Harburg
Hausbesuch

Das Gespräch ist die beste Hilfe für Geist und Seele

Das Gespräch ist die Basis ambulanter psychiatrischer Pflege. Isabell Klose, Fachkrankenschwester für Psychiatrie, hört einer Patientin zu.

Das Gespräch ist die Basis ambulanter psychiatrischer Pflege. Isabell Klose, Fachkrankenschwester für Psychiatrie, hört einer Patientin zu.

Foto: martina berliner

Der Ambulante Psychiatrische Pflegedienst (APP) bietet psychisch Kranken Betreuung im eigenen Heim.

Lüneburg/Winsen/Harburg.  Pflegedienste ermöglichen Hilfsbedürftigen, trotz Einschränkungen durch Alter oder Krankheit, selbstständig in den eigenen vier Wänden zu leben. Jedermann weiß, dass Krankenschwestern oder Pfleger ins Haus kommen, um bei körperlichen Leiden die nötige Unterstützung zu leisten. Wenig bekannt ist dagegen, dass es auch bei psychischen Krisen entsprechende Hilfe gibt. Der Ambulante Psychiatrische Pflegedienst (APP) bietet Betroffenen in der Region Lüneburg und Harburg psychiatrische Fachpflege zu Hause an.

„Das gewohnte Umfeld mit Familie und Freunden in der Nähe kann dazu beitragen, einen stationären Aufenthalt in der Klinik zu verkürzen oder ganz zu verhindern“, erklärt Christian Rogalla, der seit Gründung des APP im Jahr 2011 Pflegedienstleiter ist. Zu seinem Team gehören zehn Fachkrankenschwestern und vier Pfleger der Psychiatrie, die insgesamt rund 60 Patienten betreuen. Sie sind in den Landkreisen Lüneburg und Harburg tätig, vereinzelt auch in Harburg Stadt.

Anders als ihre Kollegen, die sich um körperliche Pflege kümmern, beschäftigen sich psychiatrische Fachkräfte nicht mit Waschen, Essen und Trinken anreichen, Verbandswechsel oder Verabreichung von Medikamenten. Ihre Patienten leiden an Depressionen, Psychosen, Schizophrenie, Panikattacken, Demenz oder traumatischen Belastungsstörungen.

„Unser wichtigstes Instrument ist das Gespräch“, erklärt Christian Rogalla, der selbst durch 17 Jahre Berufserfahrung aus verschiedensten psychiatrischen Fachgebieten profitiert. Es gehe unter anderem darum, gemeinsam mit den Patienten Wege aus krankheitsbedingter Isolation zu erarbeiten. Strategien einzuüben, die aus daraus resultierenden Teufelskreisen herausführen.

Vertrauensverhältnis zum Patienten ist unverzichtbar

„Was für uns Gesunde selbstverständlich erscheint, stellt für psychisch Kranke oft enorme Hürden dar: Etwa soziale Kontakte zu pflegen, Bus zu fahren, Einkaufen zu gehen oder Briefe zu öffnen. Elementare Fähigkeiten zur Bewältigung des Alltags müssen erlernt oder reaktiviert werden. Die Tätigkeit meiner Mitarbeiter ist von Sozialarbeit nicht zu trennen. Aber sie agieren stets mit medizinischem Blick, überwachen beispielsweise die Wirkung der vom Arzt verordneten Medikamente und führen therapeutische Gespräche oder Trainingseinheiten.“

Der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zum Patienten ist unverzichtbar. Einblick in die Seele zu gewähren, die eigene Biografie zu offenbaren, fällt schwer. Deshalb kommt stets dieselbe Schwester, der gleiche Pfleger ins Haus. „Es geht ja um sehr Intimes. Es ist für die Kranken und meine Mitarbeiter gleichermaßen eine Herausforderung, die Balance zwischen menschlicher Nähe und professioneller Distanz zu wahren.“

Die Betreuung ist intensiv, aber zeitlich begrenzt. Vier Monate lang stehen den Patienten wöchentlich bis zu 14 „Leistungseinheiten“ zu, jede davon umfasst 45 Minuten. Durchschnittlich investieren die Pflegekräfte pro Einsatz drei Einheiten, also gut zwei Stunden. Je nach Bedarf werden die Patienten ein- bis dreimal wöchentlich besucht.

Während dieser Zeit gilt es, den Patienten in der Krise zu stabilisieren, sein Selbsthilfepotenzial durch Vermittlung spezieller Verhaltensweisen bei Problemen und Konflikten zu stärken, gegebenenfalls Angehörige im Umgang mit dem Patienten aufzuklären und anzuleiten und ein Netzwerk aufzubauen, das dem Betroffenen auch nach Ende der Pflege durch den APP Halt gibt.

Dafür ist die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen von elementarer Bedeutung. „Wir kooperieren mit Ärzten, dem sozialpsychiatrischen Dienst, mit Familie, Freunden, Betreuern und, falls gewünscht, auch mit Arbeitgebern. Wir schauen, welche Unterstützung langfristig nötig ist. Wäre der Besuch einer Tagespflege oder Begegnungsstätte hilfreich, ein Wechsel der Wohnform anzuraten, eine weitere Therapieform nötig? Wir knüpfen entsprechende Kontakte.“

Die Problematik jedes Einzelnen ist komplex. Vier Monate Unterstützung durch den APP reichen oft nicht aus. Seit kurzem gibt es die Möglichkeit zur Verlängerung. Etwa ein Fünftel der Patienten erhielten derzeit ein weiteres Rezept, sagt Rogalla. Etwa ein Viertel der Gepflegten stehen binnen zwei Jahren ein weiteres Mal auf der Patientenliste des APP.

Generell steigt nach Rogallas Einschätzung die Zahl der seelischen Erkrankungen stark an. Einen der Gründe sieht er in der alternden Gesellschaft. Aber auch sehr junge Menschen sind immer öfter behandlungsbedürftig. Über die Ursachen kann Rogalla, der auch schon in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig war, nur spekulieren.

„Vielleicht spielen Medien- oder Drogenkonsum und zunehmend schwierige familiäre Verhältnisse eine Rolle.“ Gern würde er die ambulante Pflege auch auf die jüngsten Psychiatrie-Patienten ausdehnen, aber noch verweigern die Kassen die Kostenübernahme.

Abhängig von der Art der psychischen Erkrankung und der Phase, in der sich ein Patient gerade befindet, kommt die ambulante psychiatrische Pflege nicht für jeden Patienten zu jeder Zeit infrage. Eine stationäre Behandlung ist aber in jedem Fall teurer.

Außerdem kann ein Klinikaufenthalt das Unwohlsein der Patienten noch verstärken, da sie sich in der Psychiatrie erst richtig krank und oftmals auch stigmatisiert fühlen. Die Kassen könnten nach Rogallas Überzeugung mit erweiterten ambulanten Pflegedienstleistungen also Leid lindern und sparen – kurz- und auch langfristig.

Krankenstand der Mitarbeiter ist extrem niedrig

Seit September 2017 werden die Pflegekräfte des APP nach einem mit ver.di abgeschlossenen Tarifvertrag bezahlt. Nach langen Verhandlungen mit den Krankenkassen ist es jetzt auch gelungen, dass diese Vergütungen über den Pflegesatz refinanziert werden. Weil Schwestern und Pfleger seines Teams vergleichsweise gut verdienen und auch die Arbeitsbedingungen ohne Schicht-, Nacht- und Wochenenddienste sowie durch weitgehende Selbstgestaltung der Dienstpläne angenehm sind, habe noch kein einziger seiner Mitarbeiter gekündigt und der Krankenstand sei extrem niedrig, erzählt Rogalla.

Er konnte sogar alljährlich ein bis zwei neue Mitstreiter rekrutieren. Trotzdem ist er ständig auf der Suche nach neuen Fachkräften, denn es gibt enormen Bedarf und noch viele ungelöste Probleme. Schon jetzt verbringt der 38-Jährige fast seine gesamte Arbeitszeit am Schreibtisch. Nur ausnahmsweise vertritt er einen Mitarbeiter oder übernimmt die Betreuung eines Patienten von Anfang an selbst. Er genießt die Abwechslung vom Manageralltag jedesmal sehr. „Man spürt unglaublich viel Dankbarkeit.“

Was ist der APP?

Der APP gehört organisatorisch zur Städtisches Pflegezentrum Lüneburg gGmbH, einer von neun Gesellschaften unter dem Dach der Gesundheitsholding Lüneburg. Er ist auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Lüneburg ansässig und arbeitet eng mit den niedergelassenen Ärzten und den Institutsambulanzen in Lüneburg, Buchholz und Winsen zusammen.


Weil die Stadt Hamburg kein entsprechendes Angebot hat, kooperiert der APP zuweilen auch mit der Psychiatrischen Ambulanz der Harburger Asklepios-Klinik. Voraussetzung für die Pflege durch den APP ist die entsprechende Verordnung eines Facharztes. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten, bei Privatversicherungen ist häusliche Pflege oftmals nicht inbegriffen.


Nähere Informationen gibt es direkt bei Christian Rogalla in Lüneburg, Am Wienebütteler Weg 1, Tel.: 04131/602 30 00 oder im Café „Kiek in“, der Begegnungsstätte von HiPsy (sozialpsychiatrische Hilfen im Landkreis Harburg) in Winsen, Schmiedestraße 3, dienstags von 11 bis 12 Uhr. www.gesundheitsholding-lueneburg.de/a