Harburg
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Freiwillige Feuerwehr: Nachwuchs ist knapp

Bei der Freiwilligen Feuerwehr sitzen alle in einem Boot – hier beim Abschlusstraining in Moorwerder.

Bei der Freiwilligen Feuerwehr sitzen alle in einem Boot – hier beim Abschlusstraining in Moorwerder.

Foto: Jörg Riefenstahl

Hilfe leisten, Teamgeist spüren, Leben retten – 13 Auszubildende machen jetzt ihre Prüfung, der nächste Kursus steht auf der Kippe.

Moorwerder.  Soni zieht den gelben Rettungszylinder aus dem Löschfahrzeug und legt ihn neben die Hydraulikschere und den Hydraulikspreizer auf den Boden. Die zierliche Frau in Feuerwehruniform ist eine von 13 Auszubildenden aus fünf Nationen der acht Freiwilligen Feuerwehren (FF) im Hamburger Süden, die zum Abschlusstraining am neuen Feuerwehrgerätehaus in Moorwerder angetreten sind. Sie sind hochmotiviert. Am Sonnabend machen sie ihre Abschlussprüfung an der Hamburger Feuerwehrakademie. Da muss jeder Handgriff sitzen.

Für Soni Harpreed und die anderen ist die Arbeit bei der Feuerwehr ein Traumjob. Ob im nächsten Jahr wieder ein Ausbildungkursus im Bereich Harburg zu Stande kommt, ist allerdings fraglich. Wenn in den nächsten drei Monaten nicht mindestens fünf neue Mitglieder zu den acht Wehren im Bereich Harburg dazustoßen, wird es nichts werden, heißt es. Schon einmal musste der Kursus mangels Masse entfallen.

Das war vor zwei Jahren. Zudem muss die FF im Bereich Harburg jedes Jahr 25 bis 30 Abgänge aus Altersgründen und Umzügen verkraften. „Es gibt natürlich auch Leute, die von anderen Wehren zu uns kommen“, sagt Bereichsführer Thorsten Michels. „Wir brauchen aber dringend Nachwuchs. Sonst wird es die Freiwillige Feuerwehr im Bereich Harburg in ihrer heutigen Form in einigen Jahren nicht mehr geben.“

Der Platz vor dem Feuerwerhaus ist hell erleuchtet. „Hydraulik macht Max, Hebekissen macht Michi“, lautet die Ansage von Ausbildungsleiter Thorsten Michels bei der Einteilung der Nachwuchskräfte. Sein Atem kondensiert im Scheinwerferlicht. Max Pollehn von der Freiwilligen Feuerwehr Rotenburgsort-Veddel ist einer der Ausbilder.

„Hydraulik“ bedeutet, dass die jungen Leute in seiner Gruppe an diesem Abend den sicheren Umgang mit den schweren Schneid- und Druckwerkzeugen der Feuerwehr unter Beweis stellen, mit denen sie im Ernstfall Leben retten – etwa, indem sie eingeklemmte Menschen aus einem Autowrack befreien.

Damit so etwas auch nachts um 3 Uhr und unter schwierigsten Bedingungen gelingt, heißt es fleißig üben. Das haben die jungen Leute seit dem Sommer getan. An 45 Abenden hat die bunt gemischte Truppe aus zehn Männern und drei Frauen im Alter von 18 bis 41 Jahren nach Feierabend hart trainiert. 160 Stunden hat die komplexe Ausbildung zum Freiwilligen Feuerwehrmann und zur Feuerwehrfrau gedauert.

„Vom Gärtner bis zum Handwerker, vom Studenten, Lageristen, Außendienstler, Bauarbeiter bis zur angehenden Notfallsanitäterin in der Berufsfeuerwehr ist bei uns alles dabei“, sagt Moritz Hansen. Der Gärtnermeister aus Wilhelmsburg beendet morgen ebenfalls seine Grundausbildung bei der Freiwilligen Feuerwehr.

„Mit dem Rettungszylinder kann man das Dach eines Autos anheben. Oder den Fußraum vergrößern“, erklärt Soni. Sie kommt aus Afghanistan und lebt in Deutschland, seit sie ein Jahr alt ist. „Ich bin eine naturalisierte Hamburgerin“, sagt die Lehramtstudentin von der Veddel. „Für mich ist die Feuerwehr ein tolles Hobby. Es ist mein Kindheitstraum.“ In der elften Klasse hat Soni erfahren, dass es auf der Veddel eine Freiwillige Feuerwehr gibt. Von da an war für sie die Sache klar.

Die ehrenamtliche Arbeit bei der Wehr kann Soni sogar mit ihrem Glauben verbinden. „Ich bin Sikh. Selbstlose, freiwillige Arbeit, die das soziale in der Gesellschaft stärkt, gehört für uns zur Religion“, sagt sie. Dass sie neben Deutsch und Englisch fließend Multani, Punjhabi und Hindi spricht, erweist sich als positiver Nebeneffekt. „Es gibt hier viele Nationalitäten. Kommunikation mit den Patienten ist wichtig. Da kann ich dolmetschen.“ Dass mehr Männer als Frauen zur Wehr gehen, sieht Soni so: „Es muss Beides geben, Frauen und Männer.“

Sicherheit ist bei der Feuerwehr oberstes Gebot. Max klärt die jungen Leute über lauernde Gefahren auf. „Der Öldruck im Hydraulikschlauch beträgt 630 bar. Wenn es austritt, kann dir der feine Strahl die Hand abschneiden. Deshalb: Sichtprüfung, bevor ihr loslegt!“ Ebenfalls wichtig ist es, die 15 Kilo schweren Werkzeuge sicher zu bewegen und ermüdungsfrei zu halten. „Wir gehen zu zweit ins Feuer, und wir wollen zu zweit wieder herauskommen“, ergänzt Bereichsausbildungssprecher Thorsten Michels von der FF Kirchdorf. „Man muss sich voll aufeinander verlassen können. Und genau wissen, was man tut.“

Unterdessen hat sich eines der 18 Tonnen schweren Löschfahrzeuge auf dem Platz wie von Geisterhand 20 Zentimeter nach oben bewegt. Die jungen Leute haben seitlich unter dem Wagen Holzscheite aufgeschichtet und darauf ein Hebekissen aufgepumpt. „Mit dem Kissen können wir bis zu 40 Tonnen anheben“, erzählt Ausbilder Michi aus Wilhelmsburg. „Warum wir das tun? Es könnte ein Mensch unter dem Fahrzeug liegen, den wir befreien müssen.“

Bei Unwetterlagen leistet die FF technische Hilfe – indem sie umgestürzte Bäume von Bahnschienen entfernt oder vollgelaufene Keller leerpumpt. So halten die Freiwilligen ihren Kollegen von der Berufsfeuerwehr den Rücken für Großbrände frei. Kleinere Feuer werden von der FF allein gelöscht – etwa, wenn ein Auto in Flammen aufgeht. Bei größeren Feuern arbeitet die FF eng mit der Berufsfeuerwehr zusammen, die solche Einsätze leitet. „Wir sind die Ergänzungskomponente für die Berufsfeuerwehr“, sagt Schwarz. „Ohne uns funktioniert es in Hamburg nicht.“

Wer bei der FF mitmachen will, sollte hilfsbereit, kommunikativ und zuverlässig sein. Alle packen mit an – egal ob es darum geht, einen Lkw vor dem Absturz zu sichern, ein Pferd aus dem Graben zu ziehen oder ein Feuer in einem Hochhaus in Kirchdorf Süd zu bekämpfen.

Manchem Nachwuchstalent steckt die Feuerwehr regelrecht in den Genen. „Die Feuerwehr ist meine Familie. Mein Vater ist bei der Berufsfeuerwehr, mein Bruder auch. Ich mache dort gerade meine Ausbildung zur Notfallsanitäterin“, sagt Claudia Höpner (21). Was motiviert sie zur FF zu gehen? „Ich will den Menschen helfen, die sich selbst nicht helfen können.“ Auch privat helfen sich die Feuerwehrleute untereinander. Sie sind im besten Sinne Dorfgemeinschaft in der Großstadt – auch wenn es was zu feiern gibt. Das dürfte nach bestandener Prüfung der 13 Azubis der Fall sein.

1020 Einsätze

Acht Freiwillige Feuerwehren im Hamburger Süden bilden den Bereich Harburg. Dazu gehören Kirchdorf, Moorwerder, Marmstorf, Neuland, Rothenburgsort-Veddel, Rönneburg, Sinstorf und Wilhelmsburg.

Die 199 Freiwilligen der Einsatzabteilung – davon elf Frauen – sind 2017 zu 1020 Einsätzen ausgerückt. In der Jugendwehr sind 28 Jungen, sieben Mädchen.

Dreimal pro Woche haben sich die Feurwehranwärter während ihrer fünfmonatigen Grundausbildung getroffen. Nähere Infos: feuerwehr-hamburg.de