Harburg
7. Klönschnack Fest

Altenwerder: Ein Stadtteil mit nur zwei Bewohnern

In der Kirche St. Gertrud in Altenwerder gibt es weiterhin regelmäßig Gottesdienste und auch viele Trauungen

In der Kirche St. Gertrud in Altenwerder gibt es weiterhin regelmäßig Gottesdienste und auch viele Trauungen

Foto: Marcelo Hernandez

Etwa 500 ehemalige Einwohner werden bei der Veranstaltung erwartet. Gotteshaus, Friedhof und ein Autohof existieren bis heute.

Hamburg. Von wegen „toter Stadtteil“: Neues Leben entsteht. Im 62 Meter hohen Turm der Kirche St. Gertrud in Altenwerder nisten Turmfalken. Demnächst werden die Küken schlüpfen. Bei ihren Flugversuchen werden die jungen Greifvögel in ihrem direkten Umfeld ein fast unberührtes Biotop vorfinden. Auch seltene Tierarten wie Kleinspechte, Gelbspötter oder Wasserfledermäuse haben in der Nähe Lebensraum. Wer die Elbinsel als eine gigantische, gesichtslose Industriefläche an der Autobahn 7 wahrnimmt, hat nur teilweise recht.

Das frühere Fischerdorf ist längst plattgemacht. In einem Grünstreifen sind noch Mauerreste zu entdecken. Vor zwei Jahrzehnten mussten die letzten Alteingesessenen ihre Heimat verlassen. In dem einstmals entzückenden Stadtteil sind aktuell nur noch zwei Bürger gemeldet. Eine Zählung in den Jahren 1924/25 ergab: 243 bewohnte Häuser, 2010 Einwohner, 146 Pferde, 538 Rinder, 517 Schweine, 41 Ziegen, 309 Enten und 2550 Hühner. Anfang der 1950er-Jahre waren hier noch gut 2500 Einwohner wohnhaft. Seinerzeit handelte es sich um ein schnuckeliges Dorf mit ansehnlichen Häusern, kultivierten Gärten, mit gepflegten sozialen und gesellschaftlichen Strukturen und einer jahrhundertealten Historie.

Dorf ist vom Erdboden verschwunden

Bis auf das Gotteshaus, den Friedhof und einen Autohof ist nichts geblieben. Containerbrücken, Logistikhallen, zwei riesige Windräder sowie eine (schon zum Stadtteil Waltershof gehörende) Müllverbrennungsanlage nahe der Köhlbrandbrücke prägen das Bild abseits des Biotops in Elbtunnelnähe – von bestens ausgebauten Straßen und Lkw-Kolonnen mal abgesehen. Fraglos ist Altenwerder der skurrilste Stadtteil Hamburgs. Zu den Kontrasten gehört das „7. Altenwerder Klönschnack Fest“ an diesem Sonntag. Vor St. Gertrud, am Ehrenmal, werden – wie alle zwei Jahre – gut 500 ehemalige Einwohner, deren Angehörige und Gäste erwartet.

Im Anschluss an den Gottesdienst um 9.30 Uhr soll lustvoll gefeiert werden. Diese Kirche lebt. Es lockt ein vielfältiges Programm, inklusive einer plattdeutschen Führung. An Ständen präsentieren sich Vereine. Und vor allem die Älteren werden zu erzählen haben von vergangenen Tagen, als Altenwerder noch etwas darstellte. Für ein paar Stunden soll es wieder so sein wie früher, ein bisschen zumindest.

Die überlieferte Volksweisheit, der zufolge „die Kirche im Dorf“ bleiben müsse, stimmt im Fall Altenwerder keinesfalls: Das 1831 errichtete Gebäude steht. Trutzig. Irgendwie trotzig. Das Dorf jedoch ist vom Erdboden verschwunden. Die Geschichte ist bekannt: Nach dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Hafenerweiterung 1961 kaufte die Hansestadt nach und nach Häuser und Grundstücke, zahlte Abfindungen und half den Bürgern beim Umsiedeln. Viele blieben dem Bezirk Harburg erhalten.

Außergewöhnliche Kaffeestunde

„Wir lieben das Leben viel zu sehr, um dauerhaft Trauer zu tragen“, sagt Anneliese Schauberg im Namen des Vereins zur Förderung und Erhaltung der St.-Gertrud-Kirche Altenwerder. „Wir wohnen heute anderswo, haben unsere alte Heimat aber nach wie vor im Herzen.“ Frau Schauberg, eine anpackende Frau mit gewinnendem Naturell, stellt Kekse, Kaffee und roten Früchtetee auf den Tisch. Das Besondere daran: Wir sitzen im Kirchenschiff. Da das Gemeindehaus nicht mehr existiert, wurde der hintere Teil des denkmalgeschützten Bauwerks kurzerhand in ein „Kirchen-Café“ umgewidmet. Der gediegene norddeutsche Charme des Gotteshauses blieb erhalten.

Zu dieser außergewöhnlichen Kaffeestunde hat sich zudem Pastor Dirk Outzen eingefunden. Der 52 Jahre alte Protestant betreut mit zwei Kollegen die Thomasgemeinde in Hausbruch. Und zu dieser gehört St. Gertrud in Altenwerder, allerdings nur organisatorisch und seelsorgerisch. Denn das Grundstück, wie Altenwerder insgesamt, steht im Besitz des Hafenbetreibers HPA, der Hamburg Port Authority. Diese kommt für Unterhalt und Betrieb der Kirche auf. Zwecks weiterer Entwicklung des Hafens könnte zukünftig das Areal Altenwerder-West genutzt werden, der „Vollhöfner Wald“. Befürchtungen, dass auf dem 45 Hektar umfassenden Grüngelände mehr als 20.000 Weiden gefällt werden könnten, sind angeblich nicht aktuell. „Es gibt momentan keine konkreten Planungen zur Erschließung von Gewerbeflächen“, heißt es vonseiten der HPA.

Zusammenhalt und Traditionsbewusstsein

Nach diesem Abstecher zurück in die „St. Gertrudkirch“ nach „Olwarder“, wie Altenwerder vor Ort auf Plattdeutsch heißt. Der Geistliche ist ein fröhlicher, aufgeschlossener Mensch. „Inzwischen verstehen die Leute, warum sie gehen mussten“, weiß er . „Man hat sich mit der Lage arrangiert.“ Dennoch sei nach einer kontroversen Diskussion über eine Balance zwischen Heimat und wirtschaftlicher Entwicklung Schmerz geblieben.

Umso intensiver sind Zusammenhalt und Traditionsbewusstsein – nicht nur beim „Klönschnack Fest“. Was kaum einer in Hamburg weiß: An jedem 2. und 4. Sonntag sowie an hohen Feiertagen werden im ansonsten ausgestorbenen Dorf Altenwerder Gottesdienste zelebriert, 27-mal im Jahr. Die Menschen kommen aus ihren neuen Stadtteilen in die alte Heimat. Zudem stehen jährlich fast 20 Hochzeiten und Taufen an. Guter Sitte zufolge pflanzen die Brautpaare nach der kirchlichen Trauung auf der Wiese backbords des Kirchenportals Apfelbäume. Etwa 60 stehen dort. Sie geben gute Ernte. Leider ist die Fläche begrenzt.

Auch Auswärtige wissen die spezielle Note der einst auf einer Warft erbauten Kirche zu schätzen. „An Heiligabend ist das Gotteshaus mit mehr als 500 Besuchern gefüllt“, berichtet Pastor Dirk Outzen. St. Gertrud bezeichnet er als „Fels in der Brandung“, als Bezugspunkt nicht nur für frühere Anwohner. Den Turm kann man von der Autobahn 7 aus sehen – zwischen Containerbergen und Kränen. Die Särge und Urnen auf dem Friedhof wurden weitgehend umgebettet. Rund 65 Grabstellen blieben vor Ort erhalten. Zuletzt fand Elisabeth Schwartau vor St. Gertrud 2018 ihre letzte Ruhe. Sie galt als „gute Seele“ von Altenwerder, war drei Jahrzehnte Küsterin in der Kirche, eine Institution.

Autohof ist an 365 Tagen im Jahr geöffnet

Auch von dieser Persönlichkeit hat Anneliese Schauberg bei ihren 30 Kirchführungen pro Jahr eine Menge zu erzählen – mal auf Hochdeutsch, mal „op Platt“. Frau Schauberg gleicht einem wandelnden Lexikon. Ihr Elternhaus stand am Altenwerder Kirchweg. Sie weiß vom Abriss, von Sturmfluten, vom Vereinsleben, vom Restaurant Deutsches Haus, vom Kino oder vom immer noch aktiven Förderverein. Und sie zeigt auf alten Postkarten und Fotos, wie wunderschön Altenwerder einst war.„Wohnt hier denn wirklich noch jemand?“, wird sie hin und wieder gefragt. Ja: Bärbel und Bernd Uliczka, die Besitzer und Betreiber des Autohofs am Altenwerder Hauptdeich.

Neben der Tankstelle und Parkplätzen für weit mehr als 100 Lkw wartet mit dem „Trucker Treff“ eine weitere Überraschung. Das 1981 vom Ehepaar Uliczka eröffnete Restaurant ist eine gemütliche Oase inmitten des Container- und Verkehrsgewusels. Beide sind nach wie vor in Altenwerder gemeldet. Sie sind die letzten Einwohner eines ansonsten vom Erdboden getilgten Dorfes. „Altenwerder ist Geschichte“, meint Frau Uliczka bei Kaffee und Cola am Stammtisch ihrer Gastwirtschaft. Nebenan futtern Fernfahrer deftige Kost wie Bauernfrühstück, Eisbein, Rouladen oder Braten.

Der Autohof ist das gesamte Jahr über rund um die Uhr geöffnet, der „Trucker Treff“ täglich bis 23 Uhr und am Wochenende bis 21 Uhr. Bärbel Uliczka, eine gelernte Bankkauffrau, ihre seit 20 Jahren angestellte Kellnerin Karin sowie die seit 32 Jahren engagierte Köchin Rezal berichten von Stammkunden, aber auch von ehemaligen Bürgern Altenwerders, die gelegentlich vorbeischauen. Einige kommen mit dem Fahrrad, auch um die Kirche St. Gertrud anzusteuern.

Es passt ins Bild, dass die 1895 ins­tallierte Turmuhr nach wie vor mit der Hand aufgezogen wird. Einmal in der Woche haben der ehemalige Küster Georg Schindler oder ein anderer ehrenamtlicher Helfer reell zu kurbeln. Ein Stück weiter brütet der Turmfalke. Der Stadtteil Altenwerder ist tot, doch die Kirche lebt. Und wie ...