Technikgeschichte

Buxtehuder holt alte S-Bahn ins Museum

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Axel Tiedemann
Der historische Zug (hier beim Hauptbahnhof) stand jahrelang in einem unterirdischen Depot am Rathaus Harburg

Der historische Zug (hier beim Hauptbahnhof) stand jahrelang in einem unterirdischen Depot am Rathaus Harburg

Foto: Quadejacob / HA

Als Schüler war Lars Quadejacob fasziniert von der Baureihe. Für das Deutsche Technikmuseum sicherte er den letzten Zug.

Buxtehude/Berlin.  Was für ein ungewöhnlicher Zug dies wohl ist? Diese Frage beschäftigte ihn schon als Jugendlicher, wenn er von Neugraben aus mit der S-Bahn weiter nach Hamburg fuhr und wieder einmal in einen dieser etwas älteren Bahnzüge stieg, die bis in die 90er Jahre gelegentlich auch noch auf dieser Strecke eingesetzt wurden: Blau-beige Wagen der Baureihe 471 , die schon Ende der 1930er Jahre durch Hamburg gerollt waren. „Die Fenster hatten zum Beispiel keine Gummidichtungen wie sonst, sondern Metallrahmen, das hat mich interessiert, ich wollte wissen warum“, sagt der heute 50-jährige Lars Quadejacob, der damals Schüler auf dem Buxtehuder Gymnasium war.

Was er da noch nicht ahnen konnte: Dieses Interesse führte schließlich in diesen Tagen dazu, dass der letzte Hamburger Zug dieser Baureihe in einigen Wochen zum Deutsche Technikmuseum nach Berlin transportiert wird. Dort ist Quadejacob heute Leiter der Abteilung Landverkehr, als Kurator organisiert er Ausstellungen zu historischen Eisenbahnen oder auch Kraftfahrzeugen. Ein Karriereschritt, der seinen Ausgang auch durch diese besondere Baureihe und das Interesse des damaligen Gymnasiasten daran hatte.

Alte S-Bahnen stammen aus den 30er-Jahren

Seinerzeit schon fand Quadejacob heraus, dass diese alten Hamburger S-Bahnen eigentlich aus den 30er Jahren stammen, damals als modernste S-Bahnzüge der Welt galten und sich in Bauweise und Design am damaligen Flugzeugbau orientierten. Eine geschweißte Stahlbauweise machte sie leichter und dennoch stabiler im Gegensatz zu älteren, genieteten Konstruktionen. Und erstmals wurde Bremsenergie in das Stromnetz zurückgespeist - ein technischer Vorgang, der immer noch als besonders nachhaltig gilt.

In den 1950er Jahren ließ die Hamburger S-Bahn sogar weitere Exemplare unverändert nachbauen. Fast 62 Jahre lang war diese Baureihe neben neueren Züge daher auf dem Streckennetz der Hansestadt präsent - während andere Typen in etwa der Hälfte der Zeit ausgemustert werden, wie Quadejacob erläutert. Die Baureihe 471 gilt damit als eine der langlebigsten auf deutschen Schienen.

Züge waren bis 2004 im Einsatz

Erst 2004 wurde der letzte dieser Hamburger Züge außer Dienst gestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Buxtehuder sein Interesse für Schienenfahrzeuge und Industrie-Design längst weiter zum Beruf ausgebaut. Er hatte nach dem Abitur Kulturwissenschaft studiert und wurde schließlich in Stuttgart Chefredakteur einer Fachzeitschrift, die sich mit Architektur aber eben auch dem Design von technischen Dingen beschäftigt.

Quadejacob recherchierte auch in dieser Zeit immer einmal weiter zu diesem ungewöhnlichen Hamburger Zug und anderen historischen Schienenfahrzeugen. Dabei stieß er etwa auf Beiträge des seinerzeit verantwortlichen Ingenieurs, der mitten in der Nazizeit das ungewöhnlich moderne und in der NS-Diktatur verfemte Design verteidigte, sich „dabei aber ziemlich verbiegen musste“, wie Quadejacob sagt. Vom „germanischen Formwillen“, war dann zu lesen, um von der neuen Konstruktion zu überzeugen. Auch so etwas gehört zur Technikgeschichte, sagt Quadejacob, der 2016 zu dem Berliner Museum wechselte, als dort sein Traumjob frei wurde.

Und dann kam das Angebot aus Hamburg, das praktisch an den Beginn seiner Leidenschaft für alte Schienfahrzeuge anknüpft. Der Zug 471 062 war genau jener Zug, der noch bis 2004 im Einsatz gewesen war. Er parkte nach Recherchen Quadejacobs eine Zeit lang auf einem unterirdischen Gleis am Bahnhof Harburg, später dann auf einem Abstellgleis am Hamburger Hauptbahnhof, wo er ehrenamtlich vom Verein Historische S-Bahn gepflegt wurde. Den Endwagen mit seinen Stirnleuchten im Stil der 30er Jahre hat nun das Berliner Museum übernommen, nachdem das Gleis geräumt werden sollte.

Derzeit werden im S-Bahn-Werk in Ohlsdorf die Witterungsspuren der letzten Jahren beseitigt, dann soll dieser besondere Hamburger S-Bahnzug im Februar auf seine letzte Reise in die Hauptstadt gehen, „Für uns zeigt der Hamburger S-Bahn-Triebwagen vor allem, wie langlebig Eisenbahnfahrzeuge sein können“, sagt Quadejacob. Ohne Hilfe der S-Bahn und des Vereins in Hamburg aber wäre dieses „bedeutende Fahrzeug den Weg jeglichen alten Eisen gegangen“, wie er glaubt. Und wer weiß - ohne die Neugierde des damals jungen Quadejacob vielleicht auch.

Das Deutsche Technikmuseum

Das Deutsche Technikmuseumist nach eigenen Angaben das nach der Museumsinsel besucherstärkste Museum in der deutschen Hauptstadt.


2017 wurden 640.000 Besucher gezählt, davon etwa die Hälfte aus dem Ausland. In insgesamt 14 Ausstellungsabteilungen des 1982 eröffneten Hauses sind dort viele Objekte aus der Verkehrs-, Kommunikations-, Produktions- und Energietechnik zu sehen.


Zu der Sammlung gehören beispielsweise mehr als 60 originale Schienfahrzeuge aus den Jahren 1843 bis 1975. Darunter nun bald auch der Hamburger S-Bahn-Triebwagen 471 462-2.Der Verein Historische S-Bahn Hamburg wurde 1999 gegründet.


Vereinszweck ist der Erhalt und Betrieb historischer Züge. Regelmäßig bietet der Verein auch Sonderfahrten mit historischen Fahrzeugen an.


Infos im Internet unter: https://historische-s-bahn.hamburg/

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