Harburg
Hittfeld

Wer geht heute noch in die Dorfdisco?

Foto: Hittfelder Mühle

Im Landkreis Harburg lädt die Hittfelder Mühle zum Feiern ein – Alternativen gibt es kaum noch. Ausgehlocations haben es nicht leicht.

Hittfeld.  Es muss irgendwann nach der Jahrtausendwende gewesen sein, als dieses Wort allmählich aus unserem Vokabular verschwand. Disco. „Wir gehen in die Disco“, oder noch besser: „Disse“. Ein Satz, der förmlich nach Hyper, Hyper, Wannabe und Macarena riecht. Hört man nicht mehr, geht nicht mehr, längst vorbei. In den 90-ern war am Wochenende aber noch Abtanzen angesagt, und viel mehr als Glitzerkugel, Nebelmaschine und Soundanlage brauchte es nicht zum Glücklichsein.

Die Hittfelder Mühle hat diese Zeiten erlebt – und zuvor noch viele andere. Wenn man so will, ist die Diskothek oben auf dem Hügel, deren Name auf die alte Mühle direkt nebenan zurückgeht, die Veteranin unter den regionalen Tanztempeln – und eine der wenigen, die die Konkurrenz überlebt hat. Gab es im Jahr 2002 noch 352 Diskotheken und Tanzbetriebe in ganz Niedersachsen, ist die Zahl im Jahr 2017 laut Landesamt für Statistik um fast die Hälfte auf 186 gesunken.

Die Hittfelder Mühle jedoch existiert seit 1971 durchgängig. Die Klänge von Abba, den Bee­Gees, Depeche Mode und DJ Bobo dröhnten aus ihren Boxen, das Publikum strömte am Wochenende durch die Türen, denn was sollte man am Sonnabendabend sonst machen, wenn man nicht bei „Wetten, dass …?“ auf dem Sofa sitzen wollte?

„Früher war eine Diskothek ein Selbstläufer“, sagt Thorsten Voss. „Heute ist es schwieriger.“ Der 42-Jährige, der die Hittfelder Mühle vor zwei Jahren vom langjährigen Betreiber Kai Meier übernahm, weiß, dass sich das Freizeitverhalten der 18- bis 25-Jährigen, der klassischen Party-Zielgruppe, komplett verändert hat. Man besucht eher Konzerte und Festivals oder trifft sich draußen unter freiem Himmel zum sogenannten Cornern.

Das Smartphone dominiert den Alltag, geflirtet wird über soziale Netzwerke und spezielle Apps und nicht mehr von Angesicht zu Angesicht beim zufälligen Kennenlernen an der Bar. Sollte man aber doch einmal „richtig“ ausgehen wollen, dann in Clubs, die auf die jeweilige Szene exakt zugeschnitten sind. Disco? Nein, danke!

Voss, der als junger Mann selbst hinterm Tresen der Mühle ausgeholfen hat und mit der Übernahme die Diskothek wieder in Familienhand brachte – sein Vater Heinrich Voss ließ das Gebäude damals errichten –, reagiert auf den Zeitenwandel. Mit Ü44-Partys, Discofox-Abenden und 30up-Feiern wendet er sich an ein Publikum, das die Mühle größtenteils noch von früher kennt und mit ihr groß geworden ist. „Bei den Ü44-Partys sind im Schnitt 500 Leute da“, erzählt er. Mit dieser Zahl ist er eigentlich zufrieden, doch wenn man bedenkt, dass insgesamt 1000 Leute für das Haus zugelassen sind, erscheint sie schon wieder relativ.

Voss versucht, sein Publikum zu vergrößern, indem er die Mühle auch für Firmenfeste, Geburtstage und andere private Feiern als Mietlocation öffnet. Dabei setzt er auf die Einzigartigkeit des Ambientes aus dunklen Holzbalken, Galerie und kleinen Separees. „Ein Gebäude aus so viel Holz würde heutzutage gar nicht mehr genehmigt werden“, berichtet er. Bei ihm greift aber der Bestandsschutz – und so ist die Hittfelder Mühle ein Unikat. Dass Voss damit auf dem richtigen Weg ist, bescheinigt ihm Stephan Büttner, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Diskotheken und Tanzbetriebe (BDT).

„Die Großraumdisco für alle, wie man sie in den 90-ern kannte, gibt es im Zweifel gar nicht mehr“, sagt der. Die Branche ist heutzutage heterogen und individuell. Wer es schaffe, eine einzigartige Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, kaufmännisch auf der Höhe sei, eine gute Lage besitze und sein Haus auch für Privatveranstaltungen öffne, habe auf dem Markt eine Chance, so Büttner.

Von einem allgemeinen Discosterben, wie vielerorts zu hören ist, will der BDT aber nicht sprechen. Er beobachtet vielmehr eine Marktbereinigung. „Gab es früher in einer mittelgroßen Stadt Platz für sechs Clubs, reicht es heute nur für einen“, erklärt der Geschäftsführer. Wegen der demographischen Entwicklung gebe es nun mal immer weniger junge Leute, die noch dazu ein verändertes Freizeitverhalten zeigten.

Den schweren Stand der Diskotheken spiegelt die hohe Zahl an Insolvenzen wider. 28 Betriebe waren laut Niedersächsischem Landesamts für Statistik alleine von 2015 bis 2017 betroffen, seit 2001 pendelt die Zahl zwischen 5 und 14 insolventen Discos und Tanzlokalen pro Jahr. Die Dunkelziffer kann aber noch höher liegen, da manche Betreiber ihr Gewerbe bereits vor dem Stellen eines Insolvenzantrages abmelden.

In die Riege der Insolvenzen reiht sich auch der Club Maschen ein. Nachdem Michael „Speedy“ Derboven den Betrieb im Jahr 2015 in den ehemaligen Räumlichkeiten des berühmten, von der Gruppe Truck Stop besungenen Studio Maschen „gleich hinter der Autobahn“ voller Optimismus eröffnet hatte, war Anfang 2018 schon wieder Schluss. Derboven selbst war da aber nicht mehr an Bord, er hatte den Betrieb bereits Ende 2016 an seinen Nachfolger übergeben. „Meine Idee war, den Club nach oben zu führen und dann zu verkaufen“, erklärt er sein Vorgehen.

Zu HipHop, R’n’B und House hätten bis zu 500 Leute bei ihm gefeiert, berichtet er. Faire Getränkepreise, eine gute menschliche Atmosphäre und eine verlässliche Security stuft er als Garanten des Erfolgs ein. Er überlegt derzeit, wieder in den Club einzusteigen, da er überzeugt ist, dass der Landkreis Harburg dringend eine weitere Ausgehlocation braucht.

Nach dem Aus von Clubs wie dem „Seinerzeit“ in Winsen, dem MicMac in Moisburg oder auch der Garage in Buxtehude bleiben für den Partygänger südlich der Elbe kaum mehr Alternativen. „Es kann ja nicht sein, dass die jungen Leute am Ende nur noch auf den Hamburger Kiez fahren können“, findet er.

1959 ging es los

Die erste Disco in Deutschland war 1959 der Scotch Club in Aachen. Der Disc-Jockey spielte dort erstmals nicht nur Platten ab, sondern moderierte auch. Nach diesem Vorbild eröffneten in den 60er-Jahren weitere Discos, die immer öfter klassische Tanzlokale mit Liveband und Tanzkapelle verdrängten.

Ilja Richter mit der ZDF-Sendung „disco“ und der Kinofilm „Saturday Night Fever“ befeuerten in den 70er-Jahren das Discofieber, bevor Anfang der 80er-Jahre die Hoch-Zeit der Discos begann. Deutschland erlebte einen regelrechten Großraum-Boom, in der Gemeinde Stelle dominierte beispielsweise das Zeppelin die gesamte norddeutsche Ausgeh-Szene.

Die 90er-Jahre waren von der Techno-Kultur geprägt, Elektro-Beats dominierten. Die Discos verwandelten sich in multifunktionale Entertainmentcenter. Als Gegenbewegung darauf etablierte sich eine immer ausgeprägtere Clublandschaft, die bis heute jeden musikalischen Geschmack bedient.