Fahrradtourismus

Harburgs Bahnhof – für Radler nicht geeignet

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Lutz Kastendieck
Einen Reisende wuchtet ihr Fahrrad die Treppe hinauf, weil der Fahrstuhl (im Hintergrund) für ihr Rad zu klein ist.

Einen Reisende wuchtet ihr Fahrrad die Treppe hinauf, weil der Fahrstuhl (im Hintergrund) für ihr Rad zu klein ist.

Foto: Jörg Riefenstahl

Zugreisen sind für passionierte Radler oft mit Strapazen verbunden. Der Bahnhof Harburg hält für sie böse Überraschungen bereit

Buchholz/Harburg.  Glaubt man der Deutschen Bahn, dann hat das bundeseigene Unternehmen den passionierten Radler längst als attraktive Zielgruppe ausgemacht. Werbewirksam wurde Mitte November vergangenen Jahres eine neue Bike+Ride-Offensive verkündet. In Kooperation mit dem Bundesumweltministerium sollen bis Ende 2022 bundesweit 100.000 neue Fahrradstellplätze an Bahnhöfen entstehen. Bernd Koch, Vorsitzender des Vorstands der DB Station&Service AG: „Wir wollen unsere Kunden umweltfreundlich mobil machen.“ Gemeinsames Ziel sei es, den Klimaschutz und die Verkehrswende voranzubringen.

So weit, so gut. Doch was, wenn die Radler ihre Gefährte mit auf die Schiene nehmen wollen? Insbesondere dann, wenn sie Radtouristen sind, die auch an weiter entfernt liegenden Orten gern aufs Auto verzichten, um mit dem Fahrrad aktiv zu sein. Da kann es mit Bike+Ride schnell schwierig werden. Mehr noch: „Da sind Abenteuer garantiert“, sagen Susanne und Peter Becker aus Dibbersen unisono. Am Bahnhof Harburg wird mehr als deutlich, was sie damit meinen.

Das Ehepaar, 61 und 64 Jahre alt, reist gern umweltfreundlich. Deshalb haben sie sich vor einigen Jahren Pedelecs für 2000 und 2500 Euro angeschafft. Die unterstützen das Kurbeln dank Elektroantrieb bis Tempo 25 km/h, bringen dadurch aber auch bis zu 25 Kilogramm Gewicht auf die Waage. „Samt Urlaubsgepäck sogar noch 15 Kilo mehr“, weiß Peter Becker.

Das sei auf der Straße kein Problem. Bei Reisen mit dem Zug aber schon. So wie bei ihrer Neckar-Tour im Spätsommer vergangenen Jahres. Von Buchholz ging es via Bremen und Karlsruhe zur Neckar-Quelle in Schwenningen. Mit dem Metronom nach Bremen läuft alles bestens. Doch so entspannt sollte es nicht bleiben. Im verspäteten Eurocity nach Karlsruhe gab es keinen Fahrradwaggon, sondern nur Halterungen in den Einstiegsbereichen für je zwei Fahrräder. Zu zweit ist ein Pedelec rasch in den Zug gehievt. Doch plötzlich schlossen sich die Türen, während das zweite Rad noch auf dem Bahnsteig stand. Ein umsichtiger Mann schlug Alarm. Daraufhin schnappte sich eine Zugbegleiterin das Velo und brachte es zum übernächsten Waggon.

Das Verstauen der Gefährte barg die nächste Hürde. Denn selbst ohne Gepäck lassen sich Pedelecs nur mit Mühe in den senkrechten Aufhängungen verankern. Wie zum Hohn vernahmen die Beckers dann auf ihrer Tour die Lautsprecherdurchsage: „Aufgrund einer unplanmäßigen Fahrradverladung hat der Zug leider fünf Minuten Verspätung“.

Um sich gegen weitere unliebsame Überraschungen zu wappnen, checkte das Paar bei der Rückfahrt ab Mannheim schon einen Tag vorher die Transportwege am Bahnhof. Zum Glück. „Trotz mehrfacher Nachfragen wegen unzureichender Ausschilderung haben wir erst nach langer Suche jenen Aufzug gefunden, der uns auf den Bahnsteig brachte“, berichtet Susanne Becker.

Am nächsten Morgen ging zunächst alles glatt. Der Intercity hatte einen Fahrradwagen und fuhr durch bis Bremen. Dort waren die Fahrräder zum Ausstieg vorbereitet. Doch als der Zug hielt, ließ sich die Tür nicht öffnen. Hektik machte sich breit. Während Peter Becker das Gepäck durchs Fenster reichte, bugsierten hilfsbereite Mitreisende die Fahrräder durch das 1. Klasse-Abteil zu einer anderen Tür.

Bahnhof erhielt 2012 und 2015 vier neue Fahrstühle

Doch nicht nur in den Zügen bleibt der Service für Radtouristen oft überschaubar. Auch auf den Bahnhöfen. Wer dort beim Umsteigen auf einen anderen Bahnsteig wechseln muss, ist nicht selten auf eigene Muskelkraft und/oder fremde Hilfe angewiesen um Auf- und Abgänge zu überwinden.

Ein prägnantes Beispiel dafür ist der Bahnhof Harburg. Der wurde zwar 2012 und 2015 mit vier neuen Fahrstühlen ausgestattet. Wegen ihrer dürftigen Größe sind sie für den Transport von Fahrrädern aber nicht geeignet. „Wir sind grundsätzlich verpflichtet, die Bahnhöfe entsprechend geltender Vorschriften barrierefrei zu gestalten. Dies wird nach geltenden Vorgaben durch einen Aufzug mit einer Grundfläche von 1,1 mal 1,4 Metern erreicht. Damit können zwar Rollstühle, aber keine Fahrräder transportiert werden“, teilt eine Bahnsprecherin mit. Pedelecs mit Zuladung folglich schon gar nicht.

Als die Beckers mit ihren Pedelecs unlängst unterwegs nach Cuxhaven waren, ließen sie Harburg lieber gleich links liegen. „Weil der Metronom nach Cuxhaven ohnehin am Hauptbahnhof startet und es sich dort leichter umsteigen lässt, sind wir bis dorthin gefahren“, so Peter Becker. Doch auf dem richtigen Bahnsteig angelangt, erschallte folgende Durchsage: „Der Metronom nach Cuxhaven fährt heute ab Harburg!“

5400 Bahnhöfe für den Personenverkehr betreibt die DB Station&Service AG.

3000 Züge hat DB Regio bundesweit im Einsatz. Sie verfügen im Schnitt über 10 Fahrradstellplätze pro Zug.

Zwei Räder dürfen in S-Bahnen und Zügen des Regionalverkehrs im Türraum stehen. Zudem gibt es weitere gesonderte Bereiche für Fahrräder.

Im Fernverkehr stehen in vielen Intercity (IC)- und Eurocity (EC)-Zügen spezielle Fahrradabteile im Steuerwagen oder Großraumwagen zur Verfügung. Seit Einführung der ICE-4-Flotte ist auch in diesen Zügen eine Fahrradmitnahme möglich.

Im Metronom sieht das ganz anders aus: Die Züge verfügen in der Regel über Fahrradwagen, in denen mehr als 40 Fahrräder Platz finden. Anders als im Stadtverkehr gibt es im Metronom keine Sperrzeiten für Fahrräder. Nötig ist eine Fahrrad-Fahrkarte.

( luka )

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