Harburg
Seevetal

Verein plant neue "Demokratische Grundschule"

Die Lehrer René und Susanne Wolniak (v. l.), die Gründer Marie und Torsten Krüger und Schüler vor der Demokratischen Grundschule in Egestorf.

Die Lehrer René und Susanne Wolniak (v. l.), die Gründer Marie und Torsten Krüger und Schüler vor der Demokratischen Grundschule in Egestorf.

Foto: Lena Thiele

Mit ihrem Umzug soll die Privatschule 2019 erweitert werden. Sie will eine Alternative bis Klasse zehn bieten.

Seevetal.  In Seevetal soll eine neue Gesamtschule in freier Trägerschaft entstehen. Die Einrichtung soll schon zum kommenden Schuljahr aus der Demokratischen Grundschule Heureka in Egestorf und einer noch zu gründenden Oberschule hervorgehen.

Die Grundschule ist erst in diesem Sommer gestartet, mittlerweile lernen hier 15 Kinder zwischen sechs und zehn Jahren. 2019 ziehen sie in das frühere Jugendheim in Ohlendorf. Dann sollen auch Fünft- und Sechstklässler den jahrgangsübergreifenden Unterricht besuchen. Das Konzept bleibt dasselbe: Die Kinder lernen, sich selbstständig das erforderliche Wissen anzueignen – ohne Zensuren, Stundenpläne oder Klassenarbeiten. Die Schüler aller Klassenstufen lernen gemeinsam.

„Sie haben dasselbe Ziel wie an Regelschulen, aber der Weg dahin ist frei“, beschreibt Marie Krüger, die die Schule gemeinsam mit ihrem Mann gegründet hat, den wesentlichen Unterschied. Jedes Kind beschreite seinen „individuellen Lernpfad“. Ihnen zur Seite stehen staatlich ausgebildete Lehrer, die hier Lernbegleiter genannt werden. Sie wollen – so ein Kernsatz des Schulkonzepts – die Kinder darin unterstützen, die Welt und sich selbst kennenzulernen.

„Die Kinder schlagen oft Themen vor, mit denen sie sich beschäftigen wollen, zum Beispiel das Wetter oder Anatomie“, sagt Schulleiter René Wolniak, einer der drei Lehrer. „Außerdem bieten wir Kurse mit Stoff aus verschiedener Klassenstufen an.“ Einige Schüler interessierten sich für viele Themen, andere vertieften eines intensiv. Vieles schauten sich die Kinder voneinader ab.

Warum entscheiden Eltern, ihr Kind auf eine Demokratische Schule zu schicken? „Wir wollen, dass unsere Tochter sich so selbstbestimmt wie möglich entwickeln kann“, sagt Kerstin Koryciak aus Nenndorf. Ihre Tochter Aurelia wurde im Sommer eingeschult. Dass für die heute Sechsjährige eine staatliche Schule nicht infrage kommt, stand für ihre Eltern schon vor ihrer Geburt fest.

„Wir haben uns eine Schule gewünscht, die unsere Art widerspiegelt, Aurelia in ihrer Entwicklung zu begleiten“, sagt die 47-Jährige. „Wir wollen, dass unsere Tochter sich gesehen fühlt. Das geschieht hier auf eine Weise, wie es in Regelschulen schon vom Betreuungsschlüssel her nicht möglich wäre.“

Zudem gefalle ihr, dass es in der Schule keinerlei Bewertung gibt, sagt Kerstin Koryciak. „Die Lernbegleiter beobachten und dokumentieren, was jedes Kind kann – oder auch noch nicht kann. Es wird aber nicht ständig damit konfrontiert.“ Sorgen, dass ihrer Tochter etwas fehlen könnte, habe sie nicht. „Mit kommen eher die Regelschulen wie Parallelwelten vor. Hier habe ich viel mehr das Gefühl, dass meine Tochter auf das echte Leben vorbereitet wird.“

Schule verbindet freies Lernen mit systematischer Begleitung

Die achtjährige Sophia und ihre ein Jahr jüngere Schwester Carla haben zunächst eine staatliche Grundschule besucht. „Dort waren sie sehr gut im Unterricht, aber beide auf ihre Art unglücklich“, sagt ihre Mutter Nadja Thies. Die Mädchen seien sehr kreativ, hätten Lust, Dinge auszuprobieren und Neues zu lernen. „Die feste Struktur in der Schule hat das ausgebremst.“

Anderthalb Jahre informierte sich Nadja Thies über Alternativen – und stieß auf die Demokratische Grundschule. „Hier können die Kinder lustbetont und stressfrei lernen. Und sie haben die Zeit, sich intensiv, mit einer Sache zu beschäftigen.“ So habe ihre Tochter zuerst wochenlang Mathe gemacht. Als nun die Weihnachtskarten anstanden, habe sie die Rechtschreibung für sich entdeckt.

Bedenken, die Kinder könnten machen, was sie wollten, zerschlugen sich rasch. „Die Mentoren sind sehr professionell, sie besprechen regelmäßig mit den Schülern, welche Inhalte nach dem Lehrplan anstehen und geben Anregungen, womit die Kinder weitermachen können.“ Die Mischung aus freiem Lernen und systematischer Begleitung überzeugte die 45-Jährige aus Maschen. Auch ihre Kinder sollen die Schule bis zum Abschluss besuchen.

„Die Eltern im Landkreis sind durchaus auf der Suche nach alternativen Konzepten“, sagt Iris Gronert, Vorsitzende des Kreiselternbeirats. Das sei auch am großen Interesse an den Integrierten Gesamtschulen zu sehen. Die Eltern achteten sehr aufs Konzept, vielen sei gemeinsames Lernen und eine größere Durchlässigkeit wichtig.

Anfang des Jahres wollen die Heureka-Initiatoren bei der Landesschulbehörde in Lüneburg den Antrag auf eine Oberschule stellen. Dafür suchen sie noch Schüler sowie ausgebildete Lehrer für verschiedene Fächer. Bei der Auswahl werde darauf geachtet, dass die Vorstellungen zusammenpassen, betont Torsten Krüger. Deshalb sind frühzeitige Kennenlerngespräche geplant, die angemeldeten Kinder können zudem in der Schule hospitieren.

Mit einer Genehmigung rechnet das Ehepaar, das mit seinen zwei Kindern in Bispingen wohnt, bis Ende Juli 2019. Sobald der Bescheid vorliege, würden die beiden Schulen zu einer Gesamtschule zusammengelegt, sagt Torsten Krüger. „Dann können unsere Schüler die Schule bis Klassenstufe zehn durchlaufen.“

Mindestens zwölf Oberschüler sind für die Erweiterung nötig

Für die Erweiterung sind mindestens zwölf Oberschüler notwendig. „Da wir aktuell zwei Viertklässler in unserer Grundschule haben, die auf die Oberschule wechseln können, werden wir mindestens zehn Plätze vergeben“, sagt Marie Krüger. Mehr als 15 Oberschüler sollen es jedoch zunächst nicht werden, da zeitgleich etwa zehn weitere Grundschüler aufgenommen werden.

Um passende Lehrer und ausreichend Schüler zu finden, bleibt den Initiatoren ein gutes halbes Jahr. Für den Grundschulbereich ist die Nachfrage bereits groß. „Wir haben Anmeldungen von Kindern, die gerade einmal ein Jahr alt sind“, sagt Torsten Krüger. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob sich genügend Eltern im Landkreis finden, die sich diese Schulalternative für ihre älteren Kinder wünschen.

Schule muss sich zunächst selbst finanzieren

Träger der Demokratischen Grundschule ist der im März 2018 gegründete Verein Projekt Entfaltungsräume. Die Finanzierung des Schul­betriebs wird über einen Kredit, Vereinsbeiträge und das Schulgeld von 200 Euro pro Monat gesichert. Vom vierten Betriebsjahr an gibt es zudem staatliche Zuschüsse für Schulen in freier Trägerschaft.

Der Unterricht wird montags bis freitags von 9 bis 14 Uhr angeboten. Für die Schüler gilt Gleitzeit, es gibt einen täglichen Morgenkreis, aber keine Stundenpläne. Statt Zeugnisse gibt es Lernstandsberichte. Zurzeit hat die Grundschule Platz für 20 Kinder.

Lehrer können sich mit jeder Fächerkombination bewerben. Besonders gesucht werden ausgebildete Lehrer für Mathe, Deutsch, Englisch, eine weitere Fremdsprache, Musik, Chemie, Physik, Kunst, Werken, Hauswirtschaft und Textiles Gestalten.

Weitere Informationen gibt es im Internet auf www.projekt-entfaltungsraeume.de.