „Lesezeiten“ in der Buchhandlung am Sand in der Harburger Innenstadt zur festen Institution geworden.“Meine Kolleginnen und ich machen kaum noch aktiv Werbung dafür und trotzdem sind die Veranstaltungen jedes Mal aufs Neue frühzeitig ausgebucht“, sagt Inhaber Georg Schmitt. Dabei hat das Team die Zahl der Veranstaltungen seit deren Premiere vor 15 Jahren schon von zwei auf sechs im Jahr erhöht.

So versammeln sich inzwischen viermal vor Weihnachten und zweimal vor Ostern bis zu 42 Menschen im Keller des kleinen Ladens. Dort stellt das Team der Buchhandlung am Sand dann seine Empfehlungen unter den Neuerscheinungen der vergangenen Monate vor. Wem das als Grund, eine „Lesezeit“ zu besuchen, noch nicht reicht, der lässt sich vielleicht von dem vielfältigen Buffet überzeugen, das in der Pause und nach der Veranstaltung auf die Gäste wartet. Dafür ist traditionell Katrin Schmitt verantwortlich. Die Ehefrau und Mitarbeiterin des Inhabers nutzt so die Gelegenheit, um auch Neuerscheinungen im Bereich Koch- und Backbücher vorzustellen.

Buchclub für Mädchen und Jungen

Die Stammkundschaft weiß also, was sie erwartet. Um neue, vor allem jüngere Menschen für das Lesen zu begeistern, haben zwei Mitarbeiterinnen der Buchhandlung im vergangenen Jahr einen Buchclub ins Leben gerufen. Jetzt treffen sich rund 15 Mädchen und Jungen einmal im Monat und beschäftigten sich mit Kinder- und Jugendbüchern, die gerade erschienen sind. Die Gruppe hat auch bereits einmal das Schaufenster gestaltet.

Darüber hinaus hat Georg Schmitt noch einen weiteren Weg eingeschlagen, um auf dem Buchmarkt auf dem neusten Stand zu bleiben: Die Buchhandlung am Sand hat einen eigenen Instagram-Auftritt. Dieses neue Format mache ihm nicht nur viel Spaß, sondern sei auch eine wichtige Möglichkeit, um mit Verlagen und Autoren in Kontakt zu treten, sagt Schmitt.

Stöbern wie im eigenen Wohnzimmer

Beim Betreten der Buchhandlung Slawski hat man das Gefühl, das Wohnzimmer einer liebenswürdigen Literatur-Professorin zu betreten. In Regalen, auf Tischen und dem Boden feilschen die Bücher um die Aufmerksamkeit des Besuchers. Viele sind nur einmal vorrätig, die in anderen Buchhandlungen üblichen Tische mit den aktuellen Bestsellern sucht man vergeblich. Im Gespräch erläutert die Inhaberin Monika Külper, dass sie gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen ihr ganz eigenes Sortiment zusammenstellt. „Wir lesen wie die Besessenen“, sagt sie und lacht.

Die Kunden kämen wegen der Auswahl, vor allem aber wegen der Atmosphäre und der Beratung. Ein Großteil komme regelmäßig und habe sehr genaue Vorstellungen, sagt Külper. Ihr persönliches Konzept brachte der Buchhandlung im letzten Jahr den Deutschen Buchhandlungspreis ein. Die Buchhandlung Slawski existiert seit 45 Jahren, seit 1991 ist Monika Külper die Inhaberin.

Der Fokus liegt auf Belletristik

Inhaltlich ist der Laden breit aufgestellt. Ein Fokus liegt auf der Belletristik und auf Kinderbüchern. Die nehmen im hinteren Bereich des Ladens ein komplettes Zimmer ein. Gerade unter den jüngeren Lesern beobachten Monika Külper und ihre Mitarbeiterinnen eine ausgeprägte Leselust. Es kämen inzwischen deutlich mehr junge Kunden in den Laden als früher. „Unser größter Applaus ist, wenn ein Kind von seinen Eltern schreiend herausgetragen wird“, sagt Monika Külper lachend. Neben dem Tagesgeschäft organisiert sie mit ihren Mitarbeiterinnen viele Lesungen.

Konkurrenz durch den Internet-Handel gebe es vor allem beim Brot-und-Butter-Geschäft, wie es die Mitarbeiterin Uta Neb ausdrückt. So bestellten beispielsweise viele Eltern die Schulbücher der Kinder inzwischen im Internet. Dabei ist die Buchhandlung meist schneller: Schon am nächsten Morgen stehe das Buch zur Abholung bereit, ganz ohne nervige Schlange bei der Post. Und ein nettes Gespräch gebe es bei ihnen gratis dazu.

Entschleunigung und Bücher mit Butterbrot

Jeden Morgen klingelt der Wecker eine Stunde früher als notwendig. Annette Matthaei braucht die zusätzliche Zeit zum Lesen. Pro Woche kommt sie so auf zwei Bücher. Diesen Einsatz erwarten die Kunden von ihr und den weiteren Mitarbeiterinnen der Buchhandlung Am Lambertiplatz in Lüneburg. Sie kommen vor allem wegen der individuellen Beratung in den Laden. Viele Kunden haben eine Lieblings-Buchberaterin, und sie planen ihre Besuche entsprechend deren Arbeitszeiten.

Annette Matthaei gründete den Buchladen 2011 gemeinsam mit Andrea Westerkamp-Stützel. Die ersten drei Jahre seien hart gewesen, sagt sie. So lange habe es gedauert, bis der Laden sich in der Stadt herumgesprochen habe. Inzwischen profitiere die Buchhandlung vom regen Literaturleben in der Stadt, so dass die Inhaberinnen gemeinsam mit sechs Mitarbeitern eine treue Kundschaft bedienen. Jeden zweiten Kunden begrüße sie mit Namen, sagt Annette Matthaei.

Die größte Konkurrenz sieht die Buchhändlerin nicht in Amazon oder Thalia, sondern im Smartphone. Das nehme viel Aufmerksamkeit in Anspruch, die früher Bücher bekommen hätten. Gerade Kinder und Jugendliche seien anfällig für diese Ablenkung. Ihre Buchhandlung sieht Matthaei als Oase der Entschleunigung in einer immer hektischer werdenden Welt.

Viele Veranstaltungen nach Ladenschluss

Nach Ladenschluss finden in der Buchhandlung verschiedene Veranstaltungen statt. Besonders beliebt ist der monatliche Abend „Butterbrot & Leselust“. Der sei meist wenige Tage nach Bekanntgabe des Termins ausgebucht, sagt die Inhaberin. An dem Abend stellen vier Mitarbeiterinnen jeweils vier Neuerscheinungen vor. Die Besucher machten sich dazu viele Notizen und kaufte oft direkt im Abschluss einige Bücher. Echte Bücherwürmer können den Laden sogar für Geburtstage oder andere Feiern buchen. Dann bereiten Annette Matthaei und ihre Kollegen einen literarischen Abend ganz nach den Wünschen der Gäste vor.