Harburg
Rätselhafter Fund

Spaziergängerin findet Rhinozeros-Horn im Wald

Der Hamburger Universitäts-Professor Thomas Kaiser im Zoologischen Museum Hamburg mit dem Abguss eines Nashorns. Kaiser leitet die Abteilung Säugetiere im Centrum für Naturkunde.

Der Hamburger Universitäts-Professor Thomas Kaiser im Zoologischen Museum Hamburg mit dem Abguss eines Nashorns. Kaiser leitet die Abteilung Säugetiere im Centrum für Naturkunde.

Foto: Jörg Riefenstahl

Das Horn liegt in Zeitungspapier an der A7. Schwarzmarktwert von mehreren Hunderttausend Euro. Woher kommt das Nashorn?

Harburg. So etwas hat es in Hamburg bisher noch nicht gegeben: Eine Spaziergängerin, die mit ihrem Hund im Hamburger Staatsforst unterwegs war, hat beim Gassigehen ein Rhinozeros-Horn gefunden. Das Horn des Dickhäuters lag – eingewickelt in Zeitungspapier und einen Plastiktüte – am Wildschutzzaun der A 7 in Fahrtrichtung Süden. Die Frau (61) nahm das ungewöhnliche Fundstück mit und ging damit zur Polizei. Dort wird das etwa 45 Zentimeter lange Horn zurzeit kriminaltechnisch untersucht. Die Fachdienststelle für Artenschutz ermittelt. Nashörner sind nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen streng geschützt. Möglicherweise liegt eine Straftat nach dem Bundesnaturschutzgesetz vor.

Haben Diebe das Horn an der A7 aus dem Auto geworfen?

Wie das Horn in das Waldgebiet Haake im Stadtteil Harburg-Eißendorf im Hamburger Süden gelangte, ist unklar. „Die Vermutung liege nahe, dass es aus einem Auto geworfen wurde, möglicherweise, um sich dessen zu entledigen“, sagte Polizeisprecher Daniel Ritterskamp dem Abendblatt. „Aber wir wissen es nicht.“ Es könne ebensogut von einem Fußgänger im Böschungsbereich abgelegt oder weggeworfen worden sein.

Die Fundstelle befindet sich unterhalb einer Brücke über die Autobahn 7. Die Brücke in der Nähe des Ausflugsrestaurants „Zur majestätischen Aussicht“ ist lediglich für Fußgänger, Radfahrer und den forstwirtschaftlichen Verkehr freigegeben. Die Spaziergängerin hatte das Horn um kurz nach 16 Uhr am Nachmittag des 13. März entdeckt. „Sie war darauf aufmerksam geworden, weil sie beim Spazieren mit ihre Hund im Wald auch immer mal wieder Müll einsammelt, der ihr ins Auge springt. Was ja ausgesprochen löblich ist“, sagte der Polizeisprecher.

Dame war sich der Dimension ihres Fundes nicht bewusst

Über die Dimension ihres Fundes war sich die Dame, die anonym bleiben will, indes nicht bewusst: Das Horn des Nashorns ist vor allem im ostasiatischen Raum in Ländern wie China und Vietnam äußerst begehrt. Zu Pulver verarbeitet werden ihm dort potenzsteigernde und medizinische Heilkräfte nachgesagt, wofür es zwar keine wissenschaftlich fundierten Beweise gibt, was aber ungeachtet dessen dazu führt, dass mit dem illegalen Handel des Horns Milliardenumsätze weltweit erzielt werden.

Wilderer bejagen die streng geschützten Tiere. Vor allem in Südafrika, im Krüger Nationalpark werden pro Jahr Schätzungen des WWF zufolge bis zu 1000 Breitmaulnashörner erlegt. International agierende Banden plünderten deutschlandweit Museen auf der Suche nach dem begehrten Horn – auch in Hamburg: Bei einem Einbruch 2011 im Zoologischen Museum ergatterten Diebe „sechs bis sieben Rhinozeros-Hörner“, berichtet der Leiter der Abteilung für Säugetiere im Centrum für Naturkunde der Uni Hamburg, Professor Thomas Kaiser. Von der Beute und den Tätern fehlt bis heute jede Spur.

Der Schwarzmarktwert des Horns richtet sich nach dem Goldpreis. Der Wert des unlängst an der Haake gefundenen Horns wird von Kaiser auf „mindestens 250.000 Euro“ taxiert. Der Preis könne sich rasch verdoppeln, wenn ein Horn dieser Größenordnung – verarbeitet zu Pulver – als heiße Ware nach Vietnam geschmuggelt wird.

Horn war in Abendblatt von 2013 eingewickelt

Woher kommt das Horn von der Haake? Stammt es womöglich aus dem Diebesgut von 2011 im Hamburger Museum? Kaiser hält das für unwahrscheinlich. „Dagegen spricht die Art der Beschädigung des Horns“, sagt der Fachmann. Rätselhaft ist auch die „Verpackung“ des Horns. Am Fundort war es in eine Abendblatt-Wochenendausgabe vom 23. Mai 2013 eingewickelt – mit einem Buchtipp mit dem Titel „Anständig Karriere machen“ vom Autor Martin Wehrle. Reiner Zufall? Oder Täuschung? „Das Horn war durch eine Plastiktüte zusätzlich geschützt. Wenn wir Fingerabdrücke oder DNA auf Papier oder Plastik finden, gehen wir der Sache nach“, sagt der Polizeisprecher.

Platz für Nashorn im Zoologischen Museum

Sobald die kriminaltechnische Untersuchung abgeschlossen ist, wird das Horn von Kaiser im Zentrum für Naturkunde der Universität Hamburg weiter untersucht. „Nach meiner ersten Einschätzung stammt das Horn von einem afrikanischen Breit- oder Spitzmaulnashorn“, sagt der Fachmann. Es könne sowohl aus einer privaten Sammlung stammen. Oder Diebesgut, Schmuggelgut oder auch ein Dachboden- oder Kellerfund, den jemand schnell loswerden wollte. Alles sei möglich.

Massive Beschädigungen am Horn deuteten darauf hin, dass es vermutlich von einer Jagdtrophäe abgebrochen worden sei, so Kaiser. Es sei gut möglich, dass das Horn nach Abschluss der fachmännischen Begutachtung Platz in den Ausstellungsräumen des Zoologischen Museums in Hamburg findet. „Allerdings nur als Abguss“, sagt der Professor. Das Original werde sicher verwahrt – im Magazin des Zentrums für Naturkunde.

Streng geschützt dank Washingtoner Artenschutzabkommen


Nashörner sind vom Aussterben bedroht und nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen streng geschützt. Der Handel mit Nashorn ist strengstens verboten.

Fünf Arten gibt es weltweit: afrikanische Breitmaul- und Spitzmaulnashörner sowie die asiatischen Nashörner wie das Java-, Sumatra- und das Panzernashorn.

Breitmaulnashörner leben vorwiegend in Südafrika. „Pro Jahr erlegen Wilderer im Krüger Nationalpark 1000 Nashörner“, sagt der Leiter für Artenschutz des WWF Deutschland, Arnulf Köhncke.

Nashörner werden auch gezüchtet. Das Horn gleicht in der Konsistenz Fingernägeln (Ceratin) und wächst nach. Umstritten ist, den Verkauf von „gefarmtem“ Nashorn zu legalisieren: Die Kontrolle ist schwierig.

Wer zu Hause Nashorn aus der Kolonialzeit im Familienbesitz hat, darf es behalten. Er darf es aber nicht verkaufen oder außer Landes bringen.