Harburg
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Gesucht: Hinweise zur Schloßwerft

Sie sammeln Material zur Geschichte der ehemaligen Werft (v.l.): Jürgen Apel, Nadine Beck, Hermann Kühn und Roman Markel.

Sie sammeln Material zur Geschichte der ehemaligen Werft (v.l.): Jürgen Apel, Nadine Beck, Hermann Kühn und Roman Markel.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Von 1876 bis 1933 führten Reinhold Holtz und später seine Söhne den Betrieb im Binnenhafen, der damals bis zu 1000 Arbeiter beschäftigte.

Die Werft Reinhold Holtz auf der heutigen Schlossinsel war eine bedeutende Werft, aber es gibt kaum Fotos oder sonstige Dokumente von ihr“, sagt Hermann Kühn. Zusammen mit anderen Mitgliedern der Geschichtswerkstatt Harburg sammelt er Material zu der Werft, auf der zwischen 1876 (ihrem Gründungsjahr) und ihrer Liquidation anno 1933 mehr als 1250 Boote und Kleinschiffe gebaut wurden. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, ein Buch über die „Schloßwerft“ zu schreiben.

Zum Werkstatt-Team gehört auch Nadine Beck. Die studierte Historikerin ist die Ururenkelin des Werftgründers und hat zu ihrer Familie recherchiert: „Reinhold Holtz war Kapitänleutnant der Marine. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er wohl nicht mehr zur See fahren und wurde Adjutant der Marine-Station der Ostsee in Kiel, hatte aber auch eine Wohnadresse in Berlin. Dort heiratete er 1875 eine Schauspielerin. Im gleichen Jahr bat er um seine Entlassung aus dem Militärdienst.“

Zunächst baute der Werftgründer in Övelgönne Holzboote

Ein Jahr später übernahm der damals 30-jährige Holtz eine Werft in Övelgönne in der damals eigenständigen Stadt Altona. „Reinhold Holtz hat in Altona zunächst Holzboote gebaut. Aber er war nicht nur bloßer Produzent, sondern auch Erfinder, hielt zahlreiche Patente“, erzählt die Ururenkelin. In der Zeitung „der Schiffbau“ habe Holtz damals Anzeigen geschaltet, die auf seine Patente hinwiesen, ergänzt Kühn. Beck nennt als Beispiel den Tunnelschraubenantrieb: „Die Boote hatten nur 30 bis 60 Zentimeter Tiefgang. Und konnten deshalb sehr flache Gewässer befahren. Bei dem neuen Antrieb war die Schraube per Hand drehbar, um Seegras oder an dere Pflanzen, die sich dort verfangen hatten, herausziehen zu können.“

Ab 1877 baute Holtz vor allem eiserne Dampfboote. Als es 1884 in Övelgönne zu eng wurde, zog Holtz in den Harburger Binnenhafen um. Er siedelte seinen Betrieb auf der damaligen Zitadelleninsel (heute Schlossinsel) an, an der Östlichen Binnengraft – ungefähr dort, wo heute das Wasserbauunternehmen Heinrich Hirdes arbeitet. Die alte Bezeichnung „Dampf-Boot- & Maschinen-Fabrik“ deutet auf eine Spezialität der Holtz-Werft hin: Hier wurden nicht nur Schiffe gebaut, sondern auch deren Antriebe, also Dampfmaschinen und -kessel, Schrauben und Propeller.

„Holtz war die größte Werft für Kleinschiffe Deutschlands“, sagt Jürgen Apel. „Bis zu 1000 Arbeiter waren in Harburg im Einsatz. Darunter auch Wanderarbeiter, die von Schiff zu Schiff zogen.“ Kleine Passagierschiffe, etwa für Schweizer Seen, Schlepper und Brandungsboote entstanden in Harburg Das Hauptabsatzgebiet war jedoch der Amazonas. Es wurden Flussschiffe gebaut und zerlegt nach Südamerika gebracht. Apel: „Die Schiffstechnik war hervorragend einfach. Die Schiffe konnten von angelerntem Personal bedient werden, die Heizkessel waren leicht zu warten und mit Holz zu befeuern.“

Einsatz im Amazonas für die Kautschuk-Export

Die kleinen Frachtschiffe dienten in Südamerika vor allem als Zubringerboote für den Kautschuk-Export. In der Region gab es damals kaum Häfen. Deshalb musste die Fracht vom Land aus auf die flachgehenden Schiffe verladen und zu den auf Reede liegenden großen Ozeandampfern geschippert werden. Ob ein Teil des mit Hilfe von Holtz-Schiffen verladenen Kautschuks zu den florierenden Harburger Gummi-Fabriken gelangte, ist indes nicht bekannt.

Viele Fakten hat die Arbeitsgruppe der Geschichtswerkstatt bereits gesammelt, vieles ist aber noch unklar. Auch die Frage, woher Reinhold Holtz das Geld hatte, um eine solche Werft aufzubauen. Oder warum seine beiden Söhne, die nach seinem Tod 1913 den Betrieb übernahmen, die Werft bis 1933 – in teils schweren Zeiten (Erster Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise) – in den Ruin trieben. „Es ist auch auffällig, dass wir keinerlei Hinweise auf ein gesellschaftliches Engagement haben“, sagt Roman Markel. „Holtz war nicht im Schützenverein, verteilte keine Spenden.“ Hatte er Freunde? Wer waren seine Arbeiter?

Beck: „Reinhold Holtz war ein Allround-Genie. Er war mit Leib und Seele in seine Arbeit versunken, aber er bleibt irgendwie mysteriös. Deshalb freuen wir uns über Hinweise von den Harburgern. Jedes Erinnerungsstück und jede kleine Geschichte, die uns zu der Werft, ihren Arbeitern und der Familie Holtz erzählt werden kann, hilft uns weiter.“

„Sachdienliche Hinweise“ nehmen Jürgen Apel unter der Rufnummer 763 38 53 und unter u.j.apel@gmx.de sowie Nadine Beck unter der Mobilnummer 0176 21 69 75 59 entgegen