Harburg
Stelle

Hügelgrab soll Aldi-Zentrallager weichen

Foto: ALDI Nord / HA

Die Gemeinde Stelle arbeitet derzeit am Antrag für eine Ausnahme vom Denkmalschutz.

Stelle.  Obwohl derzeit nach außen hin wenig passiert, zieht das geplante Aldi-Zentrallager in der Gemeinde Stelle weitere Kreise. Dabei kristallisiert sich eine Sache immer mehr zum Dreh- und Angelpunkt des gesamten Vorhabens heraus: das Hügelgrab inmitten des Ackers. Wie berichtet, müsste das Grab für das 42.500 Quadratmeter große Aldi-Gebäude weichen, was laut Kreisbodendenkmalpfleger Jochen Brandt aufgrund der Bedeutsamkeit des Bodendenkmals nicht genehmigungsfähig ist.

Doch das Denkmalschutzgesetz sieht eine Ausnahmeregelung vor, an der die Gemeinde Stelle als offizielle Antragsstellerin des Vorhabens derzeit arbeitet. Wenn nachweisbar ist, dass der öffentliche Nutzen einer Ansiedlung Aldis höher wiegt als der Erhalt des Hügelgrabs, darf es zerstört werden.

Die Gemeinde ist momentan dabei, die Unterlagen für diese Ausnahmegenehmigung zusammenzutragen. Dazu hat sie unter anderem mit Jochen Brandt besprochen, welche formalen Voraussetzungen es dafür zu erfüllen gilt. „Eigentlich wollten wir bereits vor Weihnachten den Antrag stellen, doch es wird etwas länger dauern“, erklärt Stelles Bauamtsleiter Uwe Gundlach. Er geht davon aus, dass bis zum Frühjahr eine Entscheidung getroffen sein wird, ob das Grab zerstört werden darf.

Bis dahin soll auch die erneute öffentliche Auslegung des Bebauungsplan-Entwurfs – was nötig war, da es einige Änderungen gab – und darauffolgend die Auswertung der Stellungnahmen sowie die Auswertung der rund 100 bereits abgegebenen Stellungnahmen zur ersten öffentlichen Auslegung abgearbeitet sein. Das heißt, dass im Frühjahr abschließend Klarheit darüber herrschen wird, ob Aldi sein Lager wie geplant errichten darf oder nicht. „Wir wollten nicht alles häppchenweise entscheiden“, sagt Gundlach.

Alle Augen ruhen dabei vor allem auf Jochen Brandt. Er muss am Ende auf Grundlage der eingereichten Unterlagen entscheiden, ob das Hügelgrab zerstört werden darf. Die Bedeutsamkeit seiner Entscheidung lässt sich auch daran ablesen, dass er zum ersten Mal in seiner 13-jährigen Amtszeit als Kreisbodendenkmalpfleger eine Nachfrage aus der übergeordneten oberen Denkmalschutzbehörde, dem Wissenschaftsministerium in Hannover, erhalten hat. Steller Bürger, die gegen die Aldi-Pläne kämpfen, hatten sich an das Ministerium gewandt.

„Es gab eine fachaufsichtliche Überprüfung, die ergeben hat, dass die Entscheidung allein in der Zuständigkeit der unteren Denkmalschutzbehörde liegt“, erklärt Katharina Graef, Pressesprecherin des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, auf Abendblatt-Nachfrage. Nur wenn sich herausstellen sollte, dass die Entscheidung rechtswidrig ist, könne sie revidiert werden. Brandt kann also eigenständig entscheiden.

Auf die Frage, welche Argumente eine Zerstörung des Denkmals rechtfertigen würden, hält sich das Ministerium jedoch bedeckt und nennt keine konkreten Gründe, sondern führt nur das dafür nachzuweisende „öffentliche Interesse“ an. Auch Aldi will auf Nachfrage keine konkreten Gründe, die für eine Zerstörung des Hügelgrabs sprechen könnten, nennen. „In diesem Zusammenhang möchten wir auf die derzeit laufenden Abstimmungsprozesse zwischen der Gemeinde Stelle und der Unteren Denkmalschutzbehörde hinweisen“, sagt Pressesprecher Manuel Sentker.

Ein Verbleib am bisherigen Standort in Ohlendorf oder eine Alternativfläche an einem anderen Ort scheint jedenfalls keine Option zu sein. „Von unserer Seite aus können wir mitteilen, dass wir uns auf die Planungen an dem Standort in Stelle konzentrieren“, so Sentker weiter. Man geht also offensichtlich davon aus, dass sich die Sache schon zu Gunsten von Aldi erledigen wird – zumal dem Unternehmen von Anfang an über den gültigen Flächennutzungsplan bekannt war, dass sich das Hügelgrab auf der ausgewählten Fläche befindet.

Aldi verweist vielmehr auf seine Bemühungen, im Planungsprozess auf die Hinweise der Steller Bürger und Politiker einzugehen. Unter anderem sei der geplante Baukörper gedreht worden, damit die Anlieferung von der ortsabgewandten Seite erfolge und die Geräuschentwicklung zur Ortsseite reduziert werde, erklärt Sentker. Zudem setzt sich Aldi für ein Durchfahrtsverbot für Lkw über 7,5 Tonnen auf den Kreisstraßen K 22 und K 86 ein.

Darüber hinaus sollen Lkw-Fahrer die Anweisung erhalten, ausschließlich die Auf- und Abfahrt Maschen zu nutzen. Entsprechende Hinweisschilder in mehreren Sprachen sollen aufgestellt und Flyer verteilt werden. „Wir möchten ein klares Signal senden, um die Situation im Sinne der Steller Bürger zu optimieren“, erklärt Dino Lo Giudice, Geschäftsführer der Aldi Nord Regionalgesellschaft Seevetal.

Schützenswert

Das Hügelgrab auf dem Acker zwischen dem Steller Bardenweg und der Harburger Straße wurde zum ersten Mal im „Preußischen Messtischblatt“ verlässlich genannt, wie Kreisbodendenkmalpfleger Jochen Brandt erklärt. Das war vor 120 Jahren.

Vor etwa 100 Jahren ist dann ein Teil des Hügelgrabs abgegraben worden. Der Steller Sportverein hatte an dem Standort eine kleine Unterkunft errichtet.

Kreisbodendenkmalpfleger Jochen Brandt geht davon aus, dass das Grab aus der Bronzezeit, also 1800 bis 1300 vor Christus, stammt. In diesem Grab befinden sich vermutlich eine Art Bett für einen Baumsarg und Grabbeigaben.

Auch Urnen könnte man später hinzugefügt haben. Was sich wirklich darin befindet, würde man erst dann wissen, wenn das Grab zerstört ist.

KOMMENTAR

Welchen Sinn hat der

Denkmalschutz?

Es ist offensichtlich, dass Aldi bei den Planungen für das Zentrallager in Stelle eine neue, offenere Kommunikationsstrategie wählt. Plötzlich gibt es von dem Unternehmen, das früher für seine große Verschwiegenheit bekannt war, Pressemitteilungen und Erklärungen. Auch, dass Aldi Zugeständnisse an die Steller Bürger macht und sich etwa für Lkw-Durchfahrtsverbote durch den Ort einsetzt, ist ein positives Signal.

Doch all das lenkt eigentlich nur vom Kern des Problems ab, das den Namen „Hügelgrab“ trägt. Der Kreisbodendenkmalpfleger hat eindeutig erklärt, dass sich auf der von Aldi ausgewählten Fläche ein historisch so wertvolles Hügelgrab befindet, dass es nicht zerstört werden darf. Damit müsste die Diskussion um den Standort eigentlich beendet sein. Dass das aber offensichtlich nicht der Fall ist, ist das eigentlich Erschreckende.

Stattdessen wird das Bodendenkmal nur zur Masse in einem Abwägungsprozess, an dessem Ende sowieso herauskommt, dass es doch wegkann – zumindest lassen sich so die Aussagen Aldis interpretieren, sich voll auf den Standort in Stelle zu konzentrieren. Es stellt sich die Frage, welchen Sinn der Denkmalschutz hat, wenn er im Zweifelsfall das Denkmal eben nicht schützen kann.