Interview

„Die SPD steckt in alten Strukturen fest“

| Lesedauer: 7 Minuten
Lutz Kastendieck
Martin Gerdau ist Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Buchholz, Mitglied des Stadtrats Buchholz und der Kreistagsfraktion

Martin Gerdau ist Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Buchholz, Mitglied des Stadtrats Buchholz und der Kreistagsfraktion

Foto: Lutz Kastendieck

Das Abendblatt-Gespräch mit Martin Gerdau, Vorsitzender des Buchholzer SPD-Ortsvereins und Mitglied des Stadtrates.

Buchholz.  Nicht nur in Berlin ist die SPD unter Druck, auch in der Nordheide. Im Abendblatt-Interview spricht der Vorsitzende des Buchholzer SPD-Ortsvereins, Martin Gerdau, über Glaubwürdigkeitsprobleme, die Große Koalition und Grünen-Guru Robert Habeck.

Macht es in diesen Zeiten Spaß, Vorsitzender eines SPD-Ortsvereins zu sein?

Ich habe einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Wenn ich etwas bewegen will, kann ich schlecht zu Hause sitzen und nur meckern. Dann doch lieber an vorderster Front.

Spielt dabei auch eine Rolle, dass Sie gewissermaßen familiär vorbelastet sind?

Das lässt sich kaum leugnen. Mein Großvater Hermann war schon Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Buchholz und Mitglied des Stadtrats, das Gleiche gilt für meinen Vater Horst. Da ist bestimmt einiges abgefärbt.

Wie ist zu erklären, dass nach dem absoluten Tiefschlag bei der Landtagswahl in Bayern der Stimmungsumschwung auch nach der Hessen-Wahl ausgeblieben ist?

Beide Wahlen waren überschattet von der Bundespolitik. Der Dauerstreit in der Großen Koalition hat alles überlagert. Die SPD hat Probleme mit ihrer Außen- und Selbstdarstellung. Hinzu kommt, dass nach der verpatzten Bundestagswahl wenig von Aufbruchstimmung und Mut zur Neuorientierung zu spüren ist. Deshalb hat die Partei ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Gilt das auch für die SPD im Landkreis? Im Stadtrat votierte die Fraktion für das Stadtentwicklungskonzept „Buchholz 2025plus“, zu dessen fundamentalen Elementen die Ostumfahrung zählt. Im Kreistag stimmte die Fraktion gegen notwendige Planungsmittel. Wie verträgt sich das?

Es kann nicht sein, dass die CDU-Fraktion in Zeiten knapper Kassen willkürlich über eine Million Euro für Planungskosten abstimmen lassen will, ohne dass klar ist, wofür genau das Geld ausgegeben werden soll. Nach unserer Überzeugung wäre es Aufgabe der Verwaltung gewesen, die notwendigen Summen für einzelne Planungsetappen auf Grundlage eines konkreten Fahrplans zu benennen. Es ist ja noch nicht mal beschlossen, ob es sich bei der Ostumfahrung am Ende tatsächlich um eine Kreisstraße handeln wird. Die SPD in Buchholz und im Kreis steht hinter „Buchholz 2025plus“, wir wollen bezahlbares Wohnen und eine Entlastung der Innenstadt.

Das Nein der SPD-Kreistagsfraktion hat am Ende sogar zu einem offenen Brief des CDU-Ortsverbandsvorsitzenden Christian Horend geführt, in dem Sie und Ihr Fraktionskollege Norbert Stein öffentlich an den Pranger gestellt worden sind. Fürchten Sie gravierende Folgen für die Akzeptanz der Partei in Buchholz?

Die Reaktion der CDU ist völlig unverhältnismäßig. Uns geht es nicht darum, eine Ostumfahrung zu verhindern, sondern darum, die notwendige Dimension sorgfältig zu planen. Jetzt das Ende aller Planungen für neue Wohnquartiere im Osten der Stadt sowie einer Entlastungs- und Erschließungsstraße heraufzubeschwören, ist schlicht lächerlich.

Politikwissenschaftler monieren, man wüsste einfach nicht, wofür die SPD noch steht. Würden Sie dem zustimmen?

Als Juniorpartner in einer GroKo Profil zu entwickeln, ist nicht einfach. Das war schon in den beiden vorangegangenen Legislaturperioden ein Problem. Und es sprach nur wenig dafür, dass das nun besser klappen würde.

Dabei gibt es jede Menge sozialdemokratischer Themen, die neben dem Mindestlohn mit Nachdruck bearbeitet werden müssten, von der Pflege bis zur Rente, vom bedingungslosen Grundeinkommen bis zur Forderung, dass endlich alle in die sozialen Sicherungssysteme einzahlen sollten. Doch soziale Gerechtigkeit spielt scheinbar keine große Rolle mehr, obwohl alle immer davon reden.

Klingt so, als wären Sie kein Freund der Großen Koalition.

Ich habe mich bei der Mitgliederbefragung zur Aufnahme von Koalitionsverhandlungen klar dagegen ausgesprochen. Und ich fühle mich durch die ersten Monate nur bestätigt. Die GroKo macht falsch, was nur falsch zu machen ist. Das fängt beim Umgang mit dem Dieselskandal an und hört bei der Causa Maaßen auf.

Ist nach der Hessenwahl der Druck auf die Parteispitze hinsichtlich einer personellen Erneuerung noch einmal gewachsen?

Zwar lösen personelle Konsequenzen keine inhaltlichen Fragen. Die kritischen Stimmen an der Parteibasis werden aber lauter. Es macht keinen Sinn auf Dauer die Falschen an der Spitze zu halten. Nach meiner Überzeugung hätte sich der gesamte Vorstand schon nach der Bundestagswahl einem Mitgliedervotum stellen müssen. Stattdessen wurde alle Verantwortung Spitzenkandidat Martin Schulz und Vizekanzler Sigmar Gabriel zugeschoben. Seitdem hat sich der Vorstand noch weiter von der Basis entfernt. Er setzt sich mit deren Wünschen und Sorgen zu wenig auseinander.

Wer wäre für Sie denn eine echte Alternative an der Parteispitze?

Zum Beispiel Katarina Barley. Dass sie jetzt SPD-Spitzenkandidatin für die Europawahl im Mai 2019 werden soll, hinterlässt mich zwiegespalten. So sehr ich Verfechter eines starken Europas bin, an der Parteispitze hätten wir sie ebenso dringend gebraucht. Der oder die nächste Vorsitzende sollte in jedem Fall in einer Urwahl ermittelt werden.

Der SPD mangelt es aber offenbar an charismatischen Figuren. Selbst Hamburgs Ex-Bürgermeister Olaf Scholz wirkt oft eher wie ein humorloser Technokrat. Rächt es sich jetzt, dass kein frisches Spitzenpersonal langfristig aufgebaut wurde?

Es stimmt, dass der Partei der Nachwuchs fehlt. In vielen Ortsvereinen dominieren die Älteren das Bild. In Buchholz gehöre ich mit meinen 40 Jahren schon zu den Jüngeren. Wir stecken in alten Strukturen fest, müssen uns auch an der Parteispitze zwingend verjüngen. Für mich könnte der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert mit seinen 29 Jahren schon heute mehr Verantwortung übernehmen.

Schauen Sie in diesem Zusammenhang schon mal sehnsüchtig zu den Grünen? Robert Habeck sammelte selbst in der bissigen heute-Show des ZDF viele Sympathiepunkte.

Habeck ist sicher ein Glücksfall für die Grünen. Er ist intelligent, redegewandt und charmant. Aber er beweist auch, dass es bei Wahlen leider nicht mehr nur um Inhalte geht, sondern zunehmend um Personen. Aber ohne echte, glaubhafte Sympathieträger bist du im deutschen Politikbetrieb der Gegenwart verloren.

Abschalten mit Einstein

Martin Gerdau wurde Mitte März dieses Jahres zum Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins Buchholz gewählt. Seit 2014 gehört er dem Kreistag an, seit 2016 dem Stadtrat.

Der 40-Jährige hat nach Abitur und Schlosserlehre Maschinenbau studiert und ist heute selbstständiger Unternehmer.

Als talentierter Handwerker springt er auch gern mal als Zimmermann und Dachdecker ein und ist zudem in der Erwachsenenfortbildung tätig.

Zur Erholung begibt er sich gern auf ausgedehnte Campingurlaube mit seiner Partnerin Trixi und dem Hund Einstein.

( luka )

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