Harburg
Neu Wulmstorf

Stoppt der Wachtelkönig den Radschnellweg?

So stellt sich die Metropolregion Hamburg den Nahverkehr der Zukunft vor: Die Fahrrad-Autobahn verläuft direkt neben dem Bahn-Gleis.

So stellt sich die Metropolregion Hamburg den Nahverkehr der Zukunft vor: Die Fahrrad-Autobahn verläuft direkt neben dem Bahn-Gleis.

Foto: orange edge

Die mögliche Trasse führt durch ein bestehendes Vogelschutzgebiet. Naturschützer lehnen das ab – obwohl dort auch Züge fahren.

Neu Wulmstorf.  Mit besonderen Radschnellwegen soll in der Metropolregion Hamburg bald ein zügiges Radeln vom Umland in die Kernstadt ermöglicht werden. Die TU Hamburg-Harburg hat bereits grobe Trassen-Korridore ermittelt, aktuell läuft eine Online-Befragung der Bewohner zu möglichen Strecken. Eine könnte von Stade über Buxtehude und Neu Wulmstorf bis Harburg führen – und zwar direkt entlang der S-Bahn. Hier gibt es bereits über weite Strecken Wirtschaftswege und es wäre die direkteste Verbindung abseits vom Straßenverkehr.

Kein Wunder, dass viele Kommentare der online-Befragung gerade diese Verbindung vorschlagen. Und auch die Planer der Metropolregion werben für ihr Radschnellweg-Projekt mit einer Computersimulation, die genau einen solchen Weg direkt an der S-Bahn zeigt. Nur: Schon vor Jahren planten Buxtehude und Neu Wulmstorf dort einen durchgängigen Radweg, der lediglich auf einem etwa 600 Meter langen Abschnitt unterbrochen ist.

Doch weil dieser Weg genau durch das streng geschützte EU-Vogelschutzgebiet „Moore bei Buxtehude“ und mögliche Brutplätze des seltenen Wachtelkönigs führt, lehnen die Naturschutzbehörden in den beiden Landkreisen Harburg und Stade einen solchen Radweg bisher ab – obwohl er eben direkt neben einer viel genutzten Bahnstrecke verläuft.

„Unverständlich und kaum zu vermitteln“, sagt dazu der Neu Wulmstorfer CDU-Landtagsabgeordnete Heiner Schönecke, der mehrfach schon eine Wiederaufnahme der Planungen gefordert hatte. Schönecke setzt dabei nun auf die aktuelle Radschnellweg-Planung in der Metropolregion, die diesen S-Bahn-Radweg nun doch noch ermöglichen könnte. Zumal eben nutzbare Wege dort schon vorhanden sind und sich das Radschnellweg-Konzept hier an der S-Bahn einfach umsetzen ließe.

Tatsächlich prüft das niedersächsische Amt für regionale Landesentwicklung in Lüneburg derzeit, ob für den Radweg nicht eine Ausnahme von den strengen Vogelschutzrichtlinien gemacht werden könnte. Bisher argumentieren die beiden Naturschutzbehörden damit, dass sich genau dort im Bereich des möglichen Radweges ein sehr ruhiger Abschnitt mit besonderer Bedeutung für den streng geschützten Wachtelkönig befindet, der in dem etwa 1289 Hektar großen Moorgebiet von Mai bis Anfang Oktober lebt.

Man sieht den scheuen Vogel allerdings so gut wie nie, Vogelkundler ermitteln die Anzahl anhand seiner charakteristischen Rufe. Zuletzt war dabei allerdings nur noch von zwei nachgewiesenen Brutpaaren die Rede. Und beim Bau eines Radweges sei eben zu befürchten, dass genau durch einen solchen Lückenschluss nicht nur Radfahrer, sondern auch Spaziergänger in diesen eher ruhigen Bereich kommen und so auch andere Querwege anbinden könnten.

Kurzum: Die Naturschützer fürchten, dass ein durchgängiger Radweg dort auch noch die letzten der seltenen Vögel vertreiben könnte. Das Amt für Landesentwicklung, das für die Wirtschaftswege in dem Gebiet zuständig ist, verfolgt nun aber eine andere „Grundstrategie“, wie Dezernatsleiter Bernd Beitzel sagt. Die Idee dabei auf eine Kurzformel gebracht: Wenn man einen Radweg an der Bahn ermöglicht, dafür aber an anderer Stelle weniger Wege für Radfahrer und Spaziergänger bereit hält – dann könnte das Vogelschutzgebiet insgesamt davon auch profitieren. Beitzel: „Man hätte dann sogar einen positiven Effekt, wenn man den Radweg baut.“

Ergebnis einer Umfrage zur Wegenutzung steht noch aus

Ein Jahr lang hatten jetzt Gutachter Besucher dazu in dem Moor befragt, welche Wege sie nutzen. Noch steht das Ergebnis nicht fest, eine Tendenz aber schon: Danach kommen Spaziergänger oder Radfahrer dort eher dezentral vor, will heißen: Manche Anwohner spazieren von der Buxtehuder Seite ins Moor, andere von der Neu Wulmstorfer – es gibt aber selten jemanden, der das ganze Gebiet quasi komplett quert.

In vier bis sechs Wochen rechnet die Lüneburger Landesbehörde nun mit einem Ergebnis der Gutachter. Anschließend müssten die Naturschutzbehörden auf Basis dieser Aussagen dann erneut eine Entscheidung treffen. Ob die dann aber zugunsten des S-Bahn-Radschnellweges ausfällt, ist lange noch nicht abgemacht. „Das kann noch zum großen Problem werden“, sagt der Lüneburger Planer.

Der Wachtelkönig

Der lateinische Name des Wachtelkönigs Crex crex beschreibt den häufigen und lauten Doppelruf des Männchens, der vor allem in der Dämmerung und nachts ertönt. Die bräunliche Ralle ist etwa 25 Zentimeter groß und verbirgt sich in hoher Vegetation. Sie besiedelt feuchtes Grünland sowie Niederungslandschaften. Weil aber diese in Deutschland rar geworden sind, wird der Vogel auf der Roten Liste bedrohter Arten als „stark gefährdet“ eingestuft.


Tatsächlich wurden vor 20 Jahren im Schutzgebiet „Moore bei Buxtehude“ noch rund 24 Wachtelkönig-Paare gezählt.


Der Bestand ist auf zwei bis fünf Paare geschrumpft. Der Vogel hat daher schon mehrfach Planungen stark beeinflusst: So wurde die A26-Trasse etwa näher an den Ort Rübke verlegt, um den Wachtelkönig zu schützen.