Harburg
Lexikon

Wie das Alte Land völlig neu entdeckt wird

Das Rathaus in Jork

Das Rathaus in Jork

Foto: picture alliance / Arco Images De Cuveland

Prof. Horst Dippel ist Mitherausgeber eines einzigartigen und neuen Lexikons. Es deckt viele nur Experten bekannte Geheimnisse auf

Jork.  Nur als Arbeitszimmer kann man diesen über und über von Büchern dominierten Raum kaum noch bezeichnen, Arbeits-Etage träfe es wohl besser: Hier oben im kompletten Dachgeschoss eines relativ neuen Einfamilienhauses am Ortsrand von Jork blickt Horst Doppel nicht nur auf Werke zur amerikanischen Geschichte oder den von ihm geschriebenen Bänden zur US-Verfassung, hier blickt der Historiker, wenn er am Schreibtisch aus den Fenstern schaut, auch auf die Weiten des Alten Landes: auf die langen Reihen der Obstbäume, auf Gräben, die sich durch die Landschaft ziehen und auf die mächtigen Fachwerk-Giebel. Und dieser Blick sowie gelegentliche Fahrradtouren mit seiner Frau haben den 76-jährigen Historiker dann auch auf die Idee zu einem bisher einzigartigen Lexikon zum Alten Land gebracht, das jetzt herausgekommen ist: 409 Artikel von rund 60 Autoren beschreiben diesen Landstrich zwischen Stade und Hamburg in vielen aber sehr anschaulichen Details und Abschnitten.

Historiker sind daran beteiligt, Hochschul-Professoren genauso wie Heimatforscher oder auch Naturwissenschaftler und engagierte Kommunalpolitiker. Eine breite Palette von Fachleuten, deren Wissen vom Alten Land hier zusammengefasst wurde. Da geht es natürlich um die Geschichte und den Obstbau, aber auch um Themen wie Verkehrswege, Elbvertiefung, Klima oder berühmte Persönlichkeiten. „Wir wollten ein Buch herausgeben, das sowohl für interessierte Laien wie für das Fachpublikum gleichermaßen benutz- und lesbar ist“, sagt Dippel. Kurzum: ein Nachschlagewerk, das auch spannend zu lesen ist. Und eines, das ganz bewusst auch den Hamburger Teil des Alten Landes mit Neuenfelde, Francop oder Cranz mit einbindet. „Wir wollten mit dem Buch auch an die kulturelle Einheit erinnern“, sagt Dippel.

Und diese Ziele sind gelungen — eben wohl auch, weil interessierte Neugier ganz am Anfang stand. In Hamburg hatte der Historiker Dippel seine akademische Laufbahn begonnen und war dann zuletzt bis zum Ruhestand gut 20 Jahre lang Professor für amerikanische Geschichte an der Uni Kassel gewesen. Für die Zeit nach dem aktiven Hochschulleben entschied sich Dippel vor neun Jahren gemeinsam mit seiner Frau, in die direkte Nachbarschaft der ältesten Tochter zu ziehen, mitten ins Alte Land nach Jork. „Für mich war das alles neu hier, das kannten wir gar nicht“, erzählt Dippel. Da wunderten sie sich beispielsweise, warum auf der einen Straßenseite die Obstbaumreihen in Nord-Süd-Richtung gepflanzt sind, gegenüber aber in Ost-West-Ausrichtung. Nach einigen Nachforschungen und Gesprächen mit den neuen Nachbarn kam er dahinter, dass solche Unterschiede noch aus Gemarkungsgrenzen entstanden sind, die viele hundert Jahre alt sind. Dippel war fasziniert: Auch die Anlage von Gräben, Siedlungen und nicht zuletzt die gemeinsame Kultur haben alle gemeinsame Wurzeln in der mittelalterlichen Struktur, als das Land von niederländischen Spezialisten urbar gemacht wurde. „Wenn man das weiß, sieht man plötzlich so viel mehr“, sagt er.

Der Professor aus Kassel traf schließlich auf seinen späteren Mit-Herausgeber Claus Ropers, Obsthändler und aktiv im örtlichen Kulturverein. Ein Altländer, dessen Familie seit Generationen schon hier lebt. „Er blickte sozusagen auf 700 Jahre Erfahrung zurück, ich auf sieben“, sagt Dippel: Und bei den langen Gesprächen zum Alten Land entstand schließlich die Idee zum Lexikon: Wobei ihn wohl auch seine Erfahrung auf ganz anderem Gebiet animiert hatte. Der Historiker Dippel hat schon einmal ein Lexikon herausgeben. Das begann in den 70er Jahren, als er den feinen Genuss eines guten Weines für sich entdeckte. In den Folgejahren schrieb er abseits seines eigentlichen Faches auch über Weine, darunter mit „Das Weinlexikon“ ein Standardwerk, das viele Jahre immer wieder neu aufgelegt wurde.

Diese Erfahrung half dann auch bei dem neuen Lexikon: Dippel und Ropers suchten zunächst Fachautoren. Darunter beispielsweise auch den Neuenfelder Kommunalpolitiker Manfred Hoffmann, der vor allem zum Hamburger Teil Beiträge lieferte. Die Artikel wurden auf Länge gebracht und von einem eigenen, mit Fachleuten unterstützen, Redaktionsausschuss noch einmal auf Fakten und Daten geprüft. „Den Herausgebern ist es gelungen, ein umfassendes Nachschlagewerk zur Geschichte, aber auch zur Gegenwart des Alten Landes zusammenzustellen“, heißt es in einer Würdigung der Kulturstiftung Altes Land. Ein vergleichbares Buch sei bisher nicht erschienen. Für Horst Dippel ist ein privates Ziel damit auch erreicht. Beim Blick aus dem Fenster oder bei Fahrradausflügen dürfte er selten noch auf Dinge stoßen, die völlig neu für ihn sind.