Landkreis Harburg

Pflegedienste stehen vor dem Kollaps

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Rolf Zamponi
Eine Pflegerin begleitet eine alte Dame mit Rollator beim Gang durch einen Flur. Ambulante Pfleger suchen ihre Kunden zu Hause auf.

Eine Pflegerin begleitet eine alte Dame mit Rollator beim Gang durch einen Flur. Ambulante Pfleger suchen ihre Kunden zu Hause auf.

Foto: Oliver Berg / dpa

Firmen im Kreis erhalten zu wenig Geld für ihre Behandlungen. Brief an Gesundheits- und Sozialminister.

Landkreis Harburg.  Die Gemeinschaft der Pflegedienste im Landkreis Harburg schlägt Alarm. „Die ambulante Pflege ist in ihrer Existenz bedroht“, teilten 15 Dienste der Gemeinschaft jetzt mit. Hintergrund: Fachkräfte wandern über die Landesgrenze nach Hamburg ab, weil sie dort deutlich besser bezahlt werden. Das aber kann rasch dazu führen, dass die Versorgung der Menschen nicht mehr gewährleistet werden kann. In einem Offenen Brief haben sich die Dienste deshalb an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Bundessozialminister Hubertus Heil und die niedersächsisches Landessozialministerin Carola Reimann gewandt. Der Brief liegt dem Abendblatt vor.

Hintergrund für die schwierige Situation im Landkreis sind massive Unterschiede bei den von den Krankenkassen bezahlten Leistungen. „Für ein Injektion und die Anfahrt erhalten wir im Kreis oftmals nur 8,53 Euro, während in Hamburg zwischen 16 und knapp 20 Euro bezahlt werden“, sagt Ole Bernatzki, geschäftsführender Gesellschafter des größten privaten Pflegedienstes im Kreis, dem Ambulanten Hauspflegedienst in Jesteburg.

Die Krankenkassen würden diese Unterschiede mit den günstigeren Kosten im Vergleich zu Hamburg begründen, so Bernatzki, der inzwischen 170 Mitarbeiter beschäftigt und zu den Unterzeichnern des Offenen Briefes gehört.

Doch viele Kosten wie für Lebensmittel oder Benzin sind eben in der Metropolregion nicht günstiger als direkt in Hamburg. Die Anfahrtwege sind im Gegenteil häufig länger. „Die Lage im Speckgürtel Hamburgs ist ein Problem“, schreiben die Dienste.

Ein Pfleger erhält im ambulanten Dienst derzeit nach der Ausbildung zwischen 2500 und 3000 Euro brutto. Bernatzki geht davon aus, dass in Hamburg aufgrund der Vergütungen der Kassen 20 bis 25 Prozent mehr bezahlt wird. „Bei Vorstellungsgesprächen habe ich schon gehört, dass Bewerber, die gern bei uns angefangen hätten, sich dann doch anders entschieden haben“, sagt der Pflegedienst-Chef. Einer der Gründe: Selbst die Anfahrt zur Arbeitsstelle würde in Hamburg in Einzelfällen von Arbeitgebern mit zehn Cent pro Kilometer vergütet.

Bereits im Sommer hatten die Dienste mit einem Brief an Minister Spahn darauf hingewiesen, dass sie keine neuen Patienten in die häusliche Krankenpflege mehr aufnehmen könnten. Eine Reaktion vom neuen Gesundheitsminister kam im Kreis Harburg jedoch nicht an. „Wir fühlen uns allein gelassen“, sagt Bernatzki. Nun verschärft sich die Krise. Denn nun wartet schon die nächste Herausforderung.

Dabei geht es um die Beratungsbesuche bei den Kunden. Sie sind die Grundlage dafür, dass Menschen, die privat gepflegt werden, Geld von der Krankenkasse bekommen. Zwei bis drei Mal im Jahr müssen Pflegedienste ihre Mitarbeiter zu den Kunden schicken, um die Angehörigen zu beraten. „Wir müssen dabei prüfen, ob die Pflege gesichert ist“, sagt Bernatzki.

Doch für diese Besuche zahlen die Krankenkassen derzeit nur 23 bis 33 Euro je nach dem Pflegegrad des Patienten. Viel zu wenig, kritisiert die Gemeinschaft. Denn für den Termin muss von der Planungen bis zur Abrechnung einschließlich der Dokumentation mit einem Aufwand von bis zu 90 Minuten gerechnet werden. Zudem werde der Weg zu den Kunden nicht vergütet. „Wirtschaftlich ist das nicht akzeptabel“, heißt es in dem Brief.

Ohne den Nachweis des Besuchs erhalten die betroffenen Menschen jedoch kein Geld von der Krankenkasse. „Nach ein bis zwei Monaten werden die Zahlungen dann eingestellt“, weiß der Jesteburger Pflegedienstchef. Was das für die Situation vor Ort bedeutet, scheint kaum auszudenken. „Für viele Familien eine Katastrophe“, fasst der Brief die Lage in solchen Fällen schlicht zusammen.

Bernatzki hat ausgerechnet, dass für sein Unternehmen bis zum Jahresende noch rund 100 Beratungsbesuche anstehen. „Die werden wir gerade noch schaffen“. Doch mehr sei nicht drin. „Neue Kunden müssen wir ablehnen.“

Die Gemeinschaft der Dienste hofft nun, dass ihr Hilferuf nicht wie vor einigen Monaten verhallt. Die Forderung ist klar: „Wir brauchen eine bundesweit einheitliche Vergütung von Leistungen durch die Kassen, um gerechten Wettbewerb zu ermöglichen.“

Mehr Bedürftige

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wächst. Bis zum Jahr 2035 werden laut einer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) veröffentlichten Studie rund vier Millionen alte Menschen auf Pflege angewiesen sein. Das bedeute auch, dass bis zu diesem Zeitpunkt mindestens 500.000 Pflegekräfte in Deutschland nötig sein werden. Schon jetzt kommen laut IW auf 100 bei den Arbeitsagenturen gemeldeten Altenpflegerstellen 22 arbeitslose Fachkräfte. Dabei wird nur jede zweite offene Stelle bei den Agenturen gemeldet. Deutschlandweit arbeiten derzeit etwa 245.000 Menschen als Altenpfleger. Dazu kommen etwa 230.000 Altenpflegehelfer.

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