Harburg
Salzhausen

Ein Schulgründer geht in den Ruhestand

Schüler und Lehrer des Gymnasiums hatten für Norbert Stüvens Abschied heimlich einen Tanz einstudiert.

Schüler und Lehrer des Gymnasiums hatten für Norbert Stüvens Abschied heimlich einen Tanz einstudiert.

Foto: Foto: Marcel Baukloh / Marcel Baukloh

Norbert Stüven leitete 17 Jahre lang das Gymnasium Salzhausen – am Anfang waren es 188 Schüler, heute sind es 789.

Salzhausen.  Bewegende Momente, viel Lob und Anerkennung für die geleistete Arbeit sowie eine besondere Wertschätzung aller seiner Schüler kennzeichneten die feierliche Verabschiedung von Norbert Stüven in den Ruhestand. 17 Jahre lang hatte der Mitbegründer des Gymnasiums Salzhausen die Schule mit großen Engagement geleitet und gestaltet. Dessen großen Anteil an der Erfolgsgeschichte der Einrichtung hob Landrat Rainer Rempe bei der gut zweistündigen Feierstunde hervor. Als Schule im ländlichen Raum strafe sie mit fast 800 Schülern alle Skeptiker Lügen.

Ellin Nickelsen, Leitende Regierungsschuldirektorin der Niedersächsischen Landesschulbehörde, bezeichnete ihn als „außergewöhnliche Lehrerpersönlichkeit“. Ein Beleg dafür war die besondere Überraschung für den 65-Jährigen einen Tag nach der offiziellen Verabschiedung: Alle 789 Schüler des Gymnasiums und ihre Lehrkräfte versammelten sich vor der Schule und führten einen unter der Leitung der Sportlehrer heimlich einstudierten Tanz von Anna Büning auf. Damit sagten sie ihrem Schulleiter auf besondere Weise „tschüs!“ und wünschten ihm alles Gute. Norbert Stüven selbst blickte „mit Stolz, aber auch mit ein wenig Wehmut“ auf seine „aufregende Zeit“ in Salzhausen zurück .

An die turbulenten Anfänge des ab 2001 maßgeblich von ihm mit aufgebauten Gymnasiums mit reichlich politischem Gegenwind, heißen Debatten, Gerichtsurteilen und einer noch einen Tag vor dem ersten Schultag fehlenden Bauabnahme für das Gebäude erinnerte er sich genau: „Stühle, Tische, Tafeln – das ganze Mobiliar stand auf der Straße am Kreuzweg 33, blockierte den Verkehr“, sagt Norbert Stüven. „Doch wir haben immer eine Lösung gefunden.“

An den Wänden in Stüvens ehemaligen Arbeitszimmer hängen zahlreiche Auszeichnungen und Zertifikate für und über das Gymnasium, die das geschaffene, eigene unverwechselbare Profil dokumentieren: „Umweltschule in Europa“, „Internationale Agenda-21-Schule“, die Schülergenossenschaft „FairSalzen“ oder die Unterstützung des Waisenheims Watoto Wetu in Tansania: die Bildung für nachhaltige Entwicklung ist das Markenzeichen der Schule im Landkreis Harburg geworden. „Das haben wir alle gemeinsam geschaffen, Kollegen, Schüler, Eltern“, sagt Stüven bescheiden. Er hat sich nicht gerne in den Mittelpunkt gestellt.

2001 musste er das – ungeplant. Damals bewarb er sich als Studiendirektor und Oberstufenkoordinator am Johanneum in Lüneburg für die Planungsgruppe für das Gymnasium Salzhausen. „Mich hat es gereizt, an dem Entstehen einer Schule mitzuarbeiten“, sagt Stüven. Aus der im August 2001 begonnenen Mitarbeit wurde fünf Monate später die Berufung zum Leiter der Gruppe. „Das war nicht geplant“, sagt Stüven. Plötzlich war er der Frontmann.

In unzähligen Debatten und Diskussionsrunden warb er für die Gründung der Schule – mit Erfolg. „Ich war mir immer sicher, dass das Gymnasium auch in einem Ort in ländlicher Region mit nur rund 4000 Einwohnern existieren kann.“ Sein Credo: „Jeder Schüler soll das Recht haben, zum nächstmöglich gelegenen Gymnasium zu fahren, frei von kommunalen Gebietsgrenzen.“

Mit 188 Schülern, sieben Klassen und 16 Lehrkräften – so startete Norbert Stüven als kommissarischer Schulleiter seinen Dienst im August 2002. Parallel dazu besaß er aber auch noch seine Stelle am Johanneum. Die damalige Bezirksregierung Lüneburg musste ihn für seinen neuen Posten abordnen. Grund: Das Kultusministerium in Hannover hatte bis zu dem Zeitpunkt über die vorliegende Bewerbung Stüvens keine Entscheidung getroffen. Erst am 1. Februar 2003 wurde er offiziell an das Gymnasium i. E. (im Entstehen) als Schulleiter versetzt.

Seit dem ersten Abiturjahrgang 2007 ist das „i. E.“ gestrichen. Einer der Momente, an den sich Norbert Stüven gerne erinnert. „Damit waren wir endlich ein vollwertiges Gymnasium.“ Heute hat die Einrichtung fast 800 Schüler, 74 Lehrkräfte, ist durchgängig vierzügig besetzt – und aus der Region nicht mehr wegzudenken. 89 Schüler kommen aus dem Landkreis Lüneburg. Der größte Anteil stammt aus Westergellersen (36), gefolgt von Soderstorf (19), Rolfsen (12) und Amelinghausen (8).

Zahlen, die dem Naturwissenschaftler und Informatiker Norbert Stüven gefallen. Er hat Mathematik, Physik und Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg studiert (1975 bis 1981). Schon während seines Studiums erhielt er einen Lehrauftrag am Gymnasium Hittfeld mit bis zu elf Wochenstunden. „Damals herrschte Lehrermangel, so dass ich als Student unterrichten durfte“, sagt Stüven.

Er entwickelte dort aber auch ein Stundenplanunterstützungsprogramm „S1“. Das kam später als Weiterentwicklung auch am Johanneum Lüneburg und in Salzhausen zum Einsatz. Anerkennend verwies Ellin Nickelsen bei der Verabschiedung auf die damit von Stüven ausgelöste „digitale Revolution“. „S1“ ersetzte die von Hand betriebenen Stecktafeln.

Seine erste Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien schloss Stüven erfolgreich 1981 ab, seine zweite 1983. Thema der Hausarbeit vor 38 Jahren: „Computereinsatz im Mathematikunterricht – Aspekte zur Integration eines neuen Mediums in ein altes Schulfach.“ Nach dem Referendariat in Aurich am Ulricianum (1982/1983) wechselte er an das Gymnasium Neu Wulmstorf (1984 bis 1989), von dort aus ans Johanneum Lüneburg (1989 bis 2003).

Eine große Berufung war für Norbert Stüven bei allen seinen Stationen die Förderung mathematisch besonders begabter Mädchen und Jungen. In Salzhausen hätte er gerne den Bundeswettbewerb für Naturwissenschaften mit regelmäßigen Teilnahmen eingeführt. „Das hat sich aber leider nicht realisieren lassen.“

Den Unterricht mit den Schülern wird er vermissen – „auch wenn ich durch die Aufgaben eines Schulleiters nur noch wenig in den Klassen war.“ Mit die schönsten Augenblicke, sagt der 65-Jährige, seien für ihn immer gewesen, wenn Schüler bei einer Problemstellung den Lösungsweg selbst erkannt und seine Ausführung fortgeführt hätten. „Dann war klar, sie haben es verstanden.“

Sein Gymnasium sieht er für die Zukunft sehr gut aufgestellt. Stüven hob in der Feierstunde dabei das große Engagement seiner Kollegen und der Schülerschaft bei den entwickelten Projekten und im Unterricht hervor. „Das gemeinsame Arbeiten im Klassenzimmer entscheidet, ob eine Schule erfolgreich ist.“ Norbert Stüven freut sich trotz „ein wenig Wehmut“ auf seinen Ruhestand. „Mir wird nicht langweilig werden.“

Das Schachspielen, seine große Leidenschaft, will der ehemalige Geschäftsführer des Hamburger Schachverbandes wieder intensivieren, Turniere bestreiten und seine ELO-Wertungszahl von 1420 verbessern. „Ansonsten werde ich als Hausmann tätig sein und für meine Familie beispielsweise kochen.“ Lachend fügt er an: „Das muss ich aber erst noch lernen.“

Wer neuer Schulleiter am Gymnasium Salzhausen wird, ist noch nicht bekannt. Beworben haben sich laut Norbert Stüven auf die ausgeschriebene Stelle zwei Kandidaten. Einer davon ist sein langjähriger Stellvertreter Jens Peter. Er gehört wie Stüven zu den Lehrkräften der ersten Stunde, ist seit 2003 sein Vertreter. Peter wird die Schule ab dem 4. Februar bis zur endgültigen Entscheidung kommissarisch leiten.

Schule ohne Rassismus

Das Gymnasium Salzhausen bezeichnet sich als Schule mit Courage und Schule ohne Rassismus. Im Leitbild der Schule wird formuliert, dass junge Menschen eigenverantwortlich und zugleich gemeinschaftlich in einer Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung darauf hinwirken sollen, eine selbstbewusste Persönlichkeit zu entwickeln und die Gesellschaft konstruktiv und kritisch mitzugestalten.

Zwei Partnerschulen hat das Gymnasium aktuell, eine in der Nähe des französischen Lyon und eine im russischen Sankt Petersburg.

Nachhhaltigkeit spielt für das Schulleben eine wichtige Rolle. Das drückt sich nicht zuletzt in der Zertifizierung als Umweltschule in Europa aus. Russisch kann als dritte Fremdsprache gewählt werden und das Fach Werte und Normen ist sogar als Abiturprüfungsfach möglich.