Harburg
Landkreis Harburg

Minirenten für 36.000 Beschäftigte

Steffen Lübbert befürchtet viel Altersarmut im Landkreis Harburg

Steffen Lübbert befürchtet viel Altersarmut im Landkreis Harburg

Foto: HA

Gewerkschaft NGG warnt vor Altersarmut im Landkreis Harburg. Mindestlohn reicht für mehr als eine Grundsicherung nicht aus.

Kreis Harburg.  Im Landkreis Harburg droht künftig Altersarmut stärker aufzutreten als bislang angenommen. Das befürchtet die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), die sich auf eine Renten-Analyse des Pestel-Instituts in Hannover stützt. Danach würden 36.000 Arbeitnehmer im Kreis Harburg nach ihren aktuellen Arbeitsbedingungen nur eine Rente unterhalb der staatlichen Grundsicherung bekommen – selbst wenn sie nach 45 Berufsjahren in den Ruhestand gehen. Damit wären 46 Prozent aller Beschäftigten im Landkreis betroffen. Das Institut (siehe Infokasten) hat dazu amtliche Statistiken ausgewertet.

Die Schwelle für die Grundsicherung „Alters-Hartz-IV“ liegt im Kreis Harburg bei aktuell 853 Euro im Monat. Dieser Betrag liegt über dem bundesweiten Durchschnitt von 780 Euro. Hintergrund sind vor allem die hohen Kosten für Wohnungen, die sich in der Metropolregion den Werten von Hamburg immer mehr annähern.

„Arbeitnehmer, die weniger als zehn Euro pro Stunde verdienen, haben keine Chance eine ausreichende Rente aufzubauen“, sagt Pestel-Institutsvorstand Matthias Günther. Zumal gerade sie kaum betriebliche Altersversorgungen in Anspruch nehmen könnten. „Oftmals wird die Schwelle von Hartz IV nur überschritten, wenn die Senioren als Paar in Rente gehen.“

Um über die Grundsicherung hinauszukommen, wäre für den Betrag von 780 Euro monatlich ein Stundenlohn von 12,60 Euro notwendig. Im den Kreis Harburg müsste deutlich mehr verdient werden. Zum Vergleich: Bundesweit gilt ein Mindestlohn von 8,84 Euro. Er steigt im nächsten Jahr auf 9,19 Euro und 2020 auf 9,35 Euro.

Für Steffen Lübbert, Geschäftsführer der NGG-Region Lüneburg, sind die Zahlen „alarmierend.“ Wer ein Leben lang gearbeitet habe, müsse später von seiner Rente auch leben können. „Am Ende steht hier das Vertrauen in die staatliche Altersvorsorge und damit der gesellschaftliche Zusammenhalt auf dem Spiel.“

Die Gewerkschaft sieht die Arbeitgeber in der Pflicht. „Klar ist, dass aus Mini-Löhnen keine Spitzen-Renten werden“, sagt Lübbert. Gerade in Branchen wie dem Gastgewerbe und Bäckerhandwerk müssten im Kreis Harburg viele Beschäftigte im Alter aufstocken. „Hoteliers, Gastronomen und Bäckermeister haben bei der Bezahlung aber durchaus Spielraum. Anstatt auf Aushilfen mit wenigen Wochenstunden zu setzen, sollten sie reguläre Vollzeitstellen schaffen – und nach Tarif bezahlen“, so der NGG-Geschäftsführer. „Die Arbeitgeber müssen bei Löhnen, Arbeitszeiten und Zusatzvorsorge viel mehr tun, damit die Menschen ihren Lebensabend genießen können.“

Gerade wer einen Teilzeit- oder Minijob habe, müsse sich auf einen „extrem mageren Rentenbescheid“ einstellen. Frauen seien besonders betroffen. Sogar unter Vollzeitbeschäftigten hat nach Berechnungen des Pestel-Instituts aktuell nrund jeder Zweite im Landkreis einen Rentenanspruch von weniger als 1000 Euro monatlich – nach 40 Arbeitsjahren.

Beim Jobcenter sollen im kommenden Jahr 48 Langzeitarbeitslose sowie Menschen, die zuletzt über sechs Jahre hinweg Leistungen vom Jobcenter bezogen haben (Projekt: Teilhabe am Arbeitsmarkt), zusätzlich in Arbeit gebracht werden. Dafür wird die Förderung für 2019 um 1,8 Millionen Euro auf 8,2 Millionen Euro steigen. Neu ist für beide Programme, dass sich die Zuschüsse an die Arbeitgeber an den Tariflöhnen oder ortsüblichen Entgelten und nur im Sonderfall an Mindestlöhnen orientieren.

Gefördert wird beim Teilhabeprojekt für fünf Jahre, wobei das Jobcenter den Lohn in den ersten beiden Jahren vollständig übernimmt. Für die Langzeitarbeitslosen gilt, dass die Löhne für 24 Monate, zunächst zu 75, später zu 50 Prozent übernommen werden. „Hintergrund für die Förderung ist auch der Gedanke, mit dem Tarifentgelt mehr für die Alterssicherung tun zu können“, sagt Jobcenter-Chef Klaus Jentsch.

Die Zahl armutsgefährdeter Rentner im Landkreis könnte allerdings künftig noch weiter steigen – falls die durchschnittliche Rente bis zum Jahr 2030 auf nur noch 43 Prozent des Einkommens sinken sollte. Das Pestel-Institut hält es dann für möglich, dass sogar mehr als 41.000 Menschen nach 45 Beitragsjahren bei einer Rente unterhalb der Grundsicherung landen.