Harburg
Dibbersen

Ein kleines Blatt fördert die Nachbarschaft

Die WIR-Redaktion plant die Weihnachtsausgabe (v.l.): Peter und Susanne Becker, Wilhelm Pohler, Bernhard Schönhofen.

Die WIR-Redaktion plant die Weihnachtsausgabe (v.l.): Peter und Susanne Becker, Wilhelm Pohler, Bernhard Schönhofen.

Foto: Lutz Kastendieck

Das Dorfmagazin „WIR“ in der Doppelgemeinde Dibbersen und Dangersen vor den Toren von Buchholz peilt 2019 seine 110. Ausgabe an.

Buchholz.  Von wegen große Krise der Printmedien. Im Doppeldorf Dibbersen und Dangersen nördlich von Buchholz gehen die Uhren offenbar anders. Jedenfalls was den Wert des gedruckten Wortes angeht. Im kommenden Jahr soll dort die 110. Ausgabe des Dorfmagazins „WIR“ erscheinen. Von Aufgabe ist keine Rede. Eher von einer Erfolgsgeschichte, deren Ende längst noch nicht absehbar ist.

„Dass wir 2019 in den 27. Jahrgang durchstarten, spricht schon für eine Kontinuität, wie sie viele Publikationen in der freien Zeitungslandschaft längst nicht mehr erreichen“, sagt Bernhard O. Schönhofen, seit 2002 festes Redaktionsmitglied. Erst recht in diesen bewegten Zeiten, in denen das Internet immer mächtiger werde. Und anscheinend alles erdrücke, was nicht digital publiziert werde.

Die „WIR“ aber widersetzt sich trotzig dem Trend. Als Nachbarschaftsforum, als Sprachrohr der Bürger, als Ortschronik. „Vor allem aber als Medium zum Blättern“, sagt Susanne Becker, einzige Frau im fünfköpfigen Redaktionsteam und seit Ausgabe 6 dabei. Natürlich habe man auch mal über eine Online-Version nachgedacht. Das Gros der Leser wolle die WIR aber handfest als Hardcover. „Weil nicht wenige unser Heft auch sammeln und archivieren“, weiß die Krankenschwester.

Urheber waren derweil keine Alteingesessenen, sondern Zugezogene: Carola und Volker Volbeding. Das Paar war im Dezember 1988 aus Hamburg nach Dibbersen gezogen. „Das rege Vereinsleben im Ort hat uns fasziniert“, so Carola Volbeding. Nur habe es nirgends eine aktuelle Übersicht gegeben, was es da so alles gebe und wann die nächsten Veranstaltungen anstünden.

Ein Dutzend Vereine gab es Anfang der 1990er-Jahre im rund 1000 Einwohner zählenden Doppeldorf. Die Freiwillige Feuerwehr samt Jugendfeuerwehr und Jugendrotkreuz, zwei Sparclubs, den Stoppelfeld Rennclub, den Schützenverein, die Volksmusikgruppe Möhlenbarg-Muskanten, einen Spielmannszug, einen Männergesangsverein und einen Frauenchor, zeitweilig sogar einen Alphornverein, später auch noch einen Mühlenverein.

Volker Volbeding: „Um alle Dorfbewohner über die vielfältigen Aktivitäten dieser verschiedenen Gruppen zu informieren, kamen wir auf die Idee einer Dorfzeitung. Außerdem sollten alle Neuankömmlinge und Gäste erfahren, in welch großartigem Dorf sie sich gerade befinden.“

In Heinrich Frommann, seinerzeit Chef des gleichnamigen Landhotels, fanden die Volbedings den ersten wichtigen Mitstreiter. Der organisierte schon bald eine Sitzung aller Vereine und Gruppen. Wenige Wochen später, im August 1992, erschien dann die erste Ausgabe der „WIR“.

„Ihre Erscheinungsweise orientiert sich im Grunde an den regelmäßig stattfindenden Festen im Ort wie Faslam, Schützenfest, Dorffest und natürlich Weihnachten. Womit im Jahr vier Ausgaben erscheinen“, berichtet Peter Becker. Als Ortsbrandmeister gehörte er damals zu jenen Vereinsvertretern, die bei der „Herausgeberversammlung“ die Gründung der Dorfzeitung beschlossen. Von der ersten Ausgabe an verfasste er dann auch viele Artikel und gehört seit August 2000 zum Redaktionsteam.

Im persönlich ergreifendsten Beitrag berichtete er von einem Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr im Dezember 1993 auf der A 1, als bei einem schweren Unfall zwei Pkw-Insassen verbrannten. Die „WIR“ wurde indes auch zur Chronistin des langen Weges zur Verlegung der B 75, die bis 2014 mitten durch Dibbersen führte sowie zur Debatte über das Kriegerdenkmal im Ortskern und dessen korrekte Bezeichnung.

„Wir sind der lebendige Beweis, wie wichtig den Menschen sublokale Nachrichten noch immer sind. Von der Diskussion über die richtige Platzierung der Altglascontainer über den Neubau der Kita Rappelkiste bis zur Ausweisung neuer Bauplätze“, sagt Wilhelm Pohler, seit 2008 Redaktionsmitglied und Wächter über die Finanzen.

Die übrigens waren zu keiner Zeit ein ernsthaftes Problem. Kamen anfangs noch die Vereine für Druck und Papier auf, so fanden sich schon bald treue Anzeigenkunden wie die Aral-Tankstelle und McDonalds im Ort, Edeka Meyer in Nenndorf und viele Jahre auch die Sparkasse Harburg-Buxtehude. „Eine aktive Akquise ist faktisch nicht mehr nötig, die meisten Kunden fragen inzwischen selbst nach, ob wir ihre Anzeige veröffentlichen“, sagt Pohler.

„Die WIR ist längst zu einem unverzichtbaren kulturellen Bestandteil unserer Dörfer geworden“, sagt Ortsbürgermeister Christian Horend (CDU) nicht ohne Stolz. Als viel beachtete und sehr informative Dorfzeitung habe sie Maßstäbe gesetzt: „Für mich ist sie ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Ortes weit über Buchholz hinaus.“