Harburg
Hamburg

Planspiel Börse: Wenn im Unterricht spekuliert wird

Verfolgen seit Wochen die Börsenkurse (v.l.): Bleron, Mahmut, Amandeep,  Rostan, Angeliki, Casey und Rahima.

Verfolgen seit Wochen die Börsenkurse (v.l.): Bleron, Mahmut, Amandeep,  Rostan, Angeliki, Casey und Rahima.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Stadtteilschüler der Maretstraße erreichen beim Planspiel Börse der Sparkasse Harburg-Buxtehude zweimal Platz zwei im Süderelberaum.

Hamburg. Wenn Rahima und Casey Zeit haben, gucken sie am liebsten Serien. „Riverdale“ ist aktuell ihr Favorit, eine Produktion aus den USA, die sich um drei Schüler der Highschool dreht. Die Serie läuft bei Netflix, einem US-amerikanischen Streaming-Dienst mit über 163 Millionen Abonnenten - Tendenz steigend. Jeder an der Schule Maretstraße kennt das Angebot.

Und die meisten von ihnen nutzen es. Doch jetzt ist eine neue „Lieblingssendung“ für einige der Schüler dazugekommen: die Tagesschau. Denn seitdem eine Gruppe von Neunt- und Zehntklässler der Stadtteilschule damit begonnen hat, mit Aktien zu handeln, verfolgen die Jungen und Mädchen akribisch die politischen Geschehnisse in der Welt und ihre Auswirkungen auf den Aktienmarkt.

Bereits zum zweiten Mal haben die Schüler der Stadtteilschule im Zentrum von Harburg am „Planspiel Börse“ der Sparkassen mitgemacht, bei dem europaweit insgesamt 21010 Teams teilgenommen haben. Regional wird das Angebot von der Sparkasse Harburg-Buxtehude organisiert, unter deren Dach 120 Teams aus 17 Schulen im Süderelberaum angetreten sind.

Elf Wochen lang konnten die Schüler mit einem virtuellen Kapital von 50.000 Euro an der Börse handeln und auf diese Weise ihr Kapital geschickt vermehren. Jetzt ist die Spielzeit um und das Ergebnis steht fest: Die Stadtteilschule Maretstraße erreichte sowohl im normalen wie auch im Nachhaltigkeitswettbewerb, dessen Schwerpunkt auf dem Erwerb von Aktien nachhaltiger Unternehmen setzt, Platz 2. Den ersten Platz in beiden Kategorien machte die Estetalschule Hollenstedt.

Über das Thema Börse lernen Schüler den Zusammenhang von Politik und Wirtschaft

„Für uns sind die Ergebnisse ein sensationeller Erfolg“, so das Fazit von Muhamet Idrizi, der die beiden Teams während der vergangenen Wochen begleitet hat. Idrizi ist 35 Jahre alt, kommt aus dem Kosovo, hat Deutsch, Politik und Ethik studiert und promoviert aktuell an der Bundeswehruniversität Hamburg. Darüber hinaus unterrichtet er an der Stadtteilschule Maretstraße das Fach Politik-Gesellschaft-Wirtschaft.

Im vergangenen Jahr führte er das „Planspiel Börse“ an der Schule ein, die aufgrund ihrer sehr schwierigen sozialen Rahmenbedingungen zu den Kess-1-Schulen in Hamburg gehört. „Ich möchte im Politikunterricht einen Bezug zur Lebensrealität der Schüler herstellen“, sagt Muhamet Idrizi. „Über den Aktienmarkt kann man den Jugendlichen zeigen, welche Auswirkungen politische Aussagen auf die Wirtschaft haben. Und sie lernen, Wirtschaft besser zu verstehen.“

Unterstützt wird der praxisorientierte Unterricht von Sparkassen-Finanzexperte Martin Münninghoff, der das Planspiel in diesem Jahr in der Süderelberegion betreut. „Ziel des Planspiels ist es, jungen Leuten frühzeitig ein erstes Verständnis für den Aktienmarkt und das Börsengeschehen zu vermitteln und ein Gefühl für nachhaltiges Wirtschaften zu schaffen“, sagt er.

Die Regeln des Online-Wettbewerbs sind einfach: Jedes der teilnehmenden Teams erhält ein virtuelles Kapital von 50.000 Euro, welches es vermehren soll. Gehandelt wird fortlaufend mit den Kursen realer Börsenplätze. „Der simulierte Wertpapierhandel vertieft auf spielerirische Art wirtschaftliche Grundkenntnisse und vermittelt Börsenwissen“, sagt Thorsten Sundermann, Sprecher der Sparkasse Harburg-Buxtehude. Außerdem fördere der Wettbewerb neben dem Teamwork auch den Blick über den Tellerrand.

Die Schüler haben am Ende 3612 Euro Gewinn an der Börse gemacht

Rahima, Casey, Amandeep, Bleron, Angeliki, Mahmut und Rostan waren sofort begeistert, als sie von der Idee erfuhren, eigenhändig in der Welt des Aktienhandels mitzumischen und eine eigene Anlagestrategie zu entwickeln. „Dabei wussten wir zunächst gar nicht, was Aktien überhaupt sind und wie die Börse funktioniert“, sagt Schülerin Casey aus Ghana, die von den 50.000 Euro auch gern erstmal shoppen gegangen wäre.

Es habe ein paar Wochen gedauert, bis die beiden Teams, darunter eines mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit, begriffen habe, wie der Aktienhandel funktioniert, sagt Mitschülerin Angeliki „Am Anfang haben wir ständig gekauft und wieder verkauft, sobald die Kurse fielen. Doch dann haben wir gesehen, dass jedesmal Gebühren entstehen. Also haben wir unsere Aktivitäten runtergefahren.“ Über ihre strategische Vorgehensweise verraten die Schüler nur so viel: „Wir haben überlegt, welche Unternehmen wir kennen und welche Angebote wir selbst nutzen.“ Google gehört dazu und Facebook, H&M Adidas und Netflix.

Die Strategie der Schüler ist aufgegangen. 3612 Euro Gewinn hat das Team SMDB am Ende der Spielzeit im Depot gemacht. Die Nachhaltigkeitsgruppe mit dem Namen „Special S“ konnte ihr Kapital um 2811 Euro vermehren. Mit ihrer guten Platzierung haben die Schüler dafür gesorgt, dass jetzt auch richtiges Geld fließt. 600 Euro gibt es als Preisgeld für die beiden Spielgruppen zusammen, weitere 300 Euro für die Schule. Was die jungen Börsianer damit machen wollen, wissen sie noch nicht. Wie sie es anlegen könnten, wüssten sie allerdings schon.

Börsenregeln

Nr. 1: Nie das gesamte Kapital in eine einzige Aktie stecken, sondern auf drei bis fünf Unternehmen verteilen.

Nr. 2: Kauflimit setzen. Damit ist entschieden, zu welchem Preis man das Wertpapier höchstens kaufen will.

Nr. 3: Sicherheitsnetz knüpfen – um den Absturz einiger Aktien nicht mit zu hohem Verlust bezahlen zu müssen, legt man einen Kurs fest, unter den die Aktie für nicht fallen sollte. Wird diese Marke unterschritten, wird die Aktie automatisch verkauft.

Nr. 4: Gewinne mitnehmen – wenn der Kurs der Aktien stark gestiegen ist, sollte man einen Teil verkaufen.

Nr. 5: Regelmäßiger Check des Depots. Die Aktien, denen man nicht mehr zutraut, dass sie wenigstens den früheren Kaufpreis wieder erreichen, verkaufen.

Nr. 6: Anlage in mehreren Branchen – wichtig ist die bewusste Streuung der Aktien auf mehrere Branchen.

Faustregel: Von 100 Prozent des Geldvermögens sollten maximal 30 Prozent in Aktien investiert werden, 30 Prozent in festverzinsliche Wertpapiere und Fonds sowie der Rest in Sparformen wie z. B. Tagesgeldkonten.