Modellprojekt

Weniger Elterntaxis: Per Express ins Klassenzimmer

| Lesedauer: 4 Minuten
Hanna Kastendieck
Die Schüler der Grundschule Jesteburg freuen sich darüber, künftig den Schulweg in der Gruppe und ohne Elternaufsicht zurücklegen zu können.

Die Schüler der Grundschule Jesteburg freuen sich darüber, künftig den Schulweg in der Gruppe und ohne Elternaufsicht zurücklegen zu können.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Jeden Morgen herrscht vor der Grundschule Jesteburg Chaos. „Elterntaxis“ verstopfen die Straße und gefährden Kinder.

Jesteburg.  Eigentlich ist die Buskehre zu eng für den Verkehr. Und doch kommen viele mit dem Auto. Die Mütter und Väter parken auf den Gehwegen, dem Zebrastreifen, halten mitten auf der Fahrbahn, um ihr Kind sicher in der Schule abzuliefern. Jeden Morgen zwischen 8.15 und halb neun herrscht vor der Grundschule Jesteburg am Moorweg Verkehrschaos. Die „Elterntaxis“ verstopfen die Straße und gefährden gleichzeitig andere Kinder. Damit soll künftig Schluss sein. Die Grundschule ist die erste im Landkreis, die ab heute einen „Schulexpress“ einrichtet. Kinder, die bislang mit dem Auto zur Schule gebracht worden sind, sollen künftig gemeinsam zu Fuß gehen.

Dafür wurden zehn sogenannte „Schulexpress-Haltestellen“ im Einzugsgebiet der Grundschule eingerichtet. Von jeder Haltestelle sind es etwa 20 bis 25 Gehminuten bis zur Schule. Die Haltestellen, die mit einem großen blauen Schild gekennzeichnet sind, dienen den Kindern als Treffpunkt, um von dort gemeinsam zu Fuß zur Schule zu starten. Sie sind so gelegen, dass Eltern ihre Kinder dort gefahrlos absetzen können.

Vierfache Mutter aus Bremen hatte die Idee des „Schulexpress“

„Auf diese Weise verteilt sich der Verkehr vor der Schule und unnötige Autokilometer werden vermieden“, sagt Verena Nölle. Die vierfache Mutter aus Bremen hat die Idee des „Schulexpress“ aus eigener Betroffenheit entwickelt. Das war 2004. Ihre Tochter ging damals in die Grundschule. „Und vor dem Schulgelände stauten sich jeden Morgen die Autos“, sagt sie. „Schon damals war es eine Katastrophe, obwohl Begriffe wie ‘Elterntaxi’ oder ‘Helikoptereltern’ noch gar nicht existierten.“ Irgendwann konnte sie das Verkehrschaos nicht mehr ertragen. Sie sprach mit der Schulleitung, der Stadt, der Polizei, suchte Sponsoren und richtete die ersten „Schulexpress-Haltestellen“ ein.

Inzwischen gibt es das Projekt an 130 Schulen in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen, Berlin und Brandenburg. Und immer kommen neue Schulen auf Verena Nölle zu. Auch in Hamburg soll demnächst ein Schulexpress starten. Die Schule Rungwisch im Stadtteil Eidelstedt wird Ende August die erste Schule in der Hansestadt sein, die ihre Schüler mit dem „Haltestellen-System“ zu einem selbstständigen Schulweg bewegen will.

Die Kleinen lernen, Fahrzeuge besser wahrzunehmen

„Die Erfahrung, seinen Schulweg selbstständig und ohne Aufsicht zu meistern, fördert das Selbstbewusstsein“, sagt Verena Nölle. „Und die Kleinen lernen, Fahrzeuge besser wahrzunehmen.“ Auch Schulleiterin Bettina Fritsche war sofort begeistert, als sie im September das erste Mal von dem Projekt erfuhr. „Wir wollen die Eltern dabei unterstützen, den Schulweg für ihr Kind optimal zu gestalten“, sagt sie. „Und Eltern sollten dem Nachwuchs zutrauen, allein zu gehen.“

Enge Zusammenarbeit von Polizei, Schule, Gemeinde und Eltern

Das Verkehrsprojekt, das in enger Zusammenarbeit von Polizei, Schule, Gemeinde und Eltern angeschoben worden ist, sorgt außerdem dafür, dass die Kinder in Bewegung kommen. „Sie können sich vor dem Unterricht schon mal richtig auspowern, Sauerstoff tanken und miteinander quatschen“, sagt Anna Pohlschröder. Die Mutter einer Erstklässlerin gehört zum „Projektteam Schulexpress“. Genauso wie ihre Mitstreiterin Anett Vandersee: „Die Kinder sollen selbstständig in die Schule gehen, so wie wir das früher auch getan haben. Eine feste Einrichtung wie der ‘Schulexpress’ hilft dabei.“

Jeden Tag einen Stempel für Schüler, die mitmachen

In den kommenden Wochen sollen die Schüler dafür begeistert werden, mitzumachen. „Jeder, der selbstständig zur Schule kommt – egal ob zu Fuß, mit dem Rad, Roller oder Bus, bekommt für jeden Tag einen Stempel“, sagt Schulleiterin Bettina Fritsche. „Die Klasse, die am besten abschneidet, erhält einen Pokal. Dieser soll alle vier Wochen neu vergeben werden.“

Unterstützt wird das Projekt von der Gemeinde.. „Das Thema ‘sicherer Schulweg’ beschäftigt uns schon seit Jahren“, sagt Jesteburgs Bürgermeister Udo Heitmann. „Ich halte es für wichtig, dass Kinder selbstständig zur Schule gehen. Wenn sie es gemeinsam tun, um so besser.“ Während einige Eltern dem Projekt noch skeptisch gegenüber stehen, weil sie Sorge haben, dass der Weg zu unsicher und anstrengend sein könnte, sind die Schüler schon jetzt begeistert. Bei der Auftaktveranstaltung in der Turnhalle stimmen sie gemeinsam den „Schulexpress-Song“ an. „Die Idee ist super“, findet die neunjährige Klara. „Wir können jetzt alle gemeinsam gehen. Und auf die Kleinen passen wir Großen auf.“

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