Harburg
Lüneburg

Der lange Kampf der Cécile Lecomte um ihre Cannabis-Therapie

Die Umweltaktivistin im Rollstuhl (bei einem Kletterkursus für Menschen mit körperlicher Einschränkung im Hambacher Forst.

Die Umweltaktivistin im Rollstuhl (bei einem Kletterkursus für Menschen mit körperlicher Einschränkung im Hambacher Forst.

Foto: Barbara Schnell

Kletteraktivistin streitet mit Krankenkasse um Schmerztherapie. Prozesstermin platzte. Doch es gab eine Einigung in letzter Minute.

Lüneburg . Seit 15 Jahren leidet Umweltaktivistin Cécile Lecomte (37) aus Lüneburg an chronischer rheumatoider Arthritis. Seit zwei Jahren kämpft die unter starken Schmerzen leidende Französin für die Kostenübernahme ihrer ärztlich verordneten Cannabis-Therapie. Doch die Krankenkasse weigerte sich bis jetzt, zu zahlen. Tausenden chronisch Kranken geht es ähnlich. Cécile Lecomte wollte das nicht hinnehmen. Sie zog vor Gericht

Jetzt gab es in ihrem Fall eine überraschende Wende: Der für Donnerstag anberaumte Prozesstermin platzte, stattdessen gab es eine Einigung in letzter Minute. Nach einem gerichtlichen Vergleich bekommt Cécile Lecomte die Kosten für ihre Cannabis-Schmerztherapie dauerhaft erstattet. „Ich bin sehr sehr froh über diesen Erfolg“, freut sich die junge Frau. „Ich habe jetzt weniger Sorgen, weniger Schmerzen. Ich will in Ruhe schlafen können.“

Cannabis als Medikament seit 2016

Cécile Lecomte nimmt Cannabis als Medikament seit 2016 ein. Anfangs benötigte sie dafür eine medizinische Ausnahmegenehmigung. Seit der Bundestag 2017 das Gesetz für Cannabis als Medizin verabschiedet hat, reicht ein ärztliches Rezept – zumindest theoretisch: Das Rezept bekommt sie von ihrem Lüneburger Rheumatologen, die verordneten Cannabis-Blüten in der Apotheke im Niedersachsenhaus in Heimfeld.

Doch ihre Betriebskrankenkasse lehnte es ab, für ihre Therapie zu zahlen. Daraufhin klagte die Rheumapatientin vor dem Sozialgericht. Das gab der Klägerin in einer ersten Eilentscheidung Recht. Es verpflichtete die Kasse zunächst im Jahr 2017 zur vorläufigen Kostenübernahme der Cannabis-Therapie, weil die Klage hohe Aussicht auf Erfolg habe und einen Unterbrechung der seit Jahren andauernden Therapie sich negativ auf den Gesundheitszustand der Klägerin auswirken könne.

Schmerztherapien mit Opiaten waren für Lecomte keine Alternative. „Davon bekam ich sehr starke Kopfschmerzen, ich war rund um die Uhr gefühllos, wie in Watte gebettet.“ Die zerkleinerten Cannabisblüten bekommt sie aus der Apotheke, 20 Gramm im Monat. „Ich backe daraus Kekse mit einer Dosierung von 0,6 bis ein Gramm“, sagt die Frau, die mit sieben Mitbewohnern in einer Wohngemeinschaft in Lüneburg lebt. Wenn sie einen starken Krankheitsschub hat, und den ganzen Tag im Bett bleiben muss, hätten auch schon mal ihre Mitbewohner für sie gebacken.

„Durch das Cannabis nehme ich die Schmerzen anders wahr“

„Ich rauche nicht, ich trinke keinen Alkohol. Anfangs hatte ich sogar Angst vor Cannabis“, gesteht die Rheumapatientin. „Doch durch das Cannabis nehme ich die Schmerzen anders wahr. Ich nehme es nur abends in Form von Keksen ein.“ Die psychotrope Wirkung des auf sie abgestimmten medizinischen Cannabis mit einem vergleichsweise geringen THC-Gehalt von sechs Prozent hält etwa fünf Stunden an. „Die Schmerzen sind noch länger weg“, sagt sie. „Cannabis ist kein Allheilmittel. Ich kann zum Beispiel kein Auto fahren. Ich möchte aber auf keinen Fall auf das Medikament verzichten.“

Nach dem gerichtlichen Vergleich trägt die Kasse die Arzneikosten für die Rheumapatientin bis Ende 2020. Die Kasse verpflichtet sich darüber hinaus, die Cannabis-Therapie auch über diesen Zeitpunkt hinaus zu bezahlen, vorausgesetzt, es gibt ein Rezept.

„Alle Kassen stellen sich an“

„Wir haben dem Vergleich zugestimmt. Die Kasse hat es ebenfalls getan“, sagt der Hamburger Rechtsanwalt Oliver Tolmein, der die Klägerin vertritt. Es sei leider kein Einzelfall, dass sich eine Kasse bei der Kostenübernahme für Cannabis quer stelle, im Gegenteil: „Alle Kassen stellen sich an“, sagt der Medizinrechtler. Dafür gibt es aus seiner Sicht zwei Gründe. „Die Therapie ist teuer. Die Kosten können bei einem Patienten mit höchster Dosierung von 100 Gramm bis zu 2500 Euro im Monat betragen“, sagt der Jurist. „Und die Kassen unterstellen offenbar, dass sich Leute ihren Rausch auf Kassenkosten besorgen, Stichwort ,Kiffen auf Rezept’.“

Aus seiner Erfahrung mit seinen Mandanten halte er dies allerdings für unbegründet. „Natürlich gibt es Missbrauch, wie bei anderen Arzneistoffen auch. Aber die schwerkranken Patienten brauchen ihre Medizin wirklich.“ Tolmein war selbst als Sachverständiger im Gesundheitsausschuss bei der Entstehung des Gesetzes dabei. „Wir haben damals schon davor gewarnt, dass die Formulierung ,in Ausnahmefällen könne die Kostenübernahme versagt werden’ Probleme mit den Kassen bereiten wird.“

Ein Drittel ist keine Ausnahme. Es ist zuviel

Mindestens 30 Prozent der Cannabis-Patienten erhielten einen Ablehnungsbescheid für die Kostenübernahme. „Das ist ein Drittel und keine Ausnahme. Es ist zuviel“, sagt Tolmein. Immer noch würden sich zudem viel zu viele Ärzte viel zu wenig mit Cannabis als Arzneistoff auskennen und das Präparat deshalb gar nicht erst verordnen. „Ich wünsche mir, dass Geld für die Forschung bereit gestellt wird. Wir müssen mehr über Cannabis und seine Anwendungsmöglichkeiten wissen“, sagt Tolmein.

Sein Vorschlag: Der Gesetzgeber solle die Genehmigungspflicht der Kostenübernahme aus dem Gesetz streichen. Auch einige Gerichte wünschen sich von den Kassen offenbar mehr Akzeptanz von ärztlichen Entscheidungen: Im April 2019 hatte das Landessozialgericht Hamburg entschieden, der Arzt müsse, wenn er Cannabis verschreibe „kein Gutachten verfassen“. Seine „begründete Einschätzung“ reiche aus. Mit ihrem Urteil schlossen sich die Hamburger Richter einem Urteil des Landes-Sozialgerichts Nordrhein-Westfalen an.

Cécile Lecomte ist in der Anti-Atomkraftbewegung bekannt geworden. Seit vielen Jahren fällt sie mit Aktionen zivilen Ungehorsams bundesweit auf, zuletzt bei den Protesten zum Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.

Weil ihre Aktionen oft mit dem Klettern zu tun haben, bekam sie den Spitznamen „Eichhörnchen“. Inzwischen ist sie durch ihre Krankheit zu 80 Prozent schwerbehindert. Sie klettert aber weiterhin, hält Vorträge und reist mit Lesungen durch Deutschland.