Harburg
Sinstorf

Bei Schitteks gibt es 53.000 Fliesensorten

Felix (l.) und Jan Schittek stehen in einem der  Musterräume, in denen einzelne Exemplare der eingelagerten Fliesen vorgehalten werden.

Felix (l.) und Jan Schittek stehen in einem der  Musterräume, in denen einzelne Exemplare der eingelagerten Fliesen vorgehalten werden.

Foto: Angelika Hillmer / HA

In Sinstorf betreiben die Brüder Felix und Jan ein stetig wachsendes Lager. Die ältesten Stücke sind schon mehr als 100 Jahre alt.

Sinstorf.  Sie heißen Chamonix weiß glänzend, Prestige Khaki oder Zurigo grau matt – und gehören zu einer Fliesenauswahl, die deutschlandweit ihresgleichen sucht: Rund 53.000 Sorten warten im Lager des Fliesenhandels Schittek darauf, zum begehrten Ersatzobjekt für Ausbesserungs- und Reparaturarbeiten in Bad, Küche oder Windfang zu werden. Die ältesten sind mehr als 100 Jahre alt, die jüngsten noch im Handel erhältlich. Noch. Wenn sie dort nicht mehr zu haben sind und die Kundschaft privat keine Reste aufbewahrt hat, schlägt die Stunde von Jan und Felix Schittek.

Die beiden Brüder haben vor vier Jahren das Geschäft ihres Vaters Konrad übernommen und bauen es ständig weiter aus. „Wir lagern jeden Arbeitstag um die 30 neue Muster ein“, sagt Jan Schittek. Historische Fliesen seien dabei eher selten, „die bekommen wir nur, wenn ein aufmerksamer Handwerker ihren Wert erkennt und sie bei Abbrucharbeiten rettet“.

Solche Raritäten laufen eher am Rande mit oder bestücken das hauseigene Fliesenmuseum. Denn das eigentliche Geschäft der Schitteks besteht darin, Alltagsfliesen der vergangenen Jahrzehnte für Reparaturarbeiten vorzuhalten. „Das spart dem Haus- oder Wohnungseigentümer Geld und ist gleichzeitig nachhaltig, weil nicht gleich ein ganzes Bad neu gefliest werden muss, wenn zum Beispiel Armaturen, Wasch- oder Duschbecken ausgetauscht werden.“

Am häufigsten kommen Kunden, die nach einem Wasserschaden Ersatzfliesen brauchen, sagen die Brüder. Alle 30 Sekunden ereigne sich in Deutschland ein Wasserschaden. Rund 30 Menschen schauen pro Tag im Betrieb am Winsener Stieg vorbei und bringen eine mehr oder weniger intakte Musterfliese mit, in der Hoffnung, dass genau diese Sorte in Sinstorf eingelagert ist.

Lars Schubert oder ein Kollege greift sich das Exemplar und geht mit ihm zur Fliesenkartei. Sie ist das Rückgrat des Betriebs: Geordnet nach Formaten, Farben, Mustern und Oberflächenbeschaffenheit (glänzend, matt, strukturiert, gekörnt, gewellt, mit Relief) liegen die Repräsentanten des umfangreichen Lagerbestands auf riesigen Tischen, in Reihen geordnet.

Wenn es richtig gut läuft, wird Schubert schon nach wenigen Sekunden fündig. Manchmal sucht er aber auch zehn Minuten oder länger. „Im Schnitt sind es zwei, drei Minuten“, sagt der „Fliesendetektiv“ und betont: „Aufgeben kommt nicht in Frage. Wenn wir die gesuchte Fliese tatsächlich nicht haben, dann biete ich dem Kunden einen sehr ähnlichen Ersatz an.“ Die Fliesen werden zum Quadratmeterpreis von 250 Euro verkauft. Die einzelne Kachel im Format 15 mal 15 Zentimeter kostet keine zehn Euro, für ein 30 mal 30 Zentimeter großes Exemplar sind rund 25 Euro fällig.

„Das klingt erst einmal teuer, aber wenn dadurch der Raum nicht neu gefliest werden muss, lässt sich mit unseren Reparaturfliesen viel Geld sparen“, sagt Felix Schittek. „Wir hatten mal ein Hotel, das in sämtlichen Badezimmern nachträglich Haarföhne eingebaut hat. Es brauchte pro Bad zwei Fliesen. Wir konnten sie liefern. Der Rechnungsbetrag war vierstellig – hätten alle Bäder neu gefliest werden müssen, wäre das in die Millionen gegangen.“

Mehr noch als an Abholer verkaufen Jan (36) und Felix (37) Schittek per Versand. „Täglich versenden wir Pakete an rund 100 Adressen“, sagt der Ältere, „2017 waren es insgesamt um die 24.000 Sendungen.“ Fast ebenso viele Päckchen mit Kundenanfragen mussten zuvor ausgepackt werden – auch im Versand werden Muster der gesuchten Kacheln gebraucht, um treffsicher die richtige Sorte aus dem Bestand zu fischen. Dabei reiche ein Stück Fliese in Größe eines Bierdeckels aus, so Schittek. „Wir versenden an Kunden in ganz Deutschland und vereinzelt auch in die Nachbarländer“, ergänzt Jan Schittek. Die weiteste Reise traten Fliesen für einen Besteller in den USA an.

Um auf dem Laufenden zu bleiben, kaufen die Brüder ständig neue Fliesensorten zu. Auch Lieferungen von Privatleuten sind willkommen. Wer im Keller oder Schuppen noch Restbestände von Fliesen hat, die längst ersetzt wurden, kann diese bei Schitteks abgeben und erhält dafür eine kleine Aufwandsentschädigung. Obwohl der Regalplatz gerade mal wieder knapp wird.

2007 war das Familienunternehmen an den heutigen Standort gezogen, um sich mehr Platz zu verschaffen. Damals wurde in zwei großen Hallen, die zusammen knapp 8000 Paletten Material fassen, keine 3000 Paletten eingelagert. Heute sind es rund 7500 Paletten, und jedes Jahr kommen etwa 500 hinzu.

Es ist also absehbar, dass es bei den Schitteks im Laufe des kommenden Jahres erneut eng wird. „Die Wirtschaftsförderung hat uns zum Glück eine angrenzende Fläche zur Verfügung gestellt. Dort wollen wir eine Halle bauen, die noch größer ist als unsere aktuell größte Halle, die 5000 Paletten fasst“, sagt Jan Schittek.

Sie hätten sich schon Gedanken gemacht, wie sie den Betrieb in die Zukunft führen – „wir sind ja noch einige Jahre im Geschäft“, sagt Felix Schittek. „Die Fliesen werden immer größer. Aufgrund der modernen Tintenstrahltechnik werden mehr Muster gefertigt und diese in kürzeren Zeiträumen gewechselt.“ Aber irgendwann einmal den Ankauf zu stoppen, daran denken die Brüder nicht. „Wenn man erst einmal aufhört, dann verliert man den Anschluss.“

Wenn die beiden Chefs im Restaurant essen gehen oder bei Freunden sind, dann schauen sie sich in Bädern oder Küchen immer zuerst die Fliesen an. „Oft sag’ ich mir dann. Ach, guck mal, die kenne ich doch“, sagt Jan Schittek. Die Brüder und ihre 15 Mitarbeiter freuen sich über jeden Flieseninteressenten, der zu ihnen kommt.

Auf unserem Rundgang durch das kleine Museum im ersten Stockwerk des Bürogebäudes sagt Jan Schittek: „Schreiben Sie ruhig, dass die Leute auch einfach nur so vorbeikommen können, um unser Fliesenmuseum anzuschauen.“ Sein Bruder ergänzt: „...und dann vielleicht gleich ein paar Fliesen mitbringen.“

Alles hat vor 40 Jahren begonnen

1978 gründete Konrad Schittek eine Fliesenmanufaktur in Hamburg-Altona. Er bemalte handgefertigte Fliesen in alter Tradition und fertigte auch Reproduktionen an, um alte historische Fliesenbestände zu reparieren. Eine viel gelesene Bau- und Wohnzeitschrift berichtete fälschlicherweise, dass in der Werkstatt jede Fliese auf Wunsch nachgemacht werden könne. Darauf mehrten sich Anfragen von Handwerkern und Versicherungen nach nicht mehr erhältlichen Fliesen für Reparaturzwecke. Die Idee war geboren, systematisch Fliesen zu kaufen und einzulagern, um später verlässlich Ersatz liefern zu können.

Für viele Produkte kann man in Deutschland Ersatzteile nachkaufen, für Fliesen jedoch so gut wie gar nicht. Eine Marktlücke war entdeckt. Parallel zur Fliesenherstellung begann die ständige Suche nach Restbeständen von gefragten Modellen. Bei Fliesenlegern und Fachbetrieben wurde Schittek fündig. Er informierte sich über die verschiedenen Hersteller, Qualitäten, Formate, Glasuren.

1988 wurde die Fliesenhandel Schittek GmbH gegründet. Der Handel mit Reparaturfliesen löste die künstlerische Arbeit ab. Das Lager und die Anfragen der Kunden wuchsen, und 1996 war ein Umzug nach Francop nötig, um die Mengen an Reparaturfliesen vorzuhalten. Im Jahr 2007 zogen die Firma und das Lager aus Platzgründen an den Standort Hamburg-Sinstorf, mit zwei Hallen und Hochregallager.

Felix und Jan Schittek sind mit dem Unternehmen aufgewachsen. 2014 haben sie das Unternehmen übernommen, um es nach der Idee ihres Vater fortzuführen.