Harburg
Polizei und Gerichte in Sorge

Cannabis löst Alkohol als Droge ab

Drogen im Landkreis Harburg (v.l.): Hauptkommissarin Lydia Freienberg, Jugendrichterin Lidia Mumm und Cornelia Düker, Jugendgerichtshilfe Landkreis Harburg.

Drogen im Landkreis Harburg (v.l.): Hauptkommissarin Lydia Freienberg, Jugendrichterin Lidia Mumm und Cornelia Düker, Jugendgerichtshilfe Landkreis Harburg.

Foto: Rolf Zamponi

Polizei und Winsener Jugendrichterin berichten über den Drogenkonsum junger Menschen im Landkreis Harburg.

Kreis Harburg. Der Konsum von Cannabis und Marihuana unter Kindern und Jugendlichen im Landkreis Harburg nimmt zu. Der Trend hält seit dem Jahr 2015 an, wie aus der Statistik der Polizei-Inspektion Harburg in Buchholz hervorgeht. Unter den 933 im Jahr 2018 bekannt gewordenen Fällen waren 204 Minderjährige. Im Jahr 2015 kamen auf 753 Fälle noch 148 Minderjährige. „Härtere Drogen wie Kokain, Heroin oder Chrystal Meth spielen dagegen jedoch keine Rolle“, sagte Kriminalhauptkommissarin Lydia Freienberg vor dem Jugendhilfeausschuss des Landkreises. Allerdings sind die Auswirkungen des Cannabis-Konsums heute wesentlich stärker als noch vor wenigen Jahren. Hintergrund: Der Wirkstoffgehalt THC (siehe auch Infokasten) ist von fünf bis acht Prozent auf nicht selten mehr als 20 Prozent gestiegen.

Insofern ist der Verzicht auf härtere Drogen im Landkreis kein Grund zur Entwarnung. „Die Abhängigkeit tritt deutlich schneller ein und die jungen Menschen hängen dann in einem Teufelskreis fest“, sagte Lidia Mumm, seit zehn Jahren Jugendrichterin am Amtsgericht Winsen. „Es kommt zur Beschaffungskriminalität. Die Jugendlichen schaffen die Schule oder die Ausbildung nicht und der Wirkstoff hinterlässt bleibende Schäden im Gehirn, die nicht rückgängig zu machen sind.“

Rauschgift hat „Komasaufen“ abgelöst

Der Cannabis-Konsum habe zwar das „Komasaufen“ abgelöst und es komme daher zu weniger Körperverletzungen im Rausch. Eine Erfahrung, die auch die Hauptkommissarin gemacht hat. „Alkohol gilt als uncool. Mädchen scheuen davor zurück, weil er für sie einfach zu viele Kalorien hat“, erklärte Freienberg. Dafür konsumierten sie dann Cannabis. Das führt aber eben dazu, statt andere sich selbst zu schädigen.

Dabei wirke sich die Diskussion über die Freigabe von Marihuana gerade bei Jugendlichen aus. „Bei ihnen entsteht der Eindruck, dass der Konsum nicht so schlimm sein könne, weil alle darüber reden“, berichtet Freienberg. Sie stellte aber klar: Drogen bei sich zu haben ist verboten. Bei Verstößen wird ein Strafverfahren eingeleitet.

Als Hintergrund für den Griff zum Marihuana gilt der Leistungsdruck, dem sich Jugendliche ausgesetzt fühlen. „Sie sind angespannt und wollen runter kommen“, sagt die promovierte Juristin Mumm, die auch dem Jugend-Schöffengericht in Winsen vorsitzt. Doch auch am nächsten Morgen fehle es nach dem Rauchen an Konzentration und die schulischen und beruflichen Anforderungen seien dann wieder nur schwer zu bewältigen.

Polizeiliche Aufklärungsarbeit auch in Schulen

Die Schulen haben inzwischen reagiert. „Seit gut einem Jahr kontrollieren wir dort, wenn sich Einrichtungen an uns wenden. Teilweise werden vor Ort auch Drogen-Spürhunde eingesetzt“, sagte Freienberg. Wichtig sind für die Polizei vor allem Hinweise, wer auf den Schulhöfen Drogen anbietet. „Wenn die Schulen auf uns zukommen, können wir dort über Drogen aufklären“, sagte die Hauptkommissarin, die für das Präventionsteam der Polizeiinspektion arbeitet.

Hilfe bieten zudem die Cannabis-Gruppen der gemeinnützige Verein Reso-Fabrik in Winsen. Dorthin verweist das Gericht Jugendliche, denen ein Rauschgiftdelikt nachgewiesen wurde. „In den geschlossenen Gruppen mit acht bis zehn Teilnehmern sensibilisieren wir über die Auswirkungen des Konsums“, sagte Cornelia Dücker von der Jugendgerichtshilfe des Landkreises Harburg. Wer Hilfe braucht, kann sich aber auch freiwillig anmelden. Allein in diesem Jahr sind zwei Gruppen zusammen gekommen, die sich über drei Monate zwölf Mal getroffen haben.

Wer als Jugendlicher mit dem Gesetz in Konflikt kommt, erhält vor allem Arbeitsauflagen, muss Geld zahlen oder eben in die Cannabis-Gruppe einscheren. „Abschreckend wirkt aber vor allem, wenn die Jugendlichen nicht mehr zur Führerscheinprüfung zugelassen werden“, sagte Mumm.

Wohnungen bieten Chance auf Resozialisierung

Die Jugendrichterin wies im Ausschuss noch auf ein besonderes Problem bei Heranwachsenden hin, die wegen Rauschgiftdelikten verurteilt wurden. Sind sie älter als 18 Jahre, können sie nicht mehr in Jugendhilfe-Einrichtungen untergebracht werden. Um ihnen aber eine Chance auf Resozialisation zu geben, sollten für eine Übergangszeit möglichst ein oder zwei Wohnungen bereitgestellt werden. „Es macht keinen Sinn, wenn solche Menschen in Obdachlosenheimen landen“, sagte Mumm. Solche Wohnungen habe es zuletzt in der Reso-Fabrik gegeben. Sie könnten jetzt aber nicht mehr genutzt werden.

Regionale Schwerpunkte beim Cannabis-Konsum hat die Polizei im Landkreis Harburg nicht ausgemacht. Auch das Elternhaus und die Schulbildung spielen bei den Betroffenen allenfalls eine untergeordnete Rolle. Mumm: „Alle Schichten und Schulen sind bei dem Thema betroffen.“

Cannabis

Die Cannabis-Pflanze gehört zu den Hanfgewächsen mit psychoaktiven Wirkstoffen. Die stärkste Wirksubstanz ist Tetrahydrocannabinol (THC). Nur die weibliche Form der Gattung „Cannabis sativa“ enthält genügend THC, um einen Rausch zu erzeugen.

Konsumiert wird Cannabis meist in Form von Marihuana (getrocknete Blüten und Blätter der Cannabispflanze) oder Haschisch (aus dem Harz der Blütenstände), selten als Haschischöl. Am häufigsten werden Joints geraucht (umgangssprachlich „kiffen“). Dabei wird das zerbröselte Haschisch oder Marihuana meist mit Tabak vermengt zu einer Zigarette gedreht. Darüber hinaus werden Cannabisprodukte in Pfeifen geraucht, in Tee aufgelöst oder in Keksen gegessen.