Harburg
Hittfeld/Winsen

Sie begleitet Frauen bei ungewollter Schwangerschaft

Roswitha Linniek-Schmehl berät unter dem Dach des Diakonischen Werks Schwangere in Konfliksituationen.

Roswitha Linniek-Schmehl berät unter dem Dach des Diakonischen Werks Schwangere in Konfliksituationen.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Abendblatt-Adventskalender – Menschen, die Türen öffnen. Heute: Roswitha Linniek-Schmehl berät in Konfliktsituationen.

Auf den ersten Blick ist es nur ein formaler Akt. Ein Beratungsgespräch, das geführt werden muss, wenn eine Frau ungewollt schwanger wird und sich gegen das Baby entscheidet. Auf den zweiten Blick aber ist es eine äußerst emotionale Sache. Eine Situation, die an die Grenzfragen menschlichen Lebens führt. Auf dem kleinen Tisch im Beratungszimmer hält Roswitha Linniek-Schmehl daher immer eine Box mit Taschentüchern bereit. Denn wer zu ihr nach Winsen kommt, muss eine extrem schwierige Entscheidung treffen.

Roswitha Linniek-Schmehl gehört zum Team des Diakonischen Werks der Kirchenkreise Hittfeld und Winsen. Sie berät werdende Mütter bei Fragen rund um Finanzen, Elternzeit und Kinderbetreuung. Darüber hinaus kümmert sie sich um Schwangere in Konfliktsituationen, also jene, die ungewollt schwanger geworden sind und mit dem Gedanken spielen, das Ungeborene abzutreiben.

Das Gespräch ist gesetzlich vorgeschrieben. „Der Beratungsschein ist Voraussetzung, um straffrei eine Schwangerschaft abbrechen zu können“, sagt die 54-Jährige. „Der Gesetzgeber möchte damit sicherstellen, dass jede Schwangere umfassend über Unterstützungsmöglichkeiten informiert wird.“

Es kommen Frauen, die genau wissen, dass sie das Kind nicht bekommen wollen. Dann ist das Gespräch ein Angebot. Ziel jeder Beratung ist es, dass die Frauen gut mit der von ihnen getroffenen Entscheidung leben können. Und es gibt jene, die hin- und hergerissen sind, unklar in ihren Gefühlen und voller Fragen und Ängste, ob und wie ein Kind in das eigene Leben passt.

„Ich helfe den Frauen, ihren Weg zu finden“, sagt Roswitha Linniek-Schmehl. „Ich arbeite ergebnisoffen und neutral, öffne im Gespräch Räume für eine Entscheidung, in der es kein Richtig und kein Falsch gibt, und ich biete ihnen an, die Situation aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.“

Die studierte Sozialarbeiterin stellt Fragen wie diese: „Was befürchten Sie, wenn Sie einen Abbruch machen? - Was bedeutet es für Sie, wenn Sie sich für das Kind entscheiden?“ Fragen, die helfen, sich über Zweifel, Sorgen, Ängste und Wünsche klar zu werden.

Eineinhalb Stunden plant die Mutter von zwei erwachsenen Kindern für jedes Gespräch ein. Sechs Beratungen pro Woche sind das Maximum. Weil die Arbeit auch an ihr selbst nicht immer spurlos vorbei geht. Es kommt vor, dass Frauen nach einem Abbruch noch einmal wiederkommen, weil sie um den Verlust des Kindes trauern.

Und dann gibt es Momente wie diese, als im Dezember 2016 unerwartet eine Karte ins Haus flatterte. Absender war ein Elternpaar, das sich bei ihr im Vorwege eines geplanten Schwangerschaftsabbruchs hatte beraten lassen und dann die Entscheidung für das Kind traf: „Wir genießen jeden Augenblick mit unseren drei Kindern“ stand auf der Karte.

Roswitha Linniek-Schmehl hat sie aufbewahrt. Sie ist froh darüber, dass sie dazu beitragen kann, dass Frauen sich in dieser existentiellen Frage nicht allein gelassen fühlen.