Harburg
Currywurst

Elbblick-Grill: Imbiss zwischen Ebbe und Flut

Werner Poschmann serviert eine Currywurst - mit selbst produzierter Sauce.

Werner Poschmann serviert eine Currywurst - mit selbst produzierter Sauce.

Foto: Axel Tiedemann / AT

Ein halbes Jahr Arbeit, ein halbes Jahr Urlaub: Kult-Imbiss am Este-Sperrwerk muss stets zur Sturmflutsaison schließen.

Cranz.  Neulich fegte der Wind wieder so heftig über das Mühlenberger Loch, dass Werner Poschmann Mühe hatte, die Tür zu seinem Imbisswagen zu öffnen. Ein untrügliches Zeichen, dass nun der Herbst beginnt und bald wieder Schluss mit Currywurst und Pommes in einer der exponiertesten Imbiss-Lagen der Stadt ist: Direkt am Sperrwerk an der Este-Mündung steht sein „Elbblick-Grill“ hoch oben mitten auf der Deichanlage. Mit der Currywurst in der Hand blickt man von hier tatsächlich direkt auf die weite Elbebucht und Blankenese am anderen Ufer. Längst ist der auffällige Wagen an einer der wichtigsten Ausflugs- und Pendlerouten zwischen Hamburg und dem Alten Land zu einem Kult-Imbiss geworden: eben ein ungewöhnlicher Standort mit ungewöhnlichen Auflagen: Denn sobald am 15. September offiziell die Sturmflutsaison in Hamburg beginnt, muss Poschmann seinem Imbiss wieder abgebaut haben, damit er im Katastrophenfall nicht die Einsatzkräfte stört.

Zwangspause von September bis zum 1. April

Zum 1. April und damit zum Ende der Jahreszeit mit höherem Sturmflut-Risiko kann er dann aber wieder seinen alten Platz beziehen. Seit jetzt zehn Jahren hat sich Poschmann daher nun an ein Leben mit dem steten Wechsel zwischen Wurst und Flut gewöhnt – und kann ihm auch viel abgewinnen. „Ein halbes Jahr Arbeit, dann ein halbes Jahr Urlaub: Passt doch“, sagt er und reicht wieder eine Currywurst mit der selbst produzierten Sauce über den Tresen.

Von Frühjahr bis Herbst steht er daher „fast jeden Tag“ in seinem Imbiss, reicht Bier, Apfelschorle, Backfisch oder eben Currywurst mit Pommes an seine Gäste. Im Sommer ist er von elf bis manchmal 22 Uhr dabei, schließt dann den Wagen, steigt in sein Wohnmobil, um die Klamotten zu wechseln und sich gleich vor Ort vom Geruch frittierter Pommes zu waschen. „Riecht doch ganz schön“, sagt er. Dann rollt er zu seiner Wohnung nach Barmbek, legt sich hin und kommt am nächsten Tag wieder. „Das schlaucht manchmal, aber ich bin mein eigener Herr, wenn ich mal später komme, komme ich später und muss mir nichts sagen lassen.“

Im Winter mit dem Wohnmobil unterwegs

Doch irgendwann, wenn die Tage kürzer werden und die Winde heftiger, wird auch dieser Job anstrengend. „Dann freu ich mit auf den 15. September“, sagt Poschmann. Sobald alles am Sperrwerk abgebaut ist, steigt er wieder in sein Wohnmobil. Dann aber mit Lebensgefährtin und einem Ziel in der Sonne: Oft war er im Winter wochenlang schon in Italien oder auch Marokko unterwegs. Diesmal soll es nach Frankreich gehen.

Zum Frühjahr lockt wieder der Imbisswagen

Nach den langen Reisen stehen für ihn meist einige Reparaturen am Imbiss an, zum Februar geht es aber erneut ab mit dem Wohnmobil in die Skiferien. „Und dann freue ich mit auch schon auf den 1. April, wenn es hier wieder mit dem Imbissbetrieb losgeht“, sagt Poschmann, der inzwischen auch Rente bezieht, aber weiter arbeiten will. „Das bringt mir einfach auch Spaß.“

Aber er war eben immer schon selbstständig und immer schon viel Arbeit gewohnt. Zumal er auch eine Familie mit vier Kindern ernähren musste. Eigentlich ist Poschmann gelernter Einzelhandelskaufmann, war als junger Familienvater als Handelsvertreter in der Schuhbranche unterwegs. Später besaß er in der Grindelallee, in Horn und Henstedt-Ulzburg sogar drei eigene Schuhläden gleichzeitig. „Aber dann begann das Sterben der kleinen Geschäfte“, erzählt er. Mit Mitte 40 musste er daher umsatteln: In seinem früheren Wohnort Wilhelmsburg übernahm er die Gaststätte „Zur großen Schmiede“ und führte die Gastronomie nahe der bekannten Kirchdorfer Windmühle „Johanna“ bis 1997.

Gastwirtschaft am Niederrhein

Nach seiner Scheidung aber zog er an den Niederrhein, um wieder einen Neuanfang zu wagen, diesmal allerdings erneut mit einer Gastwirtschaft. „Ein großer Laden“, wie er sagt. Schützen- und Karnevalsvereine feierten dort, manchmal hatte er mit seinen Mitarbeitern bis zu 400 Gäste. Nach gut zwölf Jahren am Rhein wollte Poschmann aber wieder zurück an die Elbe, wo seine inzwischen erwachsenen Kinder leben. Als er im Internet das Übernahme-Angebot für den Elbblick-Grill fand, schlug er zu.

Der Imbiss ist zwar kleiner als seine Gaststätten, „aber ich kann das auch allein wuppen.“ Das verschafft ihm noch mehr Freiheit und er weiß auch, dass selbst ein anstrengender Jahr ein absehbares Ende hat: Der Wechsel kommt hier am Sperrwerk für ihn eben immer so sicher wie Ebbe und Flut.