Harburg
Buxtehude

Wölfe – sie kommen Wohngebieten immer näher

Ein Wolf, der zwischen dem Maschener Rangierbahnhof und dem Steller See im Landkreis Harburg fotografiert wurde.

Ein Wolf, der zwischen dem Maschener Rangierbahnhof und dem Steller See im Landkreis Harburg fotografiert wurde.

Foto: dpa

Nach Rade und Jork gab es nun auch eine Wolfssichtung nahe von Buxtehude. Aber wie gefährlich ist das Tier eigentlich?

Harburg.  Vor einigen Monaten meldete die Polizei einen überfahrenen Wolf auf der A1 bei Rade, dann entdeckten erschreckte Anwohner in Jork im Alten Land einige Wochen später einen Wolf am Deich. Und jetzt beobachteten mehrere Autofahrer um die Weihnachtszeit, wie ein Wolf zwischen Hedendorf und Nottensdorf bei Buxtehude die B 73 überquerte: Das Raubtier Wolf, so scheint es, kommt auch relativ dicht besiedelten Regionen wie dem südlichen Umland von Hamburg immer näher – auch wenn nicht immer mit letzter Klarheit bewiesen ist, dass es sich bei solchen Laien-Beobachtungen um echte Wölfe handelt.

„Der Wolf beweist uns aber, dass er mit unserer Kulturlandschaft hervorragend klar kommt, das ist ein sehr schlaues Tier, das schnell lernt“, sagt dazu Helmut Dammann-Tamke, CDU-Landtagsabgeordneter mit Wahlkreis Buxtehude und gleichzeitig Präsident der niedersächsischen Landesjägerschaft. Die Vertretung der Jäger versteht sich selbst als Naturschutzverband und hat von der Landesregierung offiziell die Wolfsbeobachtung, das sogenannte Wolfsmonitoring für Niedersachsen übertragen bekommen und dazu jetzt auch eine spezielle App entwickelt (siehe Infokasten).

Der Zuzug der Wölfe ist schon seit vielen Jahren ein Thema

Dammann-Tamke selbst verfolgt das Thema Wolf bereits seit vielen Jahren. Nachdem der Wolf um 1850 in Deutschland durch eine intensive Jagd nahezu ausgestorben war, wurden 2000 in der Oberlausitz in Sachsen wieder die ersten Welpen in freier Wildbahn geboren. Von Osteuropa aus drangen sie langsam wieder in die alten Lebensräume zurück. „Damals hat man uns dort erzählt, wir selbst würden zuhause nie einen Wolf zu Gesicht bekommen“, sagt der Jäger-Präsident.

Doch offensichtlich kommt der Wolf mit dem Nahrungsangebot in Deutschland prima zurecht – sehr zum Ärger auch von Weidetierhaltern, weil er sich nicht mit Wild allein begnügt. Mittlerweile streifen durch deutsche Regionen wieder mehr als 100 Rudel – immer mit rund sechs bis zehn Tieren: einem Elternpaar, Welpen und Jährlingen. Aus Naturschutzsicht sei diese Entwicklung einer der größten Erfolge, heißt es beispielsweise beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu).

Und auch in Niedersachsen sind es laut Landesjägerschaft mittlerweile 23 Rudel, die dokumentiert sind. Davon leben im Landkreis Harburg vermutlich drei Rudel, vornehmlich im Bereich der Lüneburger Heide. „Die Population wächst exponentiell mit gut 30 Prozent pro Jahr“, sagt Dammann-Tamke. Bei den jüngsten Wolfssichtungen auf der B 73 oder bei Rade handele es sich aber mit „größter Wahrscheinlichkeit“ nicht um ein Mitglied eines Rudels, sondern um ein einzelnes Jungtier auf der Suche nach einem neuen Revier, sagt er.

Doch wie gefährlich können Wölfe für Menschen sein? Es gebe da „Urängste“ beim Menschen, sagt auch der passionierte Jäger Dammann-Tamke. „Kurz- bis mittelfristig“ werde es aber wohl keine Übergriffe auf Menschen geben, glaubt er. Und tatsächlich sind einer Informationsschrift der Landesjägerschaft zufolge in den letzten 60 Jahren zwar neun tödliche Attacken von Wölfen auf Menschen in ganz Europa dokumentiert – diese Vorfälle würden aber auf tollwutkranke oder angefütterte Tiere zurückzuführen sein.

Andere Länder gehen rabiater mit den Wölfen um

Deutschland gelte heute indes als tollwutfrei und solange „Anlocken oder das Füttern von Wölfen“ unterlassen werde, sei die Gefahr für Menschen sehr gering, heißt es dort. Gleichwohl werde in anderen Länder rigoroser gegen Wölfe vorgegangen, sagt Dammann-Tamke und verweist auf das Beispiel Finnland, wo Wölfe geschossen würden, wenn sie sich zu dicht an Siedlungen aufhalten und problematisch verhalten. Dammann-Tamke: „Das ist dort Sache der Polizei, das machen die vom Hubschrauber aus.“

Doch auch wenn die Gefahr offensichtlich gering ist, gibt der Landkreis Stade beispielsweise inzwischen eine Handlungsempfehlung für den möglichen Kontakt zwischen Mensch und Wolf heraus: Generell solle man sich ruhig und besonnen verhalten, heißt es dort. Habe der Wolf einen nicht bemerkt, sollte man durch Klatschen und Rufen auf sich aufmerksam machen, damit der Wolf die Gelegenheit habe, sich zurückzuziehen. Besonders junge Wölfe flüchteten nicht sofort, sie seien zwar scheu aber auch neugierig. Und der Landkreis warnt ausdrücklich vor einem Füttern, so dass die äußerst lernfähigen Wölfe eines Tages doch ihre Scheu verlieren könnten.

Wie lernfähig Wölfe sind, erfahren immer wieder bitter Weidetierhalter. Selbst immer höhere Zäune hielten Wölfe nicht von Rissen ab. Inzwischen hat darauf auch die Bundesregierung reagiert und eine Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes auf den Weg gebracht. Waren Wölfe bisher strengst geschützt, soll damit in anerkannten Problemfällen der Abschuss erleichtert werden.

Wie der Wolf in Niedersachsen beobachtet wird

Die Landesjägerschaft in Niedersachsen hat für ihr „Wolfsmonitoring“ eine eigene App entwickelt, um Hinweise aus der Bevölkerung auf Wölfe besser dokumentieren zu können. Sie sei so entwickelt worden, dass man sie mit einem Smartphone auch im Offline-Modus – also ohne Internetzugang – nutzen kann.

Die App soll es ermöglichen, GPS-Koordinaten zu speichern und mit der Kamera Hinweise wie Spuren, Wildrisse oder tatsächliche Sichtungen auf Wölfe gleich aufzunehmen und sie später zu senden. Die Meldungen würden von der Landesjägerschaft ausgewertet und in einer dreistufigen Wertung eingeordnet.

Weitere Informationen: www.wolfsmonitoring.com