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Verschollene Schätze der Bauhaus-Zeit

Jan Schleifer, Sohn des Bauhaus-Lehrers Fritz Schleifer, Kurator Hans Bunge und Dr. Gudula Mayr, Leiterin der Kunststätte Bossard, mit einigen Schülerarbeiten von 1930

Jan Schleifer, Sohn des Bauhaus-Lehrers Fritz Schleifer, Kurator Hans Bunge und Dr. Gudula Mayr, Leiterin der Kunststätte Bossard, mit einigen Schülerarbeiten von 1930

Foto: Corinna Panek

Die Schau „Bauhaus-Lehre in Hamburg“ zeigt verschollen geglaubte Arbeiten von Schülern der Hamburger Landeskunstschule

Jesteburg . Dem Jubiläum, das anlässlich der Gründung der Kunstschule Bauhaus vor 100 Jahren gefeiert wird, widmet die Kunststätte Bossard eine sehr besondere Ausstellung, die morgen eröffnet wird. Die Schau „Bauhaus-Lehre in Hamburg“ zeigt Arbeiten von Schülern der Hamburger Landeskunstschule (heute Hochschule für bildende Künste) aus den frühen 1930er-Jahren, die als nicht mehr existent galten. Dahinter verbirgt sich eine spannende Geschichte, in der auch Johann Michael Bossard, der Erschaffer der Jesteburger Kunststätte, eine Rolle spielt.

Die Bauhaus-Lehre hat in Hamburg keine sichtbaren Spuren in Form von Gebäuden oder Produktion von bekannten Designobjekten hinterlassen, umso mehr aber hielt die Bauhaus-Pädagogik in Hamburg Einzug. So holte Max Sauerlandt, ab 1930 Direktor der Landeskunstschule, als erstes die Bauhaus-Dozenten Fritz Schleifer und Alfred Ehrhardt nach Hamburg. „Sauerlandt wollte frischen Wind an die Landeskunstschule bringen und mit jungen Leuten arbeiten“, sagt Hans Bunge, Kurator der Ausstellung.

In Hamburg wurde somit die erste Bauhaus-Schule außerhalb der Gründungsstandorte Weimar und Dessau eröffnet. Neue Dozenten, eine neue Lehre und eine neue Art des Lehrens: Ehrhardt und Schleifer ließen die Schüler in der sogenannten Vorklasse zunächst mit Materialien experimentieren, um das Material und seine Gestaltungsmöglichkeiten kennenzulernen. Johann Michael Bossard, der ebenfalls an der Landeskunstschule unterrichtete, war dies suspekt.

Bossard war von der traditionellen Schule überzeugt

„Vielleicht hat er deren Methoden auch als Kritik an seinen eigenen aufgefasst“, sagt Kunststätten-Leiterin Dr. Gudula Mayr.

Bossard war von der traditionellen Schule überzeugt, die unter anderem darin bestand, detailgetreue Zeichnungen von Objekten anzufertigen. Dass die Schüler ihrer Kreativität freien Lauf ließen, war darin nicht vorgesehen, das sei „kunstfern und dilettantisch“.

Gleich nach der Machtergreifung der Nazis wurden Schleifer und Ehrhardt aus der Landeskunstschule entlassen, nahmen jedoch, vielleicht einer Ahnung folgend, rasch einige Schülerarbeiten mit. Die übrigen Arbeiten wurden 1937 als „Zeugnisse des Verfalls“ zur Vernichtung nach Berlin geschickt. Fritz Schleifer arbeitete nach seiner Entlassung als Architekt, bis er zum Wehrdienst eingezogen wurde. In dieser Zeit war er als Bauleiter für die Luftwaffe tätig.

Vater und Sohn gründeten später das „Design Institut Hamburg“.

Nach Kriegsende 1945 wurde er von der Landeskunstschule wieder eingestellt. Er unterrichtete experimentelle Architektur, doch seine Methoden wurden von Kollegen und Schulleitung zunehmend kritisch gesehen. Offiziell verließ er 1958 die Schule aus gesundheitlichen Gründen, „aber in Wirklichkeit wurde er rausgemobbt“, sagt sein Sohn Jan, der Design studiert hat. Vater und Sohn gründeten später das „Design Institut Hamburg“.

Über die heimlich geretteten Schülerarbeiten habe Fritz Schleifer mit seinem Sohn nie gesprochen. „Anderes war immer wichtiger“, sagt Jan Schleifer. Und während die Glasnegative bereits Anfang der 90er-Jahre zum 225-jährigen Bestehen der Hochschule für Bildende Künste erforscht und erwähnt wurden, entdeckte Jan Schleifer die Originale erst vor rund eineinhalb Jahren in seinem Keller, während Hans Bunge bereits an dem Buch „Bauhaus in Hamburg“ arbeitete.

„Du Hans, ich habe noch etwas gefunden, schau dir das doch mal an“

„Er meldete sich bei mir: Du Hans, ich habe noch etwas gefunden, schau dir das doch mal an“, erinnert sich Hans Bunge. Die beiden Männer leben in den Hamburger Elbvororten, kannten sich vom Segeln. „Für mich war er immer nur der Jan“, sagt Bunge. Bis ihn ein weiterer Segelkamerad auf dessen Nachnamen aufmerksam machte: Schleifer. Bunge, selbst Kunstlehrer und Herausgeber zahlreicher Veröffentlichungen, war begeistert. Ihm geht es auch darum, Fritz Schleifer die verdiente Würdigung zukommen zu lassen.

Die Ausstellung zeigt unter anderem Farb- und Zeichenstudien der Schüler, Modelle und Collagen. Zu einer gewissen Berühmtheit hat es die Arbeit eines Schülers gebracht: Er spannte weiße Fäden in eine spiralförmig aufgerollte schwarze Pappe. Aus diesem 3D-Objekt fertigte Schleifer ein Foto, das die Form abstrahierte. Das Bild zierte in den 1950ern eine Infobroschüre der Kunstschule. Alle Objekte werden vom Hamburgischen Architekturarchiv verwahrt. Die Ausstellung wird am Sonntag um 11 Uhr eröffnet und ist bis zum 23. Februar zu sehen.