Harburg
Borstel

Nach Maß: Sicherheitswesten für Jagdhunde

Christian Peick mit „Mila“ in der Garagenwerkstatt. Der fünf Monate alte Welpe hat bereits eine Schutzweste. 

Christian Peick mit „Mila“ in der Garagenwerkstatt. Der fünf Monate alte Welpe hat bereits eine Schutzweste. 

Foto: martina berliner / Martina Berliner

Die Schutzbekleidung schneidert Christian Peick noch in seiner umgebauten Garage – doch die Nachfrage wächst immer stärker.

Das Hobby zum Beruf machen. Sein Auskommen mit dem verdienen, was am meisten Spaß macht. Christian Peick lebt diesen Traum. Zumindest schon fast. Vor genau einem Jahr hat der gelernte Kaufmann und passionierte Jäger mit seiner Frau, einer Hundetrainerin, „Out Dog“ gegründet. Die Firma stellt maßgeschneiderte Schutzwesten für Jagdhunde her. Jetzt zeichnet sich Erfolg ab. „Das Unternehmen beginnt, sich zu tragen. Mindestens zwei Drittel meiner Arbeitszeit investiere ich in Out Dog. Tendenz steigend“, sagt Peick, der seine fünfköpfige Familie bisher überwiegend mit einem Handel für Medizinprodukte ernährt hat.

Sein Ziel ist klar: Er möchte sich mittelfristig ganz auf Out Dog konzentrieren. Mehr Mitarbeiter einstellen, neue Produktionsräume beziehen, das Sortiment erweitern. Zurzeit beschäftigt Peick drei Angestellte in Teilzeit. Zwei Schneiderinnen und ein gelernter Näher aus Syrien arbeiten in Peicks notdürftig ausgebauter privater Doppelgarage im Winsener Ortsteil Borstel. Zurzeit produziert das Team durchschnittlich 25 Westen pro Monat. Das befriedigt kaum die Nachfrage. Die Lieferzeit beträgt momentan bis zu vier Wochen. Eine lange Frist für Jäger, die ihren Hund lieber heute als morgen vor den messerscharfen Hauern angriffslustiger Wildschweine geschützt wissen möchten.

Wie groß der potenzielle Markt ist, zeigt die Statistik. „2016 gab es bundesweit 382.821 Jagdscheininhaber, in Europa sogar weit mehr als sieben Millionen. 63 Prozent der deutschen Jägerhaushalte haben einen oder mehrere Jagdhunde“, weiß Peick, der sich vor Firmengründung intensiv mit der Materie befasst hat. Den Jägern ist das Wohl ihrer Vierbeiner heute eine Menge wert. „Früher war der Jagdhund nur ein Helfer, der in den Zwinger gesperrt wurde, sofern man ihn nicht benötigte. Heute ist er Familienmitglied.“

Die vermehrte Sorge um das Wohl des Hundes entspringt aber nicht einzig gewachsener Tierliebe. Jagdhunde sind sehr teuer. „Ein ausgebildeter Hund hat heute einen Wert von 3000 bis 5000 Euro, einige noch deutlich mehr“, sagt Peick, der selbst einen Deutsch-Drahthaar und einen Labrador besitzt. Und die Gefährdung durch aggressive Schwarzkittel wachse. Da ist er sich sicher, obwohl es keine Statistiken dazu gibt. „Man liest in Jagd-Foren jede Woche von tödlichen Wildschwein-Attacken auf Hunde. Und manchmal bleibt leider auch ein Mensch auf der Strecke.“ Stichsichere Beinlinge für Hundeführer gehören deshalb ebenfalls zu Peicks Sortiment.

Warum die Aggressivität der Sauen zunimmt, kann Peick nur vermuten. „Ich und viele meiner Freunde glauben, dass es daran liegt, dass wieder Wölfe unterwegs sind“, sagt der Winsener, der in Bahlburg zur Jagd geht. Möglicherweise sei aber auch schlicht die größere Schwarzwilddichte entscheidend. Nach Peicks ersten Erfahrungen ist die Bereitschaft groß, in eine Hunde-Schutzweste zu investieren. Zumal der Preis vergleichsweise gering ist. Ein kleines Exemplar in Dackel-Größe ist schon ab 299 Euro zu haben. „Die tierärztliche Behandlung kommt meist teurer. Und ein verletzter Hund fällt für Wochen aus“, argumentiert Peick.

Lange vor Firmengründung hat er an der Materialauswahl gearbeitet. Reißfest, stichfest und UV-beständig müssen sowohl Textilien als auch Garne sein. Am als besten geeignet erwies sich ein Polyamidgewebe. Dass das Material der Westen wirklich stich- und schnittfest ist, hat Peick für viel Geld wissenschaftlich vom Deutschen Institut für Textilfaserforschung überprüfen lassen. Zur Anwendung kam eine Norm aus dem Fechtsport.

Wertvolle Tipps hatte Christian Peick im Vorfeld der Firmengründung auch von seinem Vater bekommen. „Der ist gelernter Schneider und hat früher Schwimmwesten für die Seenotrettung produziert.“ Peick erzählt, dass ihm das Schneiderhandwerk im Blut liege. Auch Mutter, Großvater und Urgroßvater waren Schneider. Einige der Nähmaschinen, die er heute wieder nutzt, stammen aus Familienbesitz. „Die alten Pfaff laufen einfach fantastisch. Nur eine neue Maschine mit Bestickungsautomatik habe ich neu angeschafft.“

Lange getüftelt und probiert hat er an der Passform, ebenfalls mit Vaters Hilfe. Als Modelle und Probanden dienten die eigenen Hunde und die der Jagd-Freunde. Schließlich müssen alle lebenswichtigen Bereiche geschützt sein, trotzdem muss der Hund optimale Bewegungsfreiheit haben. Peick hat eine Tabelle erstellt, nach der die Kunden ihren Vierbeiner selbst vermessen können. Für jene, die sich das nicht zutrauen, unternimmt er aber auch regelmäßig „Vermessungstouren“ rund durch die Republik, die er in sozialen Netzwerken ankündigt. Die Resonanz ist groß. Demnächst geht es nach Potsdam und Berlin, später nach Bayern.

Verkauft wird über das Internet. Auch aus dem europäischen Ausland wurde schon bestellt. Bisher aus Frankreich, Österreich und Luxemburg. Das Potenzial scheint riesig zu sein. „Theoretisch ist ja jeder neu geborene Jagdhund ein Kunde.“ Jetzt will Peick auch Welpen ausstatten – mit Leihwesten. „Einen Teil der Leihgebühr könnte man beim Kauf einer Weste anrechnen, wenn der Hund ausgewachsen ist“, überlegt der Unternehmer. Noch steckt das Welpen-Projekt gewissermaßen in den Kinderschuhen. Schließlich kommt das Out Dog-Team kaum mit der Produktion für erwachsene Hunde nach. Aber Peicks erst fünf Monate alter Deutsch Drahthaar hat schon eine eigene kleine Weste. Bei der Jagd macht Baby „Mila“ zwar noch nicht mit. Mitlaufen darf sie aber schon mal. Allerdings nur gut geschützt. www.outdog.org