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Buxtehude

„Fahrradstreifen sind viel zu unsicher!“

Der Ottensener Weg in Buxtehude: Wer als Autofahrer nicht in den Gegenverkehr fahren will, muss über die Streifen fahren.

Der Ottensener Weg in Buxtehude: Wer als Autofahrer nicht in den Gegenverkehr fahren will, muss über die Streifen fahren.

Foto: Axel Tiedemann / AT

An Straßen in Hamburg und Buxtehude teilen sich Rad- und Autofahrer die Fahrbahn. Konzept stößt auf Kritik.

Buxtehude.  Nun hat auch Buxtehude solche Streifen: Wie der große Nachbar Hamburg setzt die Hansestadt an der Este bei der Umsetzung ihres Radverkehrskonzepts offenbar auch auf gestrichelte „Schutzstreifen“ für Radfahrer, wie sich jetzt bei der Umsetzung des ersten größeren und vor allem im Straßenverkehr auch sichtbaren Projekts dieses bereits 2013 beschlossenen Plans zeigt.

Der Ottensener Weg als wichtige Nord-Südachse wurde dazu an mehreren Stellen umgearbeitet und soll so als „radfahrerfreundliche“ Strecke über die Straße An der Rennbahn bis weit in die Stadt und Richtung Bahnhof weiter geführt werden.

Ähnliches ist dann für weitere Verkehrsachsen der Stadt geplant. Gestrichelte Linien markieren dabei den Bereich, wo die Radfahrer künftig auf der Fahrbahn radeln können. Und zwar immer dort, wo es für Radfahrer eine Steigung gibt. Für zwei solcher Streifen ist die Straße zu schmal. Irritierend für Autofahrer dabei: Wenn sie nicht auch den markierten Streifen befahren wollen, geraten sie zwangsläufig in den Gegenverkehr.

Gefühlt ist so aus einer zwei- eine einspurige Straße geworden. Hintergrund: Bereits 2014 ist die Rad-Benutzungspflicht für den viel zu engen Geh- und Radweg dort aufgehoben worden. Radfahrer dürfen hier jetzt also auf der Fahrbahn fahren – oder mit Rücksicht auf die Fußgänger weiter den alten Gehweg benutzen.

„Diese Markierungsarbeiten verdeutlichen visuell, was schon heute die Rechtslage ist: Der Radfahrer soll als gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer auf der Straße fahren: Weil das vielen Verkehrsteilnehmern nicht bewusst war, soll die Maßnahme die Verkehrsregelung verdeutlichen und alle Verkehrsteilnehmer entsprechend sensibilisieren“, begründet die Stadt diesen Weg.

Doch es gibt offensichtlich auch starke Zweifel, ob das wirklich eine sinnvolle und sichere Umbaumaßnahme für Radfahrer ist. Kritik an dem Projekt äußerte beispielsweise bereits im Vorfeld der Planung die CDU-Ratfrau Susanne Milewski. Der Ottensener Weg sei viel zu stark befahren, um hier mit solchen Radstreifen zu beginnen. „Das ist für Radfahrer viel zu unsicher“, glaubt sie.

Und selbst der Grünen-Ratsherr und ausgewiesene Radverkehrspolitiker Ulrich Felgentreu scheint noch nicht ganz überzeugt von der ersten Maßnahme des neuen Konzepts zu sein. „Wichtig ist, dass wir endlich einmal angefangen haben - aber das sieht doch noch etwas anders aus, als uns einmal vorgestellt wurde“, so Felgentreu. Und gerade der Beginn des Radstreifens an der Ortseinfahrt des Buxtehuder Ortsteils Ottensen sei angesichts der dort schnell fahrenden Autos eher „grenzwertig“.

Doch wie sicher sind Radstreifen wirklich? Die Buxtehuder Stadtverwaltung argumentiert damit, dass das Radfahren auf der Fahrbahn sogar sicherer als auf den alten Radwegen sei, weil Radfahrer dann nicht an Kreuzungen aus dem Blickfeld des Autoverkehrs geraten können - was gerade bei den häufigen und für Radfahrer manchmal tödlich endenden Abbiegeunfällen vorkommt.

Und auch die rotgrüne Landesregierung in Hamburg setzt mit diesem Argument mal auf „Radfahrstreifen“ mit durchgezogenen Linien, aber auch wie in Buxtehude auf „Schutzstreifen“ mit gestrichelter Line, die laut Gesetz von anderen Verkehrsteilnehmern „bei Bedarf“ befahren werden können.

Doch genau das ist das Problem, weil es viele Spielräume für Interpretation zulasse, sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der deutschen Versicherungen. „Schutzstreifen lehne ich generell ab“, so der Unfallforscher. Denn: Es habe sich gezeigt, dass Autofahrer die langsameren Radfahrer bei Vorhandensein solcher Streifen sogar viel dichter überholen, als wenn der Radler ganz ohne Streifen die Fahrbahn nutzt.

Konstruktionen wie in Buxtehude lehnt er sogar mit deutlicher Vehemenz ab, weil dort Autofahrer nicht nur bei gelegentlichen Ausnahmen, sondern regelmäßig ebenfalls den Streifen benutzen müssen, um nicht in den Gegenverkehr zu fahren. „Das, so sagt Brockmann, „das ist nur eine Radverkehrspolitik, die so tut, als sei sie eine – das ist einfach ein Fake.“

Die sicherste Radverkehrsanlage aus Sicht des Unfallforschers ist eben immer noch ein genügend breiter, eigenständiger Radweg, der an Einmündung so geführt wird, dass Radfahrer dort von anderen Verkehrsteilnehmern gesehen werden können Doch dafür fehlt offenbar oft der Raum oder das Geld – Striche auf der alten Fahrbahn dürften da viel günstiger sein.

Radstreifen

Seit 2010 gilt die Fahrbahnbenutzung für den Radverkehr als Regel, nicht mehr als Ausnahme. Um Radfahrer zu schützen, gibt es aber spezielle Radfahrstreifen mit durchgezogener Linie, die von Autos nicht befahren werden dürfen. Daneben gibt es wie in Buxtehude Schutzstreifen (auch „Angebotsstreifen“) mit gestrichelter Linie, die „bei Bedarf“ überfahren werden können. Allerdings sollte sich das laut Verkehrslexikon auf „seltene Fälle“ beschränken.