Harburg
Schlaganfall-Patienten

Kassen fordern Millionen von Klinik

ARCHIV - 04.09.2014, Miesbach: Rettungsassistenten liefern eine Notfallpatientin auf einer Trage in ein Krankenhaus ein. Nach Schlaganfällen zählt jede Minute

ARCHIV - 04.09.2014, Miesbach: Rettungsassistenten liefern eine Notfallpatientin auf einer Trage in ein Krankenhaus ein. Nach Schlaganfällen zählt jede Minute

Foto: Stephan Jansen / dpa

Nach Urteil zur Vergütung von Schlaganfall-Behandlungen ist Versorgung im Umland offenbar gefährdet. Klinikchef schlägt Alarm

Lüneburg.  Das Städtische Klinikum Lüneburg schlägt Alarm. Nach einem Grundsatzurteil des Bundes­sozialgerichts vom Juni dieses Jahres steht die Versorgung von Schlaganfallpatienten für die Region südlich von Hamburg bis nach Lüchow-Dannenberg zur Disposition. Hintergrund: Die Klinik soll künftig die Kosten für komplexe neurologische Behandlungen nicht mehr mit den Krankenkassen abrechnen dürfen.

„Dann müssten wir die über Jahre aufgebauten und 2011 zuletzt zertifizierten Strukturen zurückfahren“, sagt Klinikum-Geschäftsführer Michael Moormann. Viele Patienten müssten nach einer Erstversorgung nach Hamburg wechseln. „Das ist für alle, für die jede Minute zählt, eine Katastrophe.“

Bislang und über Jahre hinweg hatte sich das Krankenhaus darauf verlassen, dass die Kassen die „hochaufwendigen und teuren Leistungen“ in Lüneburg bezahlen. „Das haben sie auch gemacht“, sagt Manager Moormann, promovierter Biologe. Davon profitieren derzeit jährlich 800 Patienten.

Jetzt jedoch fordern die Krankenkassen die nach dem Urteil vermeintlich zu Unrecht gezahlten Gelder zurück. Allein die AOK Niedersachsen will nach Angaben aus Lüneburg für die Jahre von 2014 bis zum 1. Januar 2017 mehr als 1,3 Millionen Euro einklagen. Nach ersten Berechnungen könnte diese Summe über alle Kassen gerechnet auf 6,5 Millionen Euro steigen.

Durch das Urteil aus Kassel werden zudem die Zeiten drastisch verkürzt, innerhalb derer Patienten in besonders kritischem Zustand in eine Klinik mit neurochirurgischer Abteilung verlegt werden können. Bisher galt: Länger als eine halbe Stunde darf der Transport des Patienten mit Krankenwagen oder Hubschrauber nicht dauern. Jetzt jedoch soll in den 30 Minuten auch noch der Transport angefordert, der Patient vorbereitet und die Angehörigen informiert werden.

„Das ist schon innerhalb eines Krankenhauses kaum möglich“, sagt Moormann. Patienten könnten dann nur noch in Kliniken adäquat behandelt werden, die auch eine Neurochirurgie vorhalten wie das Universitätskrankenhaus Eppendorf sowie die Asklepios-Kliniken in Altona und St. Georg. Für solche Kliniken und das Verlegen innerhalb der Häuser gilt die neu festgelegte Transportzeit nicht. Damit wird „nicht nur die Axt an die Schlaganfallbehandlung in Lüneburg, sondern in der gesamten Bundesrepublik außerhalb von Großstädten gelegt.“

Das Klinikum Lüneburg mit seiner auf die Behandlung von Schlaganfall­patienten spezialisierten Station, der sogenannten Stroke Unit, wäre plötzlich außen vor. Obwohl vor Ort besonders geschultes Personal arbeitet, dem umfangreiche Möglichkeiten zur Patientenüberwachung und Diagnostik zur Verfügung stehen.

So nimmt die Klinik für Neurologie am Qualitätssicherungsprojekt Schlaganfall Nordwestdeutschland unter Federführung der Universität Münster teil und erzielt dabei gute bis sehr gute Ergebnisse. Derzeit werden Patienten auch in 30 Minuten nach Hamburg gebracht. Doch wird die gesamte Rettungskette eingerechnet, wird das nicht mehr möglich sein.

Der AOK Bundesverband verweist auf ein weiteres entscheidendes Detail des Grundsatzurteils. So seien die Krankenkassen durch die geplanten rückwirkenden Gesetzesänderungen „unter einen enormen, ungerechtfertigten Zugzwang gesetzt“ worden, wie AOK-Sprecher Kai Behrens sagt. „Denn alle Rückzahlungsforderungen gegenüber Krankenhäusern, die vor dem 1. Januar 2017 entstanden sind und nicht bis zum 9. November 2018 gerichtlich geltend gemacht wurden, wären auf einen Schlag hinfällig gewesen.“ Deshalb habe man die Klagen eingereicht. Schließlich müssten die Kassen mit den Beiträgen ihrer Versicherten verantwortlich umgehen. „Wir sahen uns zur Sicherung dieser Ansprüche gezwungen.“

Allerdings räumt Behrens ein, dass die eingetretene Situation nun für alle Beteiligten, Krankenhäuser, Gerichte und Krankenkassen eine Belastung darstelle, die man hätte vermeiden können. „Für die Verhandlungen zwischen Kassen und Krankenhäusern haben wir bewährte Verfahren.“

Die AOK suche daher nach Lösungen. „Wir führen in allen Bundesländern Gespräche mit Krankenhäusern und Ministerien. So können wir die aufgeworfenen Fragen hoffentlich noch auf dem Verhandlungswege klären“, sagt Behrens.

Zunächst jedoch steht eine Lösung aus. Für Klinikum-Geschäftsführer Moormann ist klar: „Wenn sich die Krankenkassen mit ihrer Meinung durchsetzen, dass wir für ihre Versicherten die komplexe Schlaganfall­behandlung in Lüneburg nicht zu ihren Lasten erbringen durften und künftig nicht erbringen dürfen, müssen viele Patienten nach Hamburg gebracht werden. Damit fallen wir bei der zeitnahen Versorgung von akuten Schlaganfällen in das letzte Jahrtausend zurück.“