Harburg
Landkreis Harburg

Ambulante Pflege nicht in jedem Ort

Vertreter der Gemeinschaft der ambulanten Pflegedienste (v.l.): Sprecher Nikolaus Lemberg, Gudula Schrön, Inhaberin Pflegedienst Schrön, Andrea Wunder vom Leitungsteam des Ambulanten Hauspflegedienstes (AHD) in Jesteburg und Joachim Meyer, Sprecher AHD. 

Vertreter der Gemeinschaft der ambulanten Pflegedienste (v.l.): Sprecher Nikolaus Lemberg, Gudula Schrön, Inhaberin Pflegedienst Schrön, Andrea Wunder vom Leitungsteam des Ambulanten Hauspflegedienstes (AHD) in Jesteburg und Joachim Meyer, Sprecher AHD. 

Foto: Rolf Zamponi

Fachkräftemangel und zu wenig Geld für die Mitarbeiter: Wie die Politik den Pflegediensten im Landkreis Harburg helfen soll.

Kreis Harburg.  In zumindest 28 Orten im Landkreis Harburg ist die ambulante Pflege derzeit nicht gesichert. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der Gemeinschaft der ambulanten Pflegedienste im Kreis hervor. Zwar handelt es sich um eine Momentaufnahme, die sich täglich ändern kann. Im Grundsatz aber gilt sie. „In den einzelnen Orten mag es landschaftlich idyllisch sein. Aber die Menschen wählen sich die Finger wund, um eine Pflegedienst zu sich nach Hause zu bekommen“, sagte Nikolaus Lemberg, der Sprecher der Gemeinschaft, in der rund 30 Anbieter organisiert sind.

Der Landkreis soll jetzt reagieren. So haben sich die Politiker im Sozialausschuss dafür einsetzt, eine neu zu fassende Resolution an den Städte- und Gemeinde- sowie den Landkreistag weiterzugeben. Ziel des Vorst0ßes: Mehr Geld für die Pflegedienste von Kranken- und Pflegekassen, damit sie ihre Mitarbeiter halten können und sie nicht immer wieder nach Hamburg verlieren. Dort stufen die Kassen Leistungen durchweg höher ein. Arbeitgeber können daher deutlich höhere Löhne zahlen.

Eine Resolution im Kreistag soll die Lage verbessern

Doch mit den gerade für Niedersachsen von den Diensten sowie den Kassen empfohlenen Lohnzuschlag von 2,56 Prozent für 2019 lässt sich der Vorsprung der Hamburger nicht aufholen. „Wir bräuchten einen Zuschlag, der noch über den Abschluss von Verdi mit acht Prozent für 33 Monate liegt“, sagt Lemberg. Hintergrund: Gerade in der ambulanten Pflege liegen die Entgelte ohnehin auf einem niedrigen Niveau. Viele Beschäftigte arbeiten noch dazu in Teilzeit. Wie eng es teilweise ist, zeigt sich schon daran, dass selbst der Beitrag zur gerade eingeführten Pflegekammer schon zu Ausstiegen aus dem Beruf geführt hat. Der Beitrag beträgt bei einem Bruttoeinkommen von 2000 Euro acht Euro.

„Landkreise in der Nachbarschaft von Metropolen wie Hamburg oder Hannover brauchen eine Regelung, um die Vergütungen der Kassen an das Niveau der Großstädte anzupassen“, schlägt Lemberg vor. „Nur so lässt sich das Abwandern von Fachkräften stoppen.“ Denn mit jedem Mitarbeiter, der geht, fällt eine Tour aus und Menschen können zu Hause nicht mehr, nicht häufig genug und nicht zur gewünschten Zeit versorgt werden. „Gerade Orte, die nicht zentral liegen, werden rasch nicht mehr angefahren.“

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt stark an

Dabei steigt die Nachfrage nach Pflege weiter an. So wird nach einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung die Zahl der Pflegebedürftigen von 2013 bis 2030 von 7018 auf 11.272 steigen. Das entspricht einem Plus um mehr als 60 Prozent, während die Zahl der Einwohner nur um 3,5 Prozent auf gut 251.000 zunimmt. „Wir wüssten schon heute, wo sich neue Touren lohnen würden, wenn wir die Mitarbeiter dafür hätten“, versichert Gemeinschafts-Sprecher Lemberg für die Ambulanten Dienste.

Schon im vergangenen Sommer und Herbst hatten die Dienste in zwei Offenen Briefen an Landes- und Bundesminister auf die Misere im Landkreis Harburg aufmerksam gemacht. Die Reaktionen seien „unerfreulich“ gering gewesen. Unzufrieden sind die meist kleinen und mittelständischen Firmen zudem mit den Krankenkassen. „Wir erhalten auf unsere Fragen keine Antworten“, sagt Lemberg. Zwar hatte der Kreis auch Vertreter von Krankenkassen zur Diskussion in den Sozialausschuss nach Winsen geladen. Gekommen war niemand.

Sozialdezernent bedankt sich für Engagement der Dienste

Immerhin stößt der Kurs der Gemeinschaft der Pflegedienste bei der Kreisverwaltung auf positive Resonanz. Sozialdezernent Reiner Kaminski bedankte sich im Ausschuss ausdrücklich dafür, dass nun von dieser Seite „Druck auf die Pflegekassen“ ausgeübt wird. „Es ist nicht selbstverständlich, dass solche Organisationen dieses Problem so in die Öffentlichkeit bringen.“

Bei dem Lob allein wollen es der Sozialdezernent und der Ausschuss-Vorsitzende Klaus-Wilfried Kienert (SPD) jedoch nicht belassen. „Wir wollen jetzt eine Resolution auf den Weg bringen“, sagt Kienert. Gegenreden gab es nicht.

Als erstes soll Kaminski nun einen Text entwerfen, den er mit Lemberg abstimmen will. Danach soll er an die Politiker im Sozialausschuss gehen und am 18. März im nicht öffentlichen Kreisausschuss beraten werden. Läuft alles glatt, könnte noch im Kreistag am 27. März über die Resolution entschieden werden. Der Beschluss muss einstimmig fallen.

Es wäre ein klares Alarmsignal, dass im Landkreis auf die Dauer die Daseinsvorsorge kaum gewährleistet werden könnte. Offen bleibt jedoch, inwieweit die kommunale Kritik im Alltag des Gesundheitswesens gehört werden würde.

Die weißen Flecken bei der Pflege im Landkreis

Menschen, die abseits der Zentren im Landkreis leben, müssen am ehesten fürchten, nur schwer ambulante Pflege zu erhalten. Als weiße Flecken auf der Landkarte hat die Gemeinschaft der ambulanten Pflegedienste in ihrer Umfrage folgende Orte ausgewiesen: Otter, Königsmoor, Wistedt, Dohren, Heidenau, Kampen, Welle, Handeloh, Inzmühlen, Höckel, Wörme, Neddernhof, Dierstorf, Wenzendorf, Appel, Regesbostel, Halvesbostel, Sauensiek, Oldendorf, Mienenbüttel, Rade, Eversen, Döhle, Undeloh, Evendorf, und Handorf/Oldershausen.

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, kann sich täglich wieder verändern.