Harburg
Ausstellung „Hot Stuff“

Kindergeschichten vom gelben Plattenspieler

Ortrud Mumbauer zeigt den alten Phillips-Plattenspieler, mit denen ihre beiden Söhne in den 1970er Jahren Kindergeschichten hörten.

Ortrud Mumbauer zeigt den alten Phillips-Plattenspieler, mit denen ihre beiden Söhne in den 1970er Jahren Kindergeschichten hörten.

Foto: Angelika Hillmer / HA

„Hot Stuff“: Das Philips-Gerät gehörte in den 1970er-Jahren zum Familienleben von Ortrud Mumbauer, ebenso eine Höhensonne.

Harburg.  Als Ortrud Mumbauer den Aufruf des Abendblatts und des Archäologischen Museums las, Kultobjekte aus den vergangenen Jahrzehnten zu entstauben und wieder ans Tageslicht zu holen, fühlte sie sich sofort angesprochen. „Das Aus- und Aufräumen ist derzeit mein Lebensinhalt“, sagt sie ironisch, „schließlich will man den ganzen Krempel nicht seinen Kindern hinterlassen.“ Sie habe sich vorgenommen, jeden Tag ein Teil auszusortieren, sagt die 69 Jahre alte Wilstorferin. Das sei nicht einfach, denn die beiseite gelegten Habseligkeiten sollen nicht im Müll landen, sondern bei Menschen, die sie gebrauchen können. Für die Museums-Ausstellung und Abendblatt-Serie „Hot Stuff“ wählte Mumbauer eine Höhensonne und einen Kinderplattenspieler plus LPs aus.

Die „Berühmte Heimsonne aus Hanau“, so steht’s auf dem Karton, haben schon ihre Eltern benutzt. Sie ist noch immer im Einsatz. Allerdings nicht so, wie es vor Jahrzehnten üblich war – sie bestrahlt keine Haut, sondern einen feuchten Wandbereich. „Das UV-Licht beugt Schimmelpilzen vor“, ist Mumbauer sich sicher. Sie selbst habe die Höhensonne nie benutzt: „Ich war lieber draußen im Garten und habe viel Sport getrieben, da bekam ich genug natürliche Sonne ab.“

Damals galt Bestrahlung noch als gesund

In den 1960/70er-Jahren sei die Höhensonne der letzte Schrei gewesen: „Sie wurde zum Vorbräunen vor dem Urlaub genutzt“, erzählt die Mutter zweier erwachsener Söhne. „Die Bestrahlung galt damals als gesund. Als nächstes kamen Sonnenstudios auf. Da hat noch niemand davor gewarnt, dass zuviel UV-Strahlung gesundheitsschädlich sein kann.“

Ortrud Mumbauer nimmt die Höhensonne vom Schrank, stellt sie auf den Küchentisch und schaltet sie wieder ein. Das alte Gerät strahlt mit einer neumodischen Tageslichtlampe um die Wette, überflügelt sie nach einigen Sekunden mit grellweißem Licht. Das ist nur mit Schutzbrille auszuhalten, die war schon damals obligatorisch. Dagegen spendet die Tageslichtlampe angenehmes warmweißes Licht und darf während des Gesprächs in die Küche scheinen. „Ich brauche viel Licht, hier in der Wohnung ist es mir viel zu dunkel“, sagt Ortrud Mumbauer.

Zum zweiten Kultgegenstand geht es hinaus an die frische Luft. Der Weg führt durch einen kleinen Garten in eine Laube. Dort steht der Kinderplattenspieler der Marke Philips. Knallorange, wie es sich in den 1970er-Jahren gehörte. „Meine Söhne, geboren 1970 und 1972, durften als Vorschulkinder eine Platte pro Tag hören. Mehr Zeit war auch kaum vorhanden, denn ich habe viel mit ihnen unternommen.“

Plattenspieler war 40 Jahre untergetaucht

Und sie hat viel vorgelesen: „Meine Söhne hatten beide ihr eigenes Zimmer. Ich habe mich beim Lesen auf den Flur gesetzt, damit beide mich hören konnten.“ Als Ortrud Mumbauer im Herbst 1979 mit ihren Kindern von Trier nach Hamburg zog, tauchten der Plattenspieler und mindestens zwei Dutzend Schallplatten in einem Umzugskarton unter und wurden nicht wieder ausgepackt. Auch den zweiten Umzug innerhalb Harburgs haben sie in ihrem Karton heil überstanden, ohne aussortiert zu werden.

Jetzt wurden der kleine Wassermann, Räuber Hotzenplotz, Ratz und Rübe aus der Rappelkiste und all die anderen „Begleitpersonen“ der Kindheit von heute 40- bis 60-Jährigen aus ihrem Karton befreit. Mumbauer hat ihre Söhne Patrick und Rico gefragt, an welche Schallplatten sie sich noch erinnern. Den Kli-Kla-Klawitter-Bus, Kasperle und den kleinen Wassermann haben sie zuerst genannt.

Ihre Söhne haben jetzt selbst Kinder, der eine zwei, der andere fünf. Den Kli-Kla-Klawitter-Bus mag die Enkelgeneration nicht mehr kennengelernt haben, die Helden der Kinderbücher dagegen schon. Die Bücher werden oder wurden auch den Enkeln vorgelesen, sagt Ortrud Mumbauer. Den Plattenspieler haben digitale Medien mehr als ersetzt. „Meine kleine Enkelin macht dauernd Computerspiele, das finde ich verkehrt.“ Die alte Vorgabe, täglich nur eine Schallplatte zu hören, ist nicht in die Gegenwart übersetzt worden.

Begehrte Ausstellungsstücke

Die Sonderausstellung „Hot Stuff“ im Archäologischen Museum Hamburg (AMH) zeigt begehrte Alltagsgegenstände aus den vergangenen Jahrzehnten, die inzwischen zum „alten Eisen“ gehören.

Haben Sie auch einen solchen Gegenstand? Dann schicken Sie uns bitte Ihren Vorschlag mit kurzer Begründung per E-Mail (Adresse unten). Fügen Sie gern ein Foto ihres alten Kultobjekts hinzu. Die interessantesten Gegenstände und Geschichten wollen wir im Hamburger Abendblatt in der Regionalausgabe Harburg und Umland präsentieren.

Das Museum hat angekündigt, allen Lesern, die mit der Abendblattseite (oder einem Online-Ausdruck) ihrer veröffentlichten Geschichte zur Museumskasse kommen, freien Eintritt zu gewähren.

Geöffnet ist die Ausstellung im AMH (Museumsplatz 2) noch bis zum 26. April, Dienstag bis Sonntag von zehn bis 17 Uhr.