Harburg
Soziale Dienste

Personalnot: Rotes Kreuz in Harburg geht neue Wege

Soll mehr Anerkennung erfahren: die Arbeit als Erzieherin.

Soll mehr Anerkennung erfahren: die Arbeit als Erzieherin.

Foto: dpa Picture-Alliance / Uwe Anspach / picture alliance / dpa

Wer Kinderpfleger lernt, bekommt ab dem ersten Tag der Ausbildung ein Gehalt. Außerdem sind Betriebswohnungen geplant.

Harburg.  Das Harburger Deutsche Rote Kreuz hat sich viel vorgenommen und zeigt keinerlei Angst, Neuland zu betreten. Möglichst schon von Februar 2019 an will der Kreisverband mit Harald Krüger an der Spitze in einer niedrigschwelligen Ausbildung Hilfskräfte zu sozialpädagogischen Assistenten (früher: Kinderpfleger) ausbilden und – bislang gänzlich unüblich – vom ersten Tag an bezahlen: rund 2000 Euro brutto im Monat!

Doch damit nicht genug. Das DRK Harburg will für seine Mitarbeiter bis zu 50 günstige Betriebswohnungen schaffen, sie gegebenenfalls sogar selber bauen. Selbst wenn das nach Krügers Schätzung zwischen zehn und zwölf Millionen Euro kosten würde.

Der DRK-Kreisverband, Harburgs größte Bürgerinitiative (Eigenwerbung), teilt das Schicksal vieler Arbeitgeber ganz unterschiedlicher Branchen: es fehlen Fachkräfte. Ein Problem, das beim Harburger DRK in den vergangenen zwei bis drei Jahren zunehmend unter den Nägeln brennt. Aktuell seien von 1050 Stellen rund 100 unbesetzt.

„Allein im pädagogischen Bereich könnten wir aus dem Stand 30 Leute einstellen“, sagt Harald Krüger. Aber nicht nur in den 15 Kindertagesstätten und weiteren Jugendeinrichtungen des DRK (aktuell insgesamt gut 400 Beschäftigte) fehlt Fachpersonal. Auch im Rettungsdienst und bei der Pflege würde Krüger liebend gern aufstocken.

Um neue Kollegen zu gewinnen, verspricht das DRK, wie berichtet, Mitarbeitern, die Neue anwerben, eine Prämie von 1000 Euro, wahlweise auch einen Reisegutschein. Bislang mit mäßigem Erfolg. Der DRK-Vorstand hat deshalb nun beschlossen, das Problem bei der Wurzel zu packen und noch mehr in die Ausbildung zu investieren. „Wir müssen die gewinnen, die bisher durch das Raster fallen“, sagt Krüger.

Das gelte vor allem für viele Geflüchtete, aber auch Deutsche, die nie eine Ausbildung absolviert haben oder in ihrem bisherigen Beruf nicht weiter arbeiten können. „Wir müssen mit den Menschen arbeiten, die das sind“, sagt Krüger und ergänzt, mit Blick auf den allenthalben bestehenden Fachkräftemangel: „Mit der Krankenschwester aus China können wir unsere Probleme nicht lösen.“

Das Interesse an dieser besonderen, weil bezahlten Ausbildung beim DRK ist jedenfalls groß. Bis jetzt seien schon 35 „gute Bewerbungen“ eingegangen, sagte Krüger gestern. Die meisten Interessenten ab 18 Jahren hätten Migrationshintergrund. Viele stammten aus Syrien, Afghanistan, dem Irak oder Osteuropa. Aber etwa auch ein Deutscher der jahrelang auf dem Bau gearbeitet, inzwischen aber eine Allergie gegen Baustaub entwickelt hat, ist darunter: „Genau die Menschen, die wir brauchen“, sagt Krüger und schwärmt von hoher Motivation und ausgeprägter Lebenserfahrung.

In Gesprächen mit Arbeitsagentur und Ausländerbehörde konnte er sicherstellen, dass ausländische Auszubildende von der sogenannten 3+2-Regelung profitieren, die im Integrationsgesetz von 2016 festgeschrieben ist (siehe Kasten) und die ihre Aussichten, in Deutschland bleiben zu dürfen, verbessert. „Sonst würde es sich ja auch für uns nicht lohnen, diese Menschen auszubilden“, sagt Krüger.

Die Ausbildung, wie sie dem DRK vorschwebt, soll möglichst schon am 1. Februar beginnen. Zunächst mit einem vierwöchigen Deutschkursus. Danach ist eine achtwöchige Anlernphase vorgesehen, aufgeteilt in Theorie und Praxis, an deren Ende eine Prüfung steht. Wer die besteht, wird dann in den Kitas des DRK berufsbegleitend über zwei Jahre hinweg zum sozialpädagogischen Assistent ausgebildet.

Krüger will, dass die Auszubildenden den theoretischen Part in der Geschäftsstelle an der Rote-Kreuz-Straße absolvieren. Er hofft, dafür einen Harburger Bildungsträger gewinnen zu können: „Wie führen derzeit noch Gespräche mit zwei Schulen, eine davon sitzt in Harburg - die wäre natürlich mein Wunschpartner.“

Dass die Theorie im neuen Verwaltungssitz des DRK vermittelt wird, ist Krüger vor allem aus einem Grund wichtig: „Wir wollen die Neuen nicht nur bei uns haben, wir wollen uns kennenlernen. Und das geht nun mal am besten beim Mittagessen oder in der Zigarettenpause.“ Krügers Intention ist klar: Wer beim Harburger Roten Kreuz arbeitet, soll sich auch mit dem Verband und seiner Arbeit identifizieren – in anderen Unternehmen ist an dieser Stelle gern von Corporate Identity die Rede.

Noch ein zweites dickes Brett will der DRK-Kreisverband bohren und günstigen Wohnraum für seine Mitarbeiter schaffen. „Wir schreiben Stellen längst bundesweit aus“, sagt Krüger: „Die erste Frage der Bewerber von außerhalb ist zwangsläufig die nach bezahlbarem Wohnraum.“

Der ist bekanntlich mindestens ebenso rar wie verfügbares Fachpersonal. DRK-Chef Krüger möchte deshalb an zwei oder drei Standorten im Bezirk Harburg bis zu 50 Betriebswohnungen schaffen, die nicht mehr als acht bis zehn Euro kalt pro Quadratmeter kosten sollen.

Die Suche nach geeigneten Objekten und Grundstücken läuft mit Hochdruck. Das DRK prüft mehrere Optionen. Eine davon könnte sein, dass das Rote Kreuz selbst baut. Denkbar wäre aber auch, dass es einem Bauträger, der im Binnenhafen Wohnraum schafft, einen Baukostenzuschuss zahlt, um dann im Gegenzug als Generalmieter den DRK-Mitarbeitern die Wohnungen günstig anbieten zu können. „Die Gespräche laufen noch“, sagt Krüger.

Dass das alles nicht von heute auf morgen zu stemmen ist, weiß Krüger: „Aber ich bin sehr zuversichtlich!“

Verbesserte Perspektiven für Geflüchtete

Das Integrationsgesetz von 2016 mit der darin festgeschriebenen 3+2-Regelung bewirkt, dass ein Flüchtling, der eine Ausbildung in Deutschland begonnen hat und die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt, auch dann die Ausbildung (meist drei Jahre) abschließen und eine zweijährige Anschlussbeschäftigung ausüben kann, wenn sein Asylantrag abgelehnt wird.

Voraussetzung dafür ist ein Ausbildungsvertrag. Rechtsgrundlage für die 3+2-Regelung ist das Aufenthaltsgesetz (hier: § 60a Abs. 2 Sätze 4 und 5 AufenthG). Für die Prüfung, ob die 3+2-Regelung zum Tragen kommt, sind die Ausländerbehörden zuständig. Wenn die Beschäftigung im Anschluss an die zwei Jahre fortbesteht, kann die Aufenthaltserlaubnis weiter verlängert werden.

Der Kommentar zum Thema: Nicht Worte, Taten zählen

Dies vorweg: Über das Schicksal des Harburger DRK-Chefs Harald Krüger kann an dieser Stelle natürlich keine verlässliche Auskunft getroffen werden. Folgt man jedoch dem römischen Dichter Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr.), der einst befand, „Taten machen den Menschen alt“, dann kann getrost davon ausgegangen werden, dass Krüger, aktuell Anfang 60, noch ein langes, ein sehr langes Leben vor sich hat: Wenn andere noch reden, handelt er.

Während allenthalben darüber lamentiert wird, dass es an Fachkräften im allgemeinen und Erziehern im Besonderen mangelt, entwickeln er und seine Mitarbeiter ein Konzept, das schon im nächsten Jahr in Harburg umgesetzt werden soll und so etwas wie einen Paradigmenwechsel bedeutet: angehende sozialpädagogische Assistenten – früher nannte man sie Kinderpfleger – werden vom DRK bezahlt, sobald ihre Ausbildung beginnt. Damit setzt Krüger in Harburg um, wovon sonst nur geredet wird, bundesweit: die Arbeit in Kindertagesstätten wird aufgewertet.

Krüger, der einst für die CDU in der Hamburger Bürgerschaft saß, handelt damit ganz im Sinne der Bundesfamilienministerin und Sozialdemokratin Franziska Giffey, die sich immer wieder für eine bessere Vergütung einsetzt und liebend gern das Image der Berufe im Erziehungsbereich aufpolieren würde. Es gehe schließlich um Menschen, „die in der Bildung arbeiten und die Basis für die Zukunft unserer Kinder und damit für die Zukunft der Bundesrepublik legen“, wie sie unlängst in einem Zeitungs-Interview sagte.

Ob diese Übereinstimmung über Parteigrenzen hinweg, für Krüger von Bedeutung ist? Eher nicht. Sicher ist, dass er die Grundsätze des DRK ebenso verinnerlicht hat, wie er die Institution prägt. „Als Rotkreuzverband haben wir uns dem Gemeinwohl verschrieben“, heißt es auf der Website. Worte, die Krüger in Taten umsetzt: Sein DRK war zur Stelle, als Flüchtlingsunterkünfte gebraucht wurden. Und es hat auch dafür gesorgt, dass es hier inzwischen ein Haus für Obdachlose gibt.