Harburg
Stadtbild

Harburger nehmen Denkmalschutz besonders wichtig

Dr. Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archälogischen Museums in Harburg vor dem Museum

Dr. Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archälogischen Museums in Harburg vor dem Museum

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Der Erhalt von historischen Gebäuden ist nicht immer einfach. Dennoch gibt es im Bezirk eine Vielzahl gelungener Beispiele.

Harburg.  Von kleinen Schätzen wie das 1937 gebaute ehemalige Toilettenhäuschen am Fuße des Schwarzenbergs über das imposante Rathaus bis zu den großen Industriedenkmälern Phoenix-Werke und New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie: In Harburgs Innenstadt stehen prägnante historische Bauten, die maßgeblich zum heutigen Stadtbild beitragen. Einigen droht der Verfall, andere werden nach wie vor in der ursprünglichen Form genutzt, wieder andere sind umgebaut und teils in moderne Architektur integriert. Ab und an gibt es Streit um den Erhalt von historische Bausubstanz, wie derzeit um die Hilke Likörfabrik am Karnapp. Das führt zu der Frage: Wie schwer hat es der Denkmalschutz in Harburg?

„Denkmalschützer haben es in einer dynamischen Großstadt wie Hamburg sicherlich deutlich schwerer als andernorts, weil hier die Wirtschaftlichkeit eine besonders große Rolle spielt. Das gilt natürlich generell auch für den Bezirk Harburg“, sagt Rainer-Maria Weiss, Direktor des Stadtmuseums Harburg und des Archäologischen Museums Hamburg. Das Bewusstsein für die Belange der Denkmalpflege seien in Harburg allerdings besonders ausgeprägt: „Das liegt sicher daran, dass Harburg durch seine industrielle Prägung sehr viel an historischer Bausubstanz eingebüßt hat.“

Vieles sei im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, so Weiss. Auch der Wiederaufbau und der Bau der S-Bahn haben ihre Schneisen durch das alte Harburg geschlagen. „Wo viel zerstört wurde, haben die Bürger ein besonderes Gespür für den Erhalt des vertrauten Stadtbildes, so dass Denkmalpfleger hier mit breiter Unterstützung bei der Rettung historischer Bauten rechnen dürfen.“

Harburg sei bis 1937 eine selbstständige Stadt gewesen. Diese Stadtgeschichte bilde sich bis heute in wichtigen Baudenkmälern und archäologischen Funden ab, betont Andreas Kellner, Leiter des Hamburger Denkmalschutzamts. „Mit ihnen befindet sich Harburg absolut auf ,Augenhöhe’ mit den anderen Hamburger Bezirken.“ Einige Beispiele seien der Schlosskeller aus dem 14. Jahrhundert, das Bornemannsche Haus an der Harburger Schloßstraße oder „markante Denkmäler aus der Industrie- und Hafengeschichte“.

Bei vielen Bauten sei der Denkmalschutz gut gelungen, so Kellner. Etwa beim Kulturspeicher am Kaufhauskanal: „Dem heutigen Eigentümer ist für die behutsame Sanierung und denkmalverträgliche Nutzung zu danken“, sagt Hamburgs oberster Denkmalschützer an die Adresse von Rolf Lengemann. Der gebürtige Harburger, der heute in Mainz lebt, hat den alten Fachwerkspeicher zu einer kulturellen Spielstätte ausgebaut. Eröffnet wurde sie im Mai 2015.

Auch Rainer-Maria Weiss lobt die „tollen Privatinitiativen wie den Speicher am Kaufhauskanal oder die alte Fischhalle, den Mulchkran oder den Kiosk an der Blohmstraße. Es müssen nicht immer wertvolle Baudenkmäler sein, die von der Bevölkerung wertgeschätzt werden und ein Heimatgefühl erzeugen.“ Alle genannten Beispiele stehen im Binnenhafen. Mit dem alten, einst heruntergekommenen Hafengebiet sei beispielhaft umgegangen worden, sagt Birgit Caumanns von der Geschichtswerkstatt Harburg. Die Stadtplanerin hat dabei Zeitzeugen der Industrie- und Hafengeschichte im Blick wie den Veritasspeicher und das gegenüber liegende Fleethaus.

Der Kampf um das Harburger Schloss ging 1972 verloren

Dennoch musste der Denkmalschutz im Binnenhafen und anderswo auch Niederlagen einstecken. Weiss: „Den Kampf um den Ostflügel des Harburger Schlosses haben die Harburger trotz großen öffentlichen Protests verloren – das Schloss wurde 1972 abgerissen.“ Selbst um den Phoenix-Schornstein sei gekämpft worden, der das letzte wichtige Symbol für die Industriestadt Harburg sei. „Manchmal geht es sogar um Straßenbeläge, wie das Kopfsteinpflaster in der Neuen Straße. Es ist einigen Anwohnern zu laut, aber historisch stimmig“, sagt der Museumsdirektor. „Ein Problemfall ist derzeit die Hilke Likörfabrik.“

Die 1859 erbauten Wohn- und Geschäftshäuser der Spirituosen- und Likörfabrik Louis Hilke am Karnapp 15–16 und die dahinter gelagerte Brennerei bilden eine der ersten fabrikähnlichen Produktionsstätten in Harburg. Vor fast 20 Jahren übernahm Eigentümer Arne Weber mit seinem Unternehmen HC Hagemann die damals schon maroden, mit Hausschwamm besiedelten Gebäude. Bis heute stehen sie leer und verfallen immer mehr. Dabei gäbe es Fördermittel, um das Denkmal zu sanieren.

Im Herbst sammelte die Geschichtswerkstatt Harburg rund 300 Unterschriften für den Erhalt der alten Likörfabrik. Nun steht Hilke auf der Tagesordnung der Sitzung des Hamburger Denkmalrats am 23. Januar. Der Denkmalrat besteht aus zwölf vom Senat ernannten Mitgliedern und berät die Kulturbehörde. „Wir sehen hier dringenden Handlungsbedarf“, sagt auch Andreas Kellner. „Denkmalschutzamt und Bezirk bemühen sich im Gespräch mit dem Eigentümer weiter um die Erhaltung und Sanierung des Gebäude­ensembles.“

Birgit Caumanns ist dies nicht genug. Sie fordert „in der Situation des fortschreitenden Verfalls“ entschlossenes Handeln zumindest des Denkmalschutzamts. Es könne nach einem bestimmten Prozedere durchaus Maßnahmen zur Sicherung der Ge­bäude-substanz ergreifen. Aktuelle Beispiele für dieses Vorgehen seien die „Säulen-Villa“ an der Elbchaussee und die Schilleroper auf St. Pauli. Caumanns: „Politik, Bezirksverwaltung und Denkmalpflege betonen ständig, wie wichtig der Erhalt der Likörfabrik sei, und nichts passiert.“

Die Stadtplanerin betont aber auch, Hilke sei ein negativer Ausreißer: „Generell mögen die Eigentümer ihre Denkmäler und gehen pfleglich damit um.“ Das gelte auch für Arne Weber, der gerade das Bornemannsche Haus sanieren lasse. Webers Initiative ist es zu verdanken, dass der Binnenhafen eine dynamische Entwicklung zu einem modernen Technologiequartier genommen und dabei seinen historischen Charme nicht verloren hat. Weber rettete alte Gebäude wie den Palmspeicher, die Erosbar und die Schmirgelfabrik an der Blohmstraße, heute Firmensitz von HC Hagemann.

Auch jenseits des Binnenhafens gibt es Highlights des Denkmalschutzes. „Ein beeindruckendes Denkmal ist der Harburger Stadtpark. Ferdinand Georg Hölscher hat ihn angelegt und ein schwieriges Gelände mit historischem Außenmühlenteich künstlerisch anspruchsvoll gestaltet“, sagt Kellner. Gut gelungen sei auch das Areal der ehemaligen Phoenix-Werke, „das als wichtiges Dokument der Hamburger Wirtschaftsgeschichte gilt und von dem Teile des Komplexes durch die Sammlung Falckenberg denkmalgerecht genutzt werden“. 

Von vergleichbarer geschichtlicher Bedeutung sei das ehemalige Fabrikareal der New-York Hamburger Gummi-Waaren-Comapgnie. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit Projektentwicklern um die schadstoffbelastete Südfassade sei im vergangenen Jahr eine „grundsätzliche städtebauliche Lösung“ erarbeitet worden. Nach erneutem Eigentümerwechsel müsse nun mit dem neuen Eigentümer über eine Fortschreibung des Konzepts verhandelt werden.

Denkmäler fördern Akzeptanz für Neuerungen im Stadtbild

Stadtentwicklung müsse mit der Erhaltung nicht nur fachlich bedeutsamer, sondern auch für die Bevölkerung vertrauter historischer Prägungen einhergehen, betont Kellner. Denkmalschutz habe gerade in Zeiten schnellen Wachstums „eine besondere Bedeutung für die Akzeptanz von Veränderungen des Stadtbilds. Dies wird durchaus auch von den Stadtplanern so gesehen.“

Unweit vom denkmalgeschützten Harburger Bahnhof, zwischen der Bahntrasse nach Cuxhafen und der Seevestraße, steht ein weiteres historisches Fabrikareal, das der Harburg Freudenberger Maschinenbau GmbH. Das Unternehmen baut sich derzeit einen neuen Produktionsstandort an der Schlachthofstraße – was aus den 1906 und 1910 errichteten Hallen werden wird, ist ungewiss. Vielleicht wird es ein weiteres Vorzeigeobjekt, vielleicht eine Niederlage für den Denkmalschutz in Harburg.