Harburg
Bildung

Förderschule in Winsen wird abgewickelt

Die Wolfgang-Borchert-Schule in Winsen feierte am 6. Dezember 2018 das Jubiläum ihres 50-jährigen Bestehens

Die Wolfgang-Borchert-Schule in Winsen feierte am 6. Dezember 2018 das Jubiläum ihres 50-jährigen Bestehens

Foto: Bernd Bleich / WBS Winsen

Eine schlechte Nachricht überschattet das Jubiläumsfest zum 50-jährigen Bestehen der Wolfgang-Borchert-Schule.

Winsen. Mit einer kurzweiligen Feierstunde und einem anschließenden weihnachtlichen Schulfest beging die Wolfgang-Borchert-Schule in Winsen kürzlich ihr 50-jähriges Bestehen. Doch trotz aller Freude über das Jubiläum lag auch ein Schatten über dem Fest. Denn die Förderschule für den östlichen Teil des Landkreises Harburg läuft am Ende des Schuljahres 2027/2028 aus.

„Die Borchert-Schule hat über viele Jahre eine wichtige Rolle im Landkreis gespielt. Dennoch ist ihre Aufhebung nun beschlossene Sache. Deshalb wünsche ich allen Schülern und ihren Lehrern auf der letzten Reise bis zur Schließung viel Erfolg“, sagte Elke Oppermann von der Landesschulbehörde, die in ihrem Grußwort hörbar um die passenden Worte rang.

Nicht ohne Grund. Die Abwicklung der Schule mit dem Schwerpunkt Lernen und Sprache war zu einem Politikum geworden. Eigentlich sollte wie im Vorjahr keine fünfte Klasse mehr gebildet werden. Damit wäre die Borchert-Schule bereits 2022 ausgelaufen. Die jüngste Novelle des niedersächsischen Schulgesetzes erlaubt jedoch eine Verlängerung der Übergangsfrist bis 2028. Für diese Option stimmte der Kreistag nach einem Antrag der Gruppe CDU/WG schließlich mehrheitlich.

Ziel bleibe "inklusive Beschulung" an Regelschulen

„Alle Erfahrungen zeigen, dass es immer Kinder geben wird, deren besonderen Bedürfnissen man durch das Lernen in einer Förderschule mit deutlich kleineren Lerngruppen und der Expertise pädagogischer Fachkräfte besser gerecht werden kann“, so Hans-Heinrich Aldag, Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion. Aus diesem Grund sollte den Eltern die Wahlfreiheit über die Beschulung solcher Kinder erhalten bleiben. Laut einer Einschätzung der Landesschulbehörde hätten an Grundschulen aktuell bis zu vier Prozent der Kinder einen sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf. Übergreifende Zielsetzung bleibe indes deren „inklusive Beschulung“ an Regelschulen.

„Der Grundgedanke ist sicher richtig. Nur an der Umsetzung hapert es, da wurde zum Teil der dritte Schritt vor dem ersten gemacht“, moniert Corinna Vogt, Leiterin der Heideschule, einer Grundschule in Buchholz. Zum einen seien viele Schulen längst noch nicht umfassend barrierefrei. Zum anderen fehle es oft an den nötigen Sonderpädagogen.

Unterdessen profitiere die Heideschule in hohem Maße von der engen Kooperation mit der Förderschule An Boerns Soll. Dass deren Schüler mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung gemeinsam mit Kindern der Regelschule unterrichtet würden, sei längst gelebter Alltag und habe sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten überaus positiv entwickelt. „Natürlich ist die inklusive Beschulung eine Herausforderung für alle Beteiligten. Aber mit multiprofessionellen Teams aus Regelschullehrern, Sonderpädagogen, Erziehern und Schulsozialarbeitern kann sie gemeistert werden“, sagt Vogt.

"Homogenität hat es in Klassen nie gegeben"

Dem Vorurteil, Förderschüler würden das Unterrichtsniveau von Regelschulklassen und deren Lerntempo drosseln, tritt die Pädagogin energisch entgegen: „Dieser Vorwurf ist Unfug. Regelschule ist per se zur Differenzierung verpflichtet, weil es weitgehende Homogenität in Klassenverbünden noch nie gegeben hat.“ Kinder würden die Unterschiede nur in Einzelfällen thematisieren oder als störend empfinden. „98 Prozent dieser Ängste werden von den Eltern geschürt“, so Vogt.

Auch die Borchert-Schule Winsen kooperiert seit vielen Jahren mit zwei Grundschulen. „Der Bedarf an Sonderpädagogen im Primarbereich ist extrem hoch“, sagt Schulleiterin Regina Uhl. Aus diesem Grund seien ihre 120 Lehrkräfte, ebenso wie die 120 der Buchholzer Schule An Boerns Soll auch nur zu einem Drittel an der jeweiligen Förderschule selbst tätig. Zwei Drittel ihrer Unterrichtszeit würden sie bereits jetzt an den 46 Grund- und 30 weiterführenden Schulen des Landkreises leisten. Um die Belastung der Sonderpädagogen durch die dauernde Pendelei in Grenzen zu halten, seien sie in der Regel an nicht mehr als zwei Schulen abgeordnet.

Stoßen Grundschüler mit Förderbedarf in Regelschulen an ihre Grenzen, so können sie nach einem Clearing mit Lehrern und Eltern in temporären Lerngruppen an der Borchert-Schule eine „Auszeit“ nehmen. „Unsere Time-out-Klassen haben sich wirklich bewährt. Hier werden maximal sieben Kinder von mindestens zwei Pädagogen bis zu drei Monate individuell betreut, bis sie wieder in die Regelschulen zurückkehren können“, so Uhl.

Wo dieses Modell angedockt wird, wenn es die Borchert-Schule nicht mehr gibt, ist noch unklar. Die Förderschule An Boerns Soll wird wegen des Elternwahlrechts für die Beschulung von Kindern mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung fortgeführt.