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Professorin fahndet weltweit nach Raubkunst

Prof. Dr. Lynn Rother ist die erste Professorin für Provenienzstudien an der Universität Lüneburg.

Prof. Dr. Lynn Rother ist die erste Professorin für Provenienzstudien an der Universität Lüneburg.

Foto: Sebastian Bach

Lynn Rother ist Inhaberin des deutschlandweit ersten Lehrstuhls für Provenienzstudien. Sie spürt der dunklen Vergangenheit von Kunstwerken nach.

Lüneburg. Von New York nach Lüneburg. Man könnte meinen, es wäre ein Rückschritt. Doch für Lynn Rother ist es ein großer Schritt nach vorne. Seit Anfang des Jahres ist sie die Inhaberin des deutschlandweit ersten Lehrstuhls für Provenienzstudien an der Leuphana Universität. Ihr Forschungsfeld ist ziemlich jung. Dabei beschäftigt sie sich mit der Geschichte von Kunstwerken. Die Grundfrage der Provenienz-Forschung formuliert Lynn Rother so: „Wo war welches Kunstwerk zu welchem Zeitpunkt und wem hat es gehört?“

Raubkunst aus NS-Zeit ist immer noch in Museen zu finden

Die Herkunft von Kunstwerken ist in Deutschland insbesondere aufgrund der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 relevant. Deutsche Museen hätten eine besondere moralische Verantwortung zu überprüfen, ob Kunstwerke während des Holocaust unrechtmäßig entzogen wurden, erklärt Lynn Rother. Es sei davon auszugehen, dass in deutschen Museen noch immer Raubkunst aus der NS-Zeit ausgestellt werde. „Wir reden wahrscheinlich von einzelnen Werken, die bisher einfach noch nicht identifiziert worden sind.“

Weltweit habe sich das Feld noch überhaupt nicht an Universitäten entwickelt, erklärt Rother. „Sowohl Raub als auch Kunstmarkt waren über Jahrzehnte in gewisser Weise blinde Flecken in der Kunstgeschichte.“ Das liege daran, dass das Forschungsfeld so interdisziplinär sei. Neben kunsthistorischen Kenntnissen seien auch juristische und wirtschaftliche Kompetenzen nötig, um als Provenienz-Forscherin zu arbeiten.

Volkswagen-Stiftung unterstützt innovative Forschung

Dass Lynn Rother ausgerechnet in Lüneburg gelandet ist, liegt vor allem an der Volkswagen-Stiftung. Mit ihren Lichtenberg-Professuren unterstützt die Stiftung herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in innovativen Forschungsfeldern. Rother bewarb sich und bekam den Zuschlag. Die Wahl für Lüneburg war für sie dann nur folgerichtig. Zum einen gefalle ihr die Ausrichtung der Universität mit breit aufgestellten Kulturwissenschaften, einer kulturbezogenen Soziologie und einem Digital-Schwerpunkt, erklärt Rother.

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Zum anderen treffe sie in Niedersachsen auf ein aktives Netzwerk. So hat die Stadt Hannover bereits vor vielen Jahren die erste städtische Provenienz-Forscherstelle eingerichtet und das “Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen” ist eine vorbildliche Initiative zur Verzahnung der Arbeit von Museen und Universitäten.

Professorin will weiterhin viel Zeit in Archiven verbringen

Die letzten zwölf Jahre hat Lynn Rother als Provenienz-Forscherin für verschiedene Museen gearbeitet: zunächst für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, dann für die Städtischen Museen zu Berlin. Zuletzt war sie am Museum of Modern Arts in New York tätig. Daher kennt sie sich insbesondere mit den US-amerikanischen Museumssammlungen aus, was ihr bei ihrem ersten Forschungsprojekt in Lüneburg zugute kommen wird. Hier will sie nun Grundlagenforschung betreiben. In ihrem ersten Forschungsprojekt will sie sich auf moderne europäische Gemälde in US-amerikanischen Museen konzentrieren. „Die amerikanischen Museen haben als erste überhaupt die Herkunftsdaten der ausgestellten Kunstwerke systematisch auf ihren Webseiten veröffentlicht“, erläutert Rother. Das biete die völlig neue Möglichkeit, diese Daten mithilfe computergestützter Methoden systematisch zu analysieren.

Algorithmen helfen bei der Analyse

„Ähnlich, wie die großen Online-Anbieter ihre Kunden analysieren, kann man durch Algorithmen auch die Herkunftsdaten von Kunstwerken analysieren.“ Auf diese Weise will Lynn Rother Herkunfts-Lücken in den US-amerikanischen Museums-Beständen finden und anschließend selbst schließen. Sie hofft, dass ihre Erkenntnisse später der gesamten Provenienz-Forschung helfen, unabhängig davon, ob es sich bei den Kunstwerken um NS-Raubkunst oder Kunstwerke aus kolonialen Kontexten handelt.

Archive liefern die wichtigen Quellen

Obwohl ihre Arbeit viel aufwendige Recherche bedeutet, ist Lynn Rother noch immer begeistert: „Es gibt nichts Interessanteres als Archive.“ Sie wisse nie, was sie erwarte. „Oft glaubt man, etwas verstanden zu haben, und dann geht man an die Primärquellen und die Geschichte stellt sich komplett anders dar.“ Sie plant daher auch als Professorin, nicht bloß an ihrem Schreibtisch zu sitzen, sondern weiterhin viel Zeit in den Archiven von Museen und Kunsthändlern zu verbringen.